Opel wird zum lebenden Toten : Halbherzig in die Existenzkrise

Bei Opel geht es mal wieder ans Sparen. Nach einem Verlust von mehr als einer halben Milliarde Euro will General Motors erneut den Rotstift ansetzen. Traurig für die Belegschaft - die Probleme des Autobauers wird aber auch die neue Sparrunde nicht lösen.

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Unruhige Zeiten: Bis zum Herbst sollen sich die Verhandlungen über eine neue Sparrunde bei Opel hinziehen.
Unruhige Zeiten: Bis zum Herbst sollen sich die Verhandlungen über eine neue Sparrunde bei Opel hinziehen.Foto: dpa

Der Abstieg des einst zweitgrößten Autobauers Deutschlands ist schleichend, scheint aber unausweichlich. Etwas mehr als zwei Jahre ist es her, dass General Motors den Verkauf von Opel an Magna absagte. Schon an diesem 3. November 2009 wurden eine schmerzhafte Sanierung und der Abbau von 9000 Stellen angekündigt. Solche Maßnahmen werden wohl auch jetzt wieder anstehen, wie zwischen den Zeilen den Stellungnahmen aus Detroit zu entnehmen ist.

Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache und lassen Schlimmes für die Belegschaft befürchten. Auf mittlerweile acht Prozent ist der Marktanteil in Deutschland zusammengeschrumpft. Gerade mal etwas mehr als 250.000 Autos aus Rüsselsheim wurden letztes Jahr noch verkauft. Mitte der neunziger Jahre lag der Marktanteil noch bei mehr als 15 Prozent und der Absatz lag deutlich über einer halben Million Fahrzeuge. Ganz zu schweigen von den achtziger Jahren, als der Anteil am deutschen Automarkt noch über 20 Prozent lag.

Es fehlt die Vision

General Motors fehlt aber heute wie vor zwei Jahren ein schlüssiges Konzept, wie Opel eine langfristige Überlebenschance bekommen kann. Klar ist nur, dass Sparen alleine den traditionsreichen Autobauer nicht wird retten können. Zwei Grundprobleme lassen Opel wie mit Betonschuhen an der Startlinie im Rennen um künftige Marktanteile stehen: Die stark eingeschränkten Absatzmärkte und die hohen Produktionskosten.

Der Hersteller baut ausschließlich in Europa und hat noch ein Werk in Russland zur Verfügung. Die Produktionsstätten in Spanien, England und Österreich sind nicht gerade in Billiglohnländern gelegen. Lediglich ein kleines Werk in Polen und der russische Ableger bieten günstige Löhne. Für die hauptsächlichen Absatzträger, Kleinwagen wie der Corsa, der kompakte Astra, Vans à la Zafira und das Mittelklassemodell Insignia bringt das entscheidende Kostenachteile.

Stellenabbau ist unausweichlich

Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer schätzt die derzeitige Auslastung der Opel-Werke auf rund 75 Prozent, Tendenz sinkend. Das schlägt sich brutal in den Bilanzen nieder. Hier wird das GM-Sparkonzept, so schmerzhaft das auch für die Belegschaft wird, berechtigterweise zugreifen. Der Stellenabbau muss kommen, denn wenn die Werke schon in wirtschaftlich besseren Zeiten nicht ausgelastet waren, dann wird dies erst recht nicht in den wohl anstehenden schwierigeren Jahren gelingen.

Neue Vans aus Bochum für fehlende Kundschaft: Alle Autobauer schönen über Händlerzulassungen ihre Absatzzahlen. Opel nutzt dieses Mittel aber fast exzessiv.
Neue Vans aus Bochum für fehlende Kundschaft: Alle Autobauer schönen über Händlerzulassungen ihre Absatzzahlen. Opel nutzt dieses...Foto: dpa

Dennoch braucht Opel auch den Zugang zu neuen Märkten, die Detroit bisher verwehrt. Das wird zwar die Arbeitsplätze in Deutschland nicht schützen, denn wer beispielsweise in China oder Brasilien verkaufen möchte muss auch dort produzieren. Sonst drohen horrende Einfuhrzölle und die Autos haben auf dem Markt keine Chance. Aber andere Konzerne machen es vor: Die Technik aus dem Rüsselsheimer Entwicklungszentrum könnte dort mit hohen Gewinnen gebaut werden und so auch die heimischen Werke stützen. Bei Volkswagen, BMW und Mercedes fließen hohe Renditen aus China zurück und halten den Gesamtabsatz der Marken auch in schwächeren Zeiten hoch.

Ungewisse Zukunft für die europäischen Märkte

Opel aber darf nur nach Europa und die Prognosen für den europäischen Automarkt sind eher düster. Bestenfalls wird der Autoabsatz in den kommenden Jahren auf unserem Kontinent stagnieren. Wenn die Euro-Krise noch weitere Länder schwächt ist auch ein signifikanter Rückgang des europäischen Automarkts nicht auszuschließen. Das dürfte die auch die Krise von Opel weiter verschärfen. Gleichzeitig wächst der Druck der koreanischen Hersteller Kia und Hyundai in allen Segmenten. Diese Marken sind effizienter aufgestellt. Design und Technik werden in Deutschland und Korea entwickelt, gebaut wird aber in der Slowakei. Selbst die Auto-Großmacht Volkswagen spürt die wachsende Bedeutung der beiden Marken für den europäischen Markt. Weltweit sieht VW-Chef Martin Winterkorn die Koreaner ohnehin als einen der Hauptkontrahenten um die Weltmarktführerschaft.

Stark gefährdet: Noch schließt man bei Opel Werksschließungen aus. Die Standorte in Bochum und Ellesmere Port sind dennoch höchst gefährdet.
Stark gefährdet: Noch schließt man bei Opel Werksschließungen aus. Die Standorte in Bochum und Ellesmere Port sind dennoch höchst...Foto: Opel

Sparen nach der Rasenmäher-Methode dürfte allerdings die Rüsselsheimer Probleme verschärfen. Schon heute haben die Streichrunden der letzten zwei Jahre deutliche Spuren in der Modellpalette hinterlassen. Wichtige Technik wie das Doppelkupplungsgetriebe sind den Sparzwängen geopfert worden, das kleine SUV Mokka kommt sehr spät auf den Markt und muss sich gegen Etablierte wie den Skoda Yeti etwa behaupten. Ein Nachfolger für den gescheiterten Antara im wachsenden Segment der kleinen SUVs fehlt und der Zafira-Nachfolger wird relativ wenig Innovatives mitbringen.

Vorbild Fiat?

Ein Vorbild, wie es mit Opel weitergehen könnte, liefert ausgerechnet Fiat mit Chrysler. Die Italiener, die 2009 noch als mögliche Opel-Käufer von der Bundesregierung gedemütigt wurden, haben mit der amerikanischen Neuerwerbung eine recht sinnvolle Arbeitsteilung gefunden. Chrysler entwickelt und baut große Fahrzeuge mit Sechs- und Achtzylindern in den USA, Fiat bündelt die Kompetenz für Kleinwagen und entsprechende Motoren in Europa. Noch ist offen, ob der Plan von Fiat- und Chrysler-Chef Sergio Marchionne aufgeht, aber vorläufig geben ihm die guten Ergebnisse beider Konzerne Recht.

So oder so, bei Opel steigt der Handlungsdruck und die Geduld in Detroit neigt sich dem Ende entgegen. Gerade meldet GM mit einem Plus von 8,3 Milliarden das beste Ergebnis der Unternehmensgeschichte. Bei Opel konnte man parallel dazu gerade mal die Verluste eingrenzen. Der Vorsitzende Karl-Friedrich Stracke schließt Werksschließungen in Bochum und im englischen Ellesmere Port vorerst aus. Sonderlich visionär klingt das nicht und lässt vermuten, dass es auch in Detroit kein Platz für Visionen gibt. Wahrscheinlich ist ein Kahlschlag der herkömmlichen Art: Sparen, Stellen abbauen und Standorte schließen.

Klar ist aber schon heute: Auch ein neues Sanierungsprogramm dieser Art wird langfristig Opels Probleme nicht lösen, vielleicht sogar verstärken. Möglicherweise hätte General Motors Opel vor zwei Jahren doch aus dem Konzern entlassen sollen. Aber GM braucht Opel eben auch, denn die Technik für die von Detroit favorisierte Billig-Marke Chevrolet kommt eben aus Rüsselsheim. Im dortigen Forschungs- und Entwicklungszentrum sitzt die Kompetenz für Kleinwagen. Unverständlich bleibt, warum GM Chevy auch noch in Europa gegen Opel ins Rennen schickt. Die Marke konnte im vergangenen Jahr ihren europäischen Marktanteil um 8,5 Prozent steigern. Wichtige Prozente, die gerade Opel schmerzhaft fehlen. Ganz besonders, weil beide Marken über das gleiche Händlernetz vertrieben werden.

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