Porsche Motorsport in den USA : Wilde Runden in Texas

Wenn Porsche in Austin bei der Langstrecken-WM startet, hat das nicht nur mit dem Rennen zu tun – es geht um "Kundensport".

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Starkregen in der Wüste. Der Wolkenbruch setzte zwischenzeitlich sogar die Systeme der Rennleitung außer Gefecht. Während der Porsche 911 RSR des Teams Manthey neue Reifen bekommt, tauschen die Fahrer Patrick Pilet und Frederic Makowiecki die Plätze. Foto: promo
Starkregen in der Wüste. Der Wolkenbruch setzte zwischenzeitlich sogar die Systeme der Rennleitung außer Gefecht. Während der...Foto: promo

Die junge Frau fasst sich ans Herz. "Now my life is just perfect", sagt die Blondine und hält ihre Eroberung hoch: eine Autogrammkarte von Mark Webber. Der Ex-Formel-1-Fahrer fährt seit diesem Jahr für Porsche in der World Endurance Championship (WEC) und ist einer der Stars für die Renn-Fans, die an diesem Samstagmorgen in Austin, Texas in einer langen Schlange für eine Unterschrift oder ein Selfie anstehen.

Philipp ist eigens aus dem 3000 Kilometer entfernten Quebec angereist, "um Mark fahren zu sehen". Der Kanadier ist nicht das erste Mal hier. "Die Rennstrecke ist einfach super." Der Circuit of the Americas (COTA) ist ein 5,5 Kilometer langer Rundkurs, der 2012 fertiggestellt wurde. Dort werden unter anderem der Große Preis der USA – ein Rennen der Formel 1 – und ein Lauf der Motorrad-WM ausgetragen. "Der Circuit of the Americas ist keine einfache Strecke, aber sie macht Spaß", sagt Porsche-Rennfahrer Timo Bernhard. "Es gibt abfallende Kurven, viele Spitzkurven. Etwas kniffelig, da man spät Scheitelpunkte sieht." Die Start-Ziel-Gerade endet mit einer Bergaufpassage in einer Haarnadelkurve.

Größte Porsche-Werkstruppe aller Zeiten in Texas

Bei der Hochgeschwindigkeitsjagd über sechs Stunden wie in Austin teilen sich mehrere Fahrer ein Auto. Timo Bernhard, Mark Webber und Brendon Hartley fahren auf dem bis zu 800 PS starken Porsche 919 Hybrid mit der Startnummer 20 in der Prototypenklasse LMP1 für Werkteams, ihre Kollegen Romain Dumas, Neel Jani und Marc Lieb mit der Startnummer 14. Mark Webber kennt die Strecke aus der Formel 1. "Aber im Gegensatz zur Formel 1 muss ich mir um die Reifen weniger Gedanken machen. Ich kann hier schon mal aggressiv um die Kurve ziehen, weil die Michelin-Reifen mehr aushalten."

Am vergangenen Rennwochenende waren die Zuffenhausener in Texas mit der bisher größten Werkstruppe aller Zeiten dabei. Neben der Sportwagen-WEC fand auch die amerikanische Tudor Sportscar Championship statt. Zwölf Werksfahrer, 250 Ingenieure und Mechaniker sowie 67 Porsche kamen in den beiden Rennserien zum Einsatz. Da steckt eine umfangreiche Logistik dahinter. Die WEC ist für Sportwagenhersteller eine Mischung aus Traditionsrennstrecken und dem Präsentieren in wichtigen Märkten. Und die USA sind weltweit der wichtigste Sportwagen-Markt. 60 bis 70 Prozent der Fahrzeuge werden in den USA verkauft. Das waren im vergangenen Jahr 46 000 von insgesamt 162 000 produzierten Fahrzeugen. Zum Vergleich: In ganz Europa setzte Porsche 51 000 Fahrzeuge ab, in Deutschland rund 20 600.

"Big boys, big toys"

"Die Amerikaner sind nicht nur motorsportbegeistert, sie gehen auch gern auf die Rennstrecke", erzählt Manager Paul Gregor. Der "Renner" in den USA sei der 911. Und mit einem Porsche zeige man in den USA, dass man es geschafft hat. Der Neidfaktor sei gering, dafür würden sich die Amerikaner über das Auto freuen, das für "Made in Germany" steht. Paul Gregor ist für die Porsche Clubs Nordamerika zuständig. Weltweit gibt es 680 Clubs mit 180 000 Mitgliedern, darunter 117 000 in den USA. Im Porsche Clubs North America sind allein 111 000 Mitglieder organisiert. "Big boys, big toys", sagt Gregor.

Club-Präsident Manny Alban steht vor einem Porsche-Zelt auf einer Anhöhe namens "Porscheplatz" an der Rennstrecke. Alt und jung schauen den Rennen zu, trinken Bier, essen Pizza, Hotdogs und reden über ihr Hobby. Alban hat zwei Porsches, einen 911er und 914er. "Ich habe mich mit 16 Jahren in das Auto verliebt", erzählt der Mitvierziger, der eine Verpackungsfirma hat. Er schwärmt von dem "Mythos Porsche", der "Porsche family", in der es keine sozialen Klassenunterschiede gebe, wie er betont. "Elitäres Gehabe gibt es nicht. Da treffen sich Professoren, Manager mit Maurern oder Schreinern, um an den Autos zu schrauben." Alban würde gern noch mehr Porsches haben, wäre da nicht seine Frau. "Sie lässt mich nicht und betont, dass es billigere Drogen gibt", lacht er.

3000 Veranstaltungen der Porsche-Clubs pro Jahr

Um Porsche-Clubmitglied zu werden, muss man, natürlich, einen Porsche haben. Man darf auch "Clubanwärter" sein, muss sich aber innerhalb eines halben Jahres einen Porsche zulegen. Der Mitgliedsbeitrag ist mit 46 Dollar pro Jahr lächerlich gering. Dafür können die Porsche-Freaks 3000 Veranstaltungen pro Jahr rund um den Sportwagen besuchen. Porsche könnte nichts Besseres passieren als so eine Vereinsstruktur, auf die andere Sportwagenhersteller neidvoll blicken: So preiswert kann man 180 000 Markenbotschafter nicht bekommen.

In der WEC gehen die Autos in vier verschiedenen Klassen an den Start. Vornweg fahren die Prototypen, dahinter die eher seriennahen, aber hart umkämpften GT-Klassen. Langstreckenrennen fordern Autos und Fahrern vieles ab. "Es ist heiß, die Luftfeuchtigkeit in Texas ist hoch", sagt Timo Bernhard. Und im Regen sei die Strecke auch nicht einfach.

Systeme der Rennleitung unter Wasser

Den gab es sintflutartig. Nach einem Platzregen in der ersten Rennhälfte flogen die Fahrzeuge reihenweise ins Aus. Erst nach zwei Runden mit Abflügen wurden die roten Flaggen geschwenkt. Unter normalen Umständen hätte das Safety-Car schneller eingesetzt werden müssen. Wie sich später herausstellte, konnte die Rennleitung nicht vorher eingreifen, weil deren Systeme als Folge des Starkregens zwischenzeitlich nicht funktioniert hatten.

Lange Zeit fuhren die beiden Porsches vorne mit, fielen dann aufgrund technischer Probleme zurück. Der Porsche Nummer 14 kam hinter den beiden Audi R18 e-tron quattro und Toyota TS 040 Hybrid auf den vierten Platz, die Nummer 20 mit Bernhard, Webber und Hartley auf Platz fünf. "Solche Tage gehören auch zum Rennsport", sagte Bernhard.

Die Formel 1 wird zum Großen Preis am 2. November in Austin erwartet. Bis dahin müssen die Veranstalter ein tierisches Problem lösen: die Kakerlakenplage. Bernie Ecclestone dürfte "not amused" sein, wenn er diese Mengen von lebenden und toten Riesenschaben in den Gebäuden und an der Strecke sieht.

Patrick Dempsey wäre lieber Rennfahrer

Patrick Dempsey, entpuppt sich als verhinderter Rennfahrer. Foto: H. Kemper
Patrick Dempsey, entpuppt sich als verhinderter Rennfahrer.Foto: H. Kemper

Bekannt wurde der Schauspieler vor allem durch seine Rolle als Dr. Derek Shepherd in der US-Serie Grey’s Anatomy. Doch die wahre Leidenschaft von Patrick Dempsey ist der Autorennsport. „Wenn ich könnte, wäre ich Vollzeit-Rennfahrer“, erzählte er in Austin. Er sei "schon immer Fan von Porsche und Motorsport gewesen". 2003 gründete der 48-Jährige seinen Rennstall "Dempsey Racing". Dempsey fuhr mehrfach das 24-Stunden-Rennen von Le Mans mit und nimmt mit zwei Porsche 911 RSR an der US-Rennserie Tudor Sportcars Championship teil. Beim Rennen in Austin hatte sein Team mehrere Reifenpannen und kam auf hintere Plätze. Dempsey wird auch am Petit Le Mans auf der Road Atlanta am ersten Oktoberwochenende teilnehmen.

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