Opel Meriva : Und weit das Tor

Beim neuen Meriva stimmt was nicht. Die hinteren Türen öffnen in die falsche Richtung. Warum macht Opel das?

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Ihren neuen Pullover hat sie heute Morgen aus einem selbstgebauten Kleiderschrank geholt. Er steht passgenau in einer Nische vor dem Bett, die Garderobe hinter schiebbaren Stoffbahnen verstaut. Die Schuhe parken im Flur; ein Kämmerchen unter der Dachschräge, weswegen sich die schmale Tür vor den Treterchen nicht ganz öffnen lässt. An dieser Notlösung laufen Besucher achtlos vorbei – regelmäßig bestaunt werden hingegen die prächtigen Flügeltüren zum Wohnraum.

Was bitte hat das mit dem neuen Meriva zu tun? Nichts und doch eine Menge. Die Berliner Altbauwohnung verrät nämlich Szenarien, die Opel durchgespielt hat, als man sich aufmachte, die Neuauflage des Bestsellers zu kreieren. Studien hatten ergeben, dass die Rückbank für Meriva-Fahrer das A und O des Autos ist. Und deswegen kreisten alle Gedanken der Entwickler um den Einstieg nach hinten. Lassen wir alles, wie es beim Vorgänger recht war und billig? Dann bliebe es bei stinknormalen Türen, die sich nicht weiter öffnen lassen als die unserer beengten Schuhkammer im Flur. Diese Variante ist günstig, im Wettbewerb gang und gäbe. Und genau deshalb keine Option. Oder verpassen wir dem Meriva Schiebetüren, die den Zugang zu unseren Klamotten so bequem machen? Logistisch verlockend, aber mit Blick auf junge Familien ein Irrweg: Mit den entsprechenden Laufschienen würde das Kompaktauto zu lang. Bleiben die Portaltüren, die Berliner Altbauten so großzügig machen – und so besonders.

Meistens lässt man sie offen stehen, genießt das Gefühl der Weite. Beim Meriva stellt sich derlei Panorama trotz der B-Säule ein. Die dient als Anschlag in der Mitte. Hier treffen sich die gegenläufigen Türen. Sind sie geschlossen, fällt ein Knick im Fenster der hinteren Tür auf. Dahinter verbirgt sich ein dreifacher Trick. Einmal lenkt er den Blick unbedarfter Passagiere darauf, dass man die Sache im Meriva anders anzupacken hat als bei anderen Autos: Hier und nicht am Ende der Tür sitzt der Griff. Zum Zweiten vergrößert der Knick die Glasfläche; Kinder haben so einen freieren Blick nach draußen. Und zugleich entschärft die Welle eine konstruktive Erfordernis, die den Designern schlaflose Nächte gemacht hat: Im Bereich über dem Hinterrad sitzen die Bänder der Tür. Und um die ausreichend stabil und damit sicher hinzubekommen, braucht es eine Aufnahme von mindestens 360 Millimeter, an denen die Scharniere aufgehängt werden. Das Fenster rutscht also zwangsläufig weit nach oben. Ohne den Knick ergäbe sich im Profil eine allzu steil ansteigende Fensterlinie.

Wie sich die unkonventionelle Türlösung des Meriva anfühlt, haben wir in Rüsselsheim am stehenden Modell probiert – zwei Monate vor der Weltpremiere auf dem Autosalon in Genf. Aufgefallen ist uns bei der Anprobe mehrerlei:

Das Bestücken des Meriva mit Kindersitzen, das Hereinheben der Kleinen, das Anschnallen, all das wird viel leichter. Die Bewegungsfreiheit für einen hantierenden Erwachsenen an der hinteren Tür ist enorm. Links von einem steht eben keine Tür im Wege.

Die Türen lassen sich sperrangelweit aufstellen: Ihr Öffnungswinkel beträgt vorne wie hinten 87 Grad. Für gewöhnlich sind es nur 67. Beim Beladen von Herrn Obi und Frau Edeka hilft es durchaus, wenn sich die Kiste auf geradem Weg reinhieven lässt.

Zwischen den geöffneten Türen entsteht eine Art subjektive Sicherheitszone. Die Türen begrenzen einen ungewohnt breiten Aktionsradius – und was es bringt, für ein dringendes Geschäft nicht um eine Tür herumlaufen zu müssen, wissen alle, die ihre Kinder schon mal auf der Rückbank windeln.

Beim Verlassen des Fond muss man sich leicht umgewöhnen, merkt dann aber schnell den Vorteil des Türkonzeptes: Linke Hand an den dicken, starren Türgriff in der B-Säule, dann zieht man sich schräg nach vorne heraus. Achten Sie mal in Ihrem konventionell gebauten Auto darauf: Notgedrungen dreht man sich da beim Aussteigen leicht nach hinten rechts heraus. Und der Fuß tastet sich auf den Boden, weil man nicht weiß, wo er hintritt.

Dass die Idee gegenläufiger Türen nicht neu ist, macht sie nicht schlechter. Schon vor 70 Jahren baute Opel einen Kadett mit Portaltüren, in den Fünfzigern dann den Kapitän. Durchgesetzt hat sich die Bauweise nicht. Lange sprach man von „Selbstmördertüren“, weil die technischen Möglichkeiten es nicht zuließen, gescheite Schlösser zu integrieren. Folge: Vereinzelt fielen tatsächlich Menschen auf die Straße. Ende der Sechziger wurden die Türen verboten, seit 2006 sind sie unter strengen Regeln wieder erlaubt. Das Sicherheitsgeschrei von Konkurrenten darf man getrost überhören: Sie neiden dem Meriva ein Verkaufsargument, das er sich mit dem Rolls Royce teilt.

Der Meriva startet erst im späten Frühjahr. Preise und Motorisierungen gibt Opel auf dem Autosalon in Genf bekannt.

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