Opel Insignia : Die Caravane zieht weiter

Der Krise zum Trotz: An diesem Sonnabend startet die Kombi-Version des Opel-Flaggschiffs Insignia.

Eric Metzler

Damit hier erst gar keine Missverständnisse aufkommen: Wenn wir dem Opel Insignia Sports Tourer jetzt gleich ein tolles Zeugnis ausstellen, dann hat das nicht das Geringste mit Mitleid zu tun. Denn wer den Kombi probefährt, nachdem er an diesem Wochenende zu den Händlern kommt, wird unseren Eindruck vermutlich nach wenigen Kilometern bestätigen: ein gelungenes Auto. Eins für die Zukunft. Vielleicht.

In diesem Vielleicht schwingt eine Bitternis mit, wie sie derzeit wohl tausende Opelaner empfinden: Mensch, was haben uns die Amis da eingebrockt. Wir legen uns ins Zeug, wir bauen seit Jahren Autos, die von den Fachleuten hoch gelobt werden – und doch geht alles zuschanden. Ausgerechnet jetzt, wo eine internationale Jury unser neues Aushängeschild zum „car of the year“ gewählt hat! Seit einem halben Jahr gibt es die Limousine vom Insignia. Die Besprechungen des Mittelklasseautos können sich genauso sehen lassen wie die bislang 75 000 Verkäufe in Europa. Wenn die europäischen Händler ebenso effektvoll wie wirkungslos ankündigen, ihren Teil zur Rettung von Opel beitragen zu wollen, hat das auch mit dem Insignia zu tun: Von diesem Modell sind alle, die irgendwo und irgendwie mit dem Blitz zu tun haben, überzeugt.

Zu Recht, wie wir nach einer ersten Ausfahrt mit dem Kombi namens Sport Tourer bestätigen können: Auch in dieser Karosserieform macht der Insignia seinem Fahrer überwiegend Freude. Die acht zusätzlichen Längenzentimeter im Vergleich zur Limousine wirken sich unterwegs nicht nachteilig aus, im Gegenteil. In schnell gefahrenen Kurven macht sich die leichte Lastverschiebung nach hinten sogar positiv bemerkbar. Unabhängig von den sage und schreibe neun Motorisierungen (siehe Kasten) empfinden wir den Insignia als leichtfüßiges Auto, dem ein Gewicht von 1,6 Tonnen beim Fahren nicht anzumerken ist. Die Lenkung könnte allerdings nach unserem Geschmack eine Spur direkter sein. Die Standardabstimmung des Fahrwerks dürften die meisten Kunden goutieren, auch wenn es im Vergleich zum Beispiel zu einem Volvo im ersten Moment relativ straff wirkt. Wer daran drehen möchte, bestellt die 930 Euro teure Option Flex Ride: Mit dem adaptiven Fahrwerk stehen die Persönlichkeitsprofile Tour oder Sport zur Wahl. Angepasst wird dabei nicht nur das Ansprechverhalten der Dämpfer, in einem Aufwasch ändert sich auf Tastendruck auch die Charakteristik von Gaspedal und Lenkung. Die Handschaltung ist, anders als bei manch früherem Opel-Modell, geschmeidig; an den Bremsen gibt es subjektiv nichts auszusetzen.

Auffällig ist, wie wenig Aufhebens Opel um die Präsentation des klassischen Kombi-Themas Raum und Gepäck macht. Vielleicht liegt das daran, dass dem Insignia in dieser Hinsicht jede Innovation fehlt. Im Gegensatz zu den Abteilungen Sicherheit (das „Opel Eye“ erkennt Tempolimits und zeigt sie dem Fahrer an) und Licht (AFL+ bietet vollautomatische Lichtprogramme) gibt es von der Sparte Logistik nichts Spektakuläres zu vermelden. Und rein zahlenmäßig ist ein Ladevolumen von 540 Liter im Normalzustand und 1530 Liter bei umgeklappter Rückbank nur Durchschnitt in dieser Klasse. Der Rivale Passat zum Beispiel schluckt gar 200 Liter mehr. Immerhin, die absolut geraden Seitenflächen, die darin integrierten Laufschienen für diverses Zubehör und die niedrige Ladekante können gefallen, genauso wie die edle Verarbeitung. Für die Insassen ist der Platz vorne üppig, hinten hat man trotz der nach hinten abfallenden Dachlinie deutlich mehr Kopffreiheit als in der Insignia-Limousine.

Natürlich liegt dort, am Ende des Insignia, der Unterschied. Hier wurden Stufen- und Fließheck zum Kombi gemorpht. Das Ergebnis sieht weniger kantig aus als beim Vectra (der noch Caravan und noch nicht Sports Tourer hieß); Heckklappe und Scheinwerfer wölben sich um die Ecke bis in die Flanken. Unter der Heckklappe mit ihrer markanten Chromleiste fällt ein Falz auf, wie er ebenfalls den aktuellen Astra vorne auf der Motorhaube ziert – aber das ist so ziemlich das Einzige, was beim Insignia noch an die anderen Opel erinnert. Ansonsten haben die Designer alles Biedere, alles Gestrige aus der Form getilgt – innen wie auch außen.

Man kann sagen: Der Neue hat Schwung bis ins Detail. Jedem Rädchen, jedem Schalter, jeder Abdeckung ist anzumerken, dass es hier jemand besonders gut gemeint hat. Das Look-and-feel stimmt – jedenfalls, solange man sich für die schwarze und gegen die beigebraune Innenausstattung entscheidet. Das Armaturenbrett schmiegt sich um die vorderen Passagiere, man nimmt Platz und fühlt sich gut aufgehoben, nicht zuletzt deshalb, weil die Sitze hervorragend ausgeformt sind. Irritierend wirken zunächst die vielen Schalter und Knöpfe, die sich um das Display in der Mittelkonsole versammeln. Nach einigen Stunden Fahrzeit indes versteht man, warum Opel sich für dieses Allerlei entschieden hat. Es hat was, wiederkehrende Aufgaben ganz fix mit einem Griff anpacken zu können: Wer ein neues Ziel eingeben will, kann mit der Taste „Dest“ gleich loslegen, statt sich umständlich durch ein Menü zu klicken. Auffällig am Rande: Die Bildschirmanzeige ist extrem übersichtlich und selbsterklärend.

Und was den Preis angeht: Für den Sports Tourer verlangt Opel gegenüber der Limousine faire 900 Euro Aufschlag. Die Preise beginnen damit laut Liste zwar bei rund 24 000 Euro, unter den meisten Bestellungen wird aber wohl eine Zahl leicht unter oder leicht über 30000 Euro stehen. So ist es auch beim Passat, der sich preislich auf gleichem Niveau bewegt.

Bleibt noch die Frage nach der Zukunft des Herstellers. Wenn Opel überlebt, wird der Insignia Kombi ein Erfolg werden. In umgekehrter Reihenfolge ist das leider nicht so sicher.

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