Per Anhalter war einmal : Mitfahren ist das neue Trampen

Früher wurde getrampt. Gibt es überhaupt noch Tramper? Kaum. Dafür wird im Netz gesurft, auf Seiten wie mitfahrgelegenheit.de. Und dann mitgefahren.

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Statt Leuten mit Pappschild begegnet man am Fahrbahnrand anno 2011 nun solchen Hinweisschildern. Foto: IMAGO
Statt Leuten mit Pappschild begegnet man am Fahrbahnrand anno 2011 nun solchen Hinweisschildern.Foto: IMAGO

Die Absage kommt kurz vor Mitternacht. „Ich muss überraschend ins Ausland fliegen“, schreibt ein gewisser Dogan per SMS, „ich kann nicht fahren.“ Womit die Mitfahrgelegenheit nach München, geplant und bestätigt für 7.30 Uhr in der Früh, geplatzt ist. Der erste Gedanke über Dogan ist kein freundlicher. Der zweite ist noch weniger druckreif.

Um sechs in der Früh noch einmal ins Internet, auf die Seite www.mitfahrgelegenheit.de, um andere Fahrer zu suchen. Nach drei Telefonaten – und selbstverständlich wortreichen Entschuldigungen für die frühe Störung – steht die Alternative zum wortbrüchigen Dogan. Ein Unternehmer fährt ab neun Uhr nach München, Treffpunkt beim Autoverleiher gegenüber dem Eingang zum Zoo, 30 Euro, von Berlin-Charlottenburg nach München-Schwabing. Dogan hätte 35 Euro gewollt, möge ein Kolbenfresser sein Auto lahm legen!

Und schon sind die ersten beiden Lektionen bei diesem Selbstversuch in einer Boombranche gelernt: Mitfahrgelegenheiten sind auch kurzfristig zu haben. Und zweitens, traue keinem, der wie Dogan mehr als drei Plätze anbietet. Das könnten nämlich Semiprofis sein, die mit Kleinbussen durchs Land fahren und Menschen kutschieren und abkassieren, ohne Gewerbeschein, versteht sich, demzufolge auch an der Steuer vorbei, demzufolge etwas windig und zwielichtig, unzuverlässig eben. Anders als der Anbieter mit dem Mietauto.

Und los geht die Fahrt. Ein Wagen der Mittelklasse, sauber, bequem, technisch auf dem neusten Stand und für den, der es nötig hat, die A 9 runter, wäre auch ein Navigationsgerät einzuschalten. Ein bisschen Smalltalk, berufliches, Fußball, was man so redet, wenn man sich nicht kennt, aber auf geringem Raum zusammenhockt.

„Ich leb in Berlin, ich habe kein Auto, ich brauche hier keins.“

„Ich auch nicht.“

„Und wenn ich eins brauche, wie heute, dann leihe ich mir eins.“

„Ich bin beim Car-Sharing der Bahn, aber das lohnt sich nur für Kurztrips.“

„Dann ist die Mitfahrgelegenheit günstiger, viel günstiger.“

Es tut sich etwas mit unserer Mobilität, sie ist in Bewegung geraten. Mögen die Sports Utility Vehicle, die SUVs also oder auch Protzautos weiterhin scheinbar im Sekundentakt vom Fließband rollen und anschließend mit den für sie viel zu bescheiden gebauten Parkhäusern kämpfen – allein im Jahr 2010 wurden 295.254 dieser Vans neu zugelassen –, die Zeichen mehren sich, dass das eigene Auto als Statussymbol und individuelles Transportmittel ausgedient hat. Nur am Rande: Die mit Abstand häufigste Begründung, besser Entschuldigung für die Anschaffung eines teuren, spritsaufenden und Emissionen ausspeienden Geländewagens ist seine Familientauglichkeit, man/frau müsse halt die Kinder chauffieren. Man fragt sich angesichts dieser Kinderschar, woher eigentlich unser demografisches Problem kommt.

Aber zurück zum Mobilitätswandel. In Großstädten wie Hamburg oder Berlin verweigert sich inzwischen die Hälfte aller Haushalte einem eigenen Auto, noch im Jahr 2000 besaß die Hälfte aller Männer zwischen 18 und 29 Jahren ein eigenes Auto, heute ist es nur noch ein Drittel. Weil ein Auto teuer ist, weil es zumindest in den Städten nach der schleichenden Fahrt im Stau die Nerven strapaziert bei der zeitaufwendigen Parkplatzsuche und weil es dann dort, so man endlich einen Platz gefunden hat, die überwiegende Zeit faul und untätig rumsteht. Wem das noch nicht genug Argumente gegen das eigene Auto sind, der kann sich auch noch ein wenig ökologisches Bewusstsein zulegen.

Teilen ist offensichtlich, entgegen allen Kriegen zwischen Fahrrad- und Autofahrern, zumindest im Straßenverkehr. Bei der eingangs erwähnten Internetseite www.mitfahrgelegenheit.de sind inzwischen 3.505.267 Mitglieder registriert, die Zahl der Nutzer dürfte weitaus höher sein, weil man sich auch ohne Registrierung dort vermitteln lassen kann. Und dies ist nur eine Börse, etliche andere Anbieter existieren, selbst der ADAC, eigentlich doch der Lordsiegelbewahrer des heiligen Autos, beteiligt sich an der Solidaritätsaktion und wirbt für sich mit dem Wahlspruch: „Gemeinsam fahren, Bares sparen!“

Das stimmt ja auch, für 30, 35 Euro kommt man nur mit Trampen billiger von Berlin nach München. Aber trampen, Gott, wer macht das denn noch? Trampen ist aus der Mode gekommen. In den siebziger Jahren standen wir in Massen an den Autobahnauffahrten und Rastplätzen, mit Schildern in der Hand und jeder Menge Geduld. Keine Ahnung, warum diese individualisierteste und kostenlose Form des Reisens nahezu gänzlich verschwunden ist. Gewiss, die Tramper von einst sind inzwischen in die Jahre gekommen, auch bequemer geworden, und ebenso gewiss dürfte es ein wenig albern aussehen, wenn so ein angegrautes Väterchen den Daumen raushält und um Mitnahme bettelt. Aber die Jugend? Vielleicht ist auch dies ein Grund: Trampen, das war einst nicht nur eine Reiseform, das war auch ein Statement, ich bin frei, ich bin unabhängig, ungebunden, und mir ist es egal, ob ich heute oder morgen im Süden ankomme, ja eigentlich ist es mir auch egal, wo ich im Süden ankomme. Was den Autor dieser Zeilen zum Beispiel in den späten siebziger Jahren auf dem Weg nach Livorno zur Fähre nach Korsika noch vorher nach Budapest brachte, weil ein Lift gerade so günstig war. Das heutige Statement sieht anders aus, das ist der Coffee to go, weil das Zeitfenster so eng ist, dass man sich nicht mal mehr hinsetzen kann für ein paar Schlückchen.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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