Porsche Targa : Mein erstes Mal

Er hatte geplant, mich zu verführen. Aber ich wollte nicht auf den Schönling reinfallen. Dann wickelte er mich um den Finger – mit Stil, Technik und schwäbischen Tugenden. Eine Begegnung mit dem Porsche Targa 4.

Susanne Leimstoll

Ich sollte ihn treffen – am Gardasee. Nicht wirklich ein Blind Date, seine älteren Brüder kannte ich ja vom Sehen. Aber wirklich ausprobiert hatte ich noch keinen von ihnen. Ich pflegte meine Vorurteile: elitäre Familie, sehr prominent – nicht wirklich das Richtige für mich. Zeigen sich ausschließlich mit solventen Menschen, Typen mit Playboy-Image. Oder in Begleitung von Geschäftsfrauen mit Hermès-Tüchlein. Und dann seine Herkunft: ein Schwabe! Dennoch, ich hatte ein Foto von ihm gesehen. Wirkt nicht wie ein Spießer, ist bildhübsch, soll sich auch charakterlich geändert haben.

Er wartete an jenem stillen Abend auf mich im Garten eines Romantikhotels in Gardone, der Nebel schwer auf dem See, am Horizont die zackig schwarze Silhouette von Zypressen. Auf dem Rasen, unter Palmen, stand er: schlank, sportlich, kein Gramm zu viel. Schönes Hinterteil, lange Nase, wohl proportioniert. Kann man sich wehren gegen so viel Anmut? Ich wollte ihn, sofort. Er ließ mich warten bis zum Morgen. Dann versuchte er mich zu erobern – auf Schwäbisch, mit seiner Technik. Der neue Porsche 911 Targa 4.

DER GESUNDE MENSCHENVERSTAND

Ich sagte mir, hallo, aufwachen! Es geht um nackte Zahlen, harte Fakten. Es geht um das Zuffenhausener Alphabet. Das beginnt nicht mit A wie Anmache, sondern in jedem Fall mit P wie Porsche. Die Macher der Stuttgarter Sportwagen-Ikone haben mit dem 911 Targa 4 und 4S, die seit dem Herbst auf dem Markt sind, den schnellsten Generationswechsel in der Neunelfer-Familie abgeschlossen. Zwei neu entwickelte Benzin-Direkteinspritzer-Motoren, neues Doppelkupplungsgetriebe, veränderte Allradtechnik, besseres Fahrwerk. Errungenschaften, die phonetisch im Porsche-Jargon so schnell am Ohr vorbeizischen wie der Targa auf gerader Strecke: PDK, PTM, PASM. Ein Statussymbol beherzigt die schwäbischen Tugenden: schaffe (mehr Leistung), spare (bei niedrigerem Verbrauch), Häusle baue (mehr Sicherheit und Bequemlichkeit). Porsche hat den Neun elfer, äußerlich dem Vorgänger zum Verwechseln ähnlich, technisch neu erfunden und bringt als letzten in der Reihe den Targa, nicht Coupé und nicht Cabrio, einst geschmäht als nicht Fisch, nicht Fleisch. Das Glasdach-Modell, das im Verkauf etwa zehn Prozent ausmacht, während das Cabrio es auf fünf mal so viel bringt. Die Komfortversion des 911, sagen die Porsche-Leute, das Reiseauto für Sportwagenfans. Dafür zahlt der Kunde mindestens 97 907 oder 108 855 Euro für die noch schnellere Variante Targa 4S. Ich bin kein Sportwagenfreund, ich bin kein Porsche fan. Eigentlich.

DER BESCHÜTZER

Keine Ahnung, warum Puristen behaupten, ein Neunelfer müsse entweder richtig zu sein oder richtig offen. Der Targa, zu Deutsch „Schild“, ist ganz Kavalier und macht seinem Namen Ehre: Er lässt den Himmel rein und schützt doch vor Wind. 1,54 Meter misst sein Glasdach. Auf Knopfdruck fährt es in sieben Sekunden unter die Heckscheibe und gibt über Kopf eine 0,45 Quadratmeter-Öffnung frei. Simultan stellt sich ein Lamellen-Windabweiser auf, damit’s nicht zieht und man den Kuschelrock aus dem Radio noch gut hört. Als Beschützer hat der Targa schon 1965 bei der Markteinführung den Ehefrauen-Frisurentest bestanden. Er weiß, was zählt. Zarte Haut muss sich nicht vor Sonnenbrand fürchten: Das Glasdach hat einen UV-Filter und zusätzlich ein elektrisch zu bewegendes Rollo aus jetzt fast blickdichtem Material. Beschattungsgrad: 96 Prozent. Die Heckscheibe klappt per Schlüssel-Tastendruck hoch und legt – bei umgeklappten Rücksitzlehnen – einen 230-Liter-Stauraum frei, 25 Liter mehr als beim Coupé. Die Dach-Technik hat sich nicht groß verändert. Nur so viel: „Das Ding ist endlich dicht“, befindet der Hersteller. Unverändert allerdings das Manko der Konstruktion: Bei geöffnetem Dach glaubt man beim Blick in den Rückspiegel, der Augenarzt-Besuch sei überfällig. Die zwei übereinander geschobenen Scheiben lassen einen wie durch eine Folie blicken – alles verschwommen. Doch frau ist geneigt, das zu verzeihen. Wozu gibt es die jetzt noch größeren Außenspiegel?

Ohnehin ist der Junge rein äußerlich noch ein bisschen mehr aufgehübscht: hochglanzpolierte Aluminiumleisten entlang der Dachkante, größere Lufteinlässe vorn und strahlende Äuglein, die ganz scharf sehen: Tagfahrlicht, Positionslicht und Heckleuchten haben serienmäßig Bi-Xenon-Scheinwerfer und LED-Technik. Ein roter Heckleuchtenstreifen verbindet die hinteren, an den Flanken schmal zulaufenden Katzenaugen wie ein Freundschaftsbändchen und betont das um 44 Millimeter breitere Hinterteil. Wenn man will und zahlt (702,10 Euro) schwenkt Monsieur auch noch, abgestimmt auf den Lenkradeinschlag die Pupillen. Sein Geheimnis heißt dynamisches Kurvenlicht. Do gucksch.

DER MACHO

Bei ihm zählt nur eines: Er will gaaanz schnell weg. Die Porsche-Konstrukteure versprechen: Dank Benzin-Direkteinspritzung bei den neu konstruierten Sechszylinder-Boxermotoren bringt der Targa 4 bis zu 8,5 Prozent mehr Leistung bei 11,2 Prozent weniger Verbrauch und 13,6 Prozent weniger CO2-Emissionen. Der knapp viereinhalb Meter lange und 1560 Kilo schwere Typ zischt aus dem Stand in 5,2 Sekunden auf Tempo 100, der stärkere 4S in 4,9 Sekunden – mit manuellem Sechsgang-Handschaltgetriebe. Mit automatischer Schaltung legt er den Spurt in fünf beziehungsweise 4,7 Sekunden hin. Das schaffen selbst Laien, denn die Automatik des Neunelfer ist keine mehr, sondern ein Doppelkupplungsgetriebe (PDK) und ersetzt die bisherige Tiptronic.

Mal mitfahren? Wir wählen den 911 Targa 4 S in Macadamiabraun, innen sandbeiges Leder, Sportsitze, Sitz- und Lenkradheizung, 6,5 Zoll-Touchscreen-Monitor, Bose-Sound mit 13 Lautsprechern und 385 Watt-Verstärker, Reifendruckkontrollsystem, 19-Zoll-Räder, Einparkhilfe. Bei Gargnano am Ufer des Gardasees links ab, hoch in die Berge. Ein Tippen aufs Gaspedal, und der schöne Schatz prescht los mit nur einem Surren des Boxermotors, ein Laut, als ließe man lediglich etwas Luft zwischen Schneidezähnen und Unterlippe entweichen. Haarnadelkurve links, Haarnadelkurve rechts, jähe Felsvorsprünge, Vorsicht, enge Durchfahrt, plötzlicher Gegenverkehr. Aber hektische Fahrmanöver – wozu? Beschleunigen – war da was? Der Schaltvorgang des PDK ist praktisch nicht wahrnehmbar. Eine hydraulische Steuereinheit öffnet die Kupplung des einen Teilgetriebes und schließt simultan die des anderen – so sanft. Denn die (sieben) Vorwärtsgänge sind beim Schalten bereits eingelegt. Das ist traumhaft komfortabel und drückt dazu noch den Verbrauch: 10,3 Liter will der neue Targa 4 auf 100 Kilometer haben, 1,3 Liter weniger als das Vorgänger-Modell. Der 4S schluckt 10,7 statt 11,9 Liter. Die 3510,50 Euro Aufpreis fürs PDK gönnt man sich. Wer es ausprobiert hat, will nie mehr kuppeln. Selbst der Hersteller rechnet souverän damit, dass künftig 80 Prozent aller Käufer des 911 so denken. Tschüsle, Schaltgetriebe.

Dann wäre da noch auf Wunsch und für 1094,80 Euro das Sport Chrono-Paket Plus für alle, die auf Rennstarts stehen. „Launch Control“ sichert die optimale Anfahrbeschleunigung. Einfach Taste in der Mittelkonsole drücken, mit einem Fuß das Bremspedal betätigen, mit dem anderen das Gaspedal schnell durchtreten. Der Motor wird auf eine Drehzahl von 6500 geregelt, die PDK-Steuerung bestellt 100 Prozent Allradantrieb. Jetzt den Fuß vom Bremspedal und das Geschoss geht mit maximal möglicher Beschleunigung los, weil das Getriebe den optimalen Radschlupf regelt. So spart beim Anfahren nochmal 0,2 Sekunden, wer’s sehr eilig hat. Sollte nebenan an der Ampel ein Neunelfer mit Tiptronic-Automatik stehen, merkt man das daran, dass der immer noch steht, während man selbst schon mehrere Fahrzeuglängen Vorsprung hat. Ade!

DER SICHERHEITSFANATIKER

Der schnelle Schicke kann auch hellsehen. Porsche buchstabiert diese Gabe so: PTM – Porsche Traction Management, ein elektronisch gesteuerter Allradantrieb. Eine Sekundenbruchteile schnelle Kupplung ermöglicht die optimale Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse. Stellzeit: nicht wahrnehmbar, maximal 100 Millisekunden. Das Ding reagiert beim Fahren sozusagen vorausschauend. Links, rechts, links, rechts: Schlupfregler, Übersteuerkorrektur, Untersteuerkorrektur. Engste Kehren hinauf zum Stausee Lago d’Idro nimmt der flache Renner ganz brav mit lässigster Lenkradbewegung. Lust auf ein Tänzchen? Der liebt die schnelle Drehung. Aber: Wer führt hier eigentlich? Unter anderem das aktive Fahrwerk (PASM), das es für den Targa 4S gibt. Das filtert Unebenheiten nochmal besser aus der Fahrbahn als das Standard-Fahrwerk. Und wer’s härter will, schaltet einfach die Sport-Einstellung ein. Ha, freilich.

DER VERWÖHNER

Ach ja, nassgeschwitzt ankommen ist nicht. Noch nicht mal bei 30 Grad. Wer 1130,50 Euro übrig hat, wählt zu den elektrisch verstellbaren, himmlisch bequemen Sitzen mit Lendenwirbelsäulenstütze (2867,90 Euro) die entsprechende Belüftung für untenrum. Kühlung für den Po, Anti-Haft-Garantie per Luftstrom, kombinierbar mit der Sitzheizung. Blasenerkältung unmöglich: Der freundliche Ventilator schaltet rechtzeitig ab.

Der 911 Targa hat es leider drauf, das Komplett-Verwöhnprogramm. Ich bin kein Sportwagenfreund, ich war kein Porschefan. Aber kann man so viel Perfektion widerstehen? Nicht ein Grund, warum ich aussteigen und ihn verlassen sollte. Hab’ es dann doch getan. Er versuchte, es mir leichter zu machen und offenbarte einen klitzekleinen Trennungsgrund: Zwischen handverstepptem, sandbeigem Leder haben seine Ausstatter halb hoch Plüschteppich verlegt. Auslegeware! Liab’s Herrgöttle, endlich ein Makel.

PORSCHE 911 TARGA

Leergewicht: 1560 kg

Maße: 4,44 m lang, 1,84 m breit, 1,31 m hoch

Motor: 3 614 ccm Sechszylinder-Aluminium-Boxer mit Benzindirekteinspritzung

Leist.:: 345 PS bei 6500 U/min

Max. Drehmoment:

390 Nm bei 4 400 U/min

Verbrauch: 10,3 l Super Plus

CO2-Emission: 242 g/km

Beschleunigung:

von 0 auf 100 in 5,0 Sekunden

Höchstgeschw.: 282 km/h

Kofferraum: 230 Liter hinter den Sitzen, 105 Liter unter der Fronthaube

Basispreis:

97 907 Euro mit PDK

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