Peugeot 508 RXH : Der große Unbekannte

Der Peugeot 508 RXH macht vieles gut, ohne herauszuragen. Als Kompromiss zwischen gewöhnlichem Pkw und SUV ist der Franzose aber eine gute Lösung.

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Der Peugeot 508 RXH ist eine Mischung aus normalem Pkw und SUV.
Der Peugeot 508 RXH ist eine Mischung aus normalem Pkw und SUV.Foto: Promo

Wenn das neue Auto nach Freiheit und Abenteuer aussehen soll, wird es meist ein SUV. Was aber, wenn einem so ein Pseudo-Geländewagen zu peinlich oder zu durstig ist? Dann heißt die Lösung – je nach Budget – beispielsweise Audi Allroad, Passat Alltrack oder Skoda Octavia Scout. Also irgendwie immer VW, wo die Stammmarke fast jedes Modell vom Polo bis zum Touran im Matsch-Look anbietet. Gibt's nichts anderes? Doch, gibt’s: Der Peugeot 508 RXH folgt demselben Prinzip, bei dem ein gewöhnlicher Pkw einen Tick höhergelegt und mit rustikalem Plastik beplankt wird. Seit 2012 ergänzt er die 508er-Baureihe, die die zweieiige Zwillingsschwester des Citroen C5 ist und schon 2011 auf den Markt gekommen war.

Interessant am RXH war, dass es ihn zunächst nur als Diesel-Hybrid gab. Erst mit der Überarbeitung der Baureihe 2014 wurde der reine Dieselantrieb nachgereicht, der 3000 Euro weniger kostet, aber (weil ohne Batterien) mehr Platz im Kofferraum bietet und bei ähnlichen Fahrleistungen auch nicht unbedingt mehr verbraucht. Dafür hat er auch keinen Allradantrieb, sodass die Sehnsucht nach schwerem Gelände wohl eher eine Pose ist. Am besten, man probiert es einfach mal aus – bei einem Ausflug ins sandige Mecklenburg.

Erste Erkenntnis: Dieser Peugeot ist ein moderner Pkw im guten wie im schlechten Sinne. Schlecht ist, dass die seitlichen Kunststoffanbauten zwar die Radhäuser und Schweller schützen, nicht aber die Türen in engen Parklücken: Die praktischen Seitenschutzleisten scheinen fast komplett aus der Welt verschwunden. Die Lackierbetriebe dürfte es freuen. Auch beim Beladen ist Vorsicht angebracht, denn die lackierte Oberseite der Stoßstange ist kratzempfindlich. Keine gute Idee bei einem großen Kombi für mehr als 40.000 Euro. Zumal der Kofferraum mit 560 Litern (im Hybrid sind es nur 400 Liter) schon bei aufrecht stehenden Rücksitzen riesig und glattflächig ist. Nur beim Umlegen der Rücksitze – auch mit Hebeln vom Kofferraum her gut möglich – entsteht eine kleine Schwelle, sodass der Peugeot trotz ausreichender Länge nur bedingt als Nachtlager taugt.

Der 508 ist keine Rakete

Fahren lässt sich’s mühelos: Die klassischen, weiß beleuchteten Rundinstrumente liegen gut im Blick, das als Spiegel herausfahrende Head-up-Display ebenfalls, sofern man die Klappe gefunden hat, hinter der die Tasten für die Neigungsverstellung sich verstecken. Während alles Elektrische anderswo meist über einen Drehregler geschaltet und verwaltet wird, hat der Peugeot die Kombination aus klassischen Tasten und Touchscreen. Die funktioniert nach kurzer Eingewöhnung gut, sodass man sich aufs Fahrerlebnis konzentrieren kann. Das ist auf allen Strecken angenehm, ohne überragend zu sein: In der Stadt funktioniert die schnelle Start-Stop-Automatik ebenso tadellos wie das automatische Sechsganggetriebe.

Der Motor – ein Zweiliter mit 180 PS und gewaltigen 400 Newtonmeter Drehmoment – hat an dem rund 1,8 Tonnen schweren Auto durchaus zu schleppen, sodass der 508 keine Rakete ist. Außerdem vergeht beim Beschleunigen in Fahrt erst eine Gedenksekunde, in der heruntergeschaltet oder Luft geholt wird, bevor der Schub einsetzt. In knapp neun Sekunden soll Tempo 100 erreicht sein. Wer es genau wissen will, sollte es nicht unbedingt in einer Kurve testen, weil der Antrieb bei Vollgas an der Lenkung zerren kann. Die könnte speziell im Stadtverkehr auch gern eine Spur leichtgängiger sein, zumal man beim Rangieren mit 4,83 Meter Außenlänge und 11,8 Meter Wendekreis genug zu tun hat. Interessante Beobachtung nebenbei: der schwarze Lack erschwert subjektiv die Abschätzung der Nasenlänge beim Rangieren, wenn es draußen dunkel ist. Und die vordere Einparkhilfe gibt wie üblich sehr frühzeitig Alarm, während man nach hinten dank einer Kamera genauer rangieren kann.

Auf Landstraße und Autobahn erweist sich der RXH als Straßenkreuzer im guten Sinne. Besser als Hektik ist die Massagefunktion des Fahrersitzes, die einem (für 1600 Euro extra im Paket mit elektrisch verstellbaren Sitzen mit Leder / Alcantara) um die Lenden geht. Jenseits des Stadtverkehrs weicht das Dieselbrummen den durchaus vernehmlichen Rollgeräuschen der 245er-Schlappen, die in Kombination mit 18-Zoll-Felgen das Auto zumindest für die Passagiere auf dem Rücksitz gefühlt relativ hart abrollen lassen. Vielleicht wäre bei den Rädern also weniger sogar mehr. Vorgesehen ist es in der Liste aber nicht.

Panoramaglasdach ist ein Blickfang 

Ansonsten sitzt man auch hinten gut, hat allerdings wegen sehr großer Kopfstützen keinen guten Blick nach vorn. Kinder schauen wohl ohnehin lieber nach oben durch das riesige Panoramaglasdach, das den Innenraum angenehm erhellt. Essen und trinken dürfen sie leider nichts, sofern man die Version mit den hellbeigen Alcantara-Bezügen fährt. Und der Fahrer sollte sich ohnehin auf die Straße konzentrieren, denn die Assistenzsysteme für halbautomatisches Fahren – Abstandsradar etwa oder Stau- und Spurhalteassistent – sind beim 508 noch nicht an Bord. Lediglich auf die Toten Winkel passt das Auto auf, aber die Warnleuchten in den Spiegeln sind sehr klein geraten.

Endlich im Land der Wald- und Wiesenwege angekommen, geht es nach kräftigen Regengüssen mehr durch Schlamm als durch den erwarteten Sand. Das macht der RXH insofern gut, als man auch mit Schwung durch Pfützen fahren kann, ohne dass bei jeder Bodenwelle die Frontschürze zwischen den Fahrspuren aufsetzt wie bei normal hohen Pkws. In einem besonders tiefen Schlammloch merkt man am kraftlos schwimmenden Gefühl dann doch, dass man es mangels Allradantrieb nicht übertreiben sollte. Aber das muss man ja auch nicht, sofern man nicht gerade Jagdpächter oder Almwirt ist.

Bleibt nach mehr als 500 Testkilometern die Frage nach dem Verbrauch. 4,6 Liter sollen es laut Prospekt im Durchschnitt sein, wobei der Hybrid bei identischem Mix-Wert innerorts deutlich weniger (4,0 statt 5,2 Liter) und außerorts mehr (4,9 statt 4,2) schlucken soll. Real sind es bei gemütlicher Landstraßenfahrt knapp fünf, auf der Autobahn je nach Tempo (meist 120 bis 160 km/h) sechs bis sieben, was auch für den überwiegend sanft gefahrenen Stadtverkehr gilt. Also alles in allem irgendwas um die sechs Liter, was einerseits ok ist, aber andererseits einmal mehr zeigt, wie weit die aktuelle Norm von der Wahrheit entfernt ist.

So erweist sich der große Peugeot als solider Reisekombi, der fast alles gut kann, ohne herauszuragen. Aber wenn man sich hervortun wollte, hätte man ja gleich einen SUV nehmen können.

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