Premiere für autonom fahrende Daimler-Trucks : 30 Tonnen Schwermetall auf Autopilot

Lkw-Weltmarktführer Daimler prescht bei der Digitalisierung der Autowelt voran. Der deutsche Branchenriese präsentiert die ersten selbstständig fahrenden Lastwagen mit Zulassung für den Straßenverkehr - können Brummi-Fahrer bald zu Hause bleiben?

Hannes Breustedt
Lkw-Weltmarktführer Daimler prescht bei der Digitalisierung der Autowelt voran. Der deutsche Branchenriese präsentiert die ersten selbständig fahrenden Lastwagen mit Zulassung für den Straßenverkehr.
Lkw-Weltmarktführer Daimler prescht bei der Digitalisierung der Autowelt voran. Der deutsche Branchenriese präsentiert die ersten...Foto: dpa

Ein Zelt, irgendwo in der Wüste nahe Las Vegas. Mitten in der Einöde steht Daimlers Hoffnungsträger. Verborgen unter einer Plane zeichnen sich Konturen eines Lastwagens ab. „Alle, die heute hier sind, werden Zeugen, wie Geschichte geschrieben wird“, kündigt Daimler-Lkw-Chef Wolfgang Bernhard an. Dann überreicht ihm Nevadas Gouverneur Brian Sandoval zwei Nummernschilder und ein Fahrzeug wird enthüllt, das die Transportwirtschaft verändern soll.

Bald auch in Deutschland?

Hinter der feierlichen Zeremonie in Nevada verbirgt sich eine Weltpremiere: Die erste Zulassung selbstfahrender Lastwagen im öffentlichen Straßenverkehr. Präsentation und Testfahrt auf dem US-Highway 15 sind nur der Anfang. Künftig dürfen zwei autonom fahrende Lastwagen des zur US-Tochter Daimler Trucks North America gehörenden Lkw-Herstellers Freightliner Nevadas Verkehrsnetz regulär nutzen.

Dank Daimlers High-Tech-Ausstattung wird der Fahrer zum Beifahrer. Radarsensoren, Stereokameras und Assistenzsysteme wie Abstandsregler sollen für Sicherheit sorgen.
Dank Daimlers High-Tech-Ausstattung wird der Fahrer zum Beifahrer. Radarsensoren, Stereokameras und Assistenzsysteme wie...Foto: dpa

Die Trucks haben ein intelligentes System an Bord, das dem Fahrer erlaubt, unterwegs die Hände vom Steuer und die Füße von den Pedalen zu nehmen, um "sinnvollen Nebentätigkeiten" nachzugehen, wie Daimler erklärte. Die neuen Freightliner sind mit einem Frontradar und einer Stereokamera ausgestattet und verfügt zudem über einen Abstandsregler. Die verschiedenen Komponenten sorgen dafür, dass die Fahrzeuggeschwindigkeit kontrolliert wird und der Lkw die Fahrspur hält. Der Fahrer kann aber jederzeit eingreifen. „Damit haben wir einen Meilenstein erreicht“, sagt Bernhard. Das nächste Ziel sei, die Technik in Deutschland zu testen. „Die Vorbereitungen laufen.“

Im vergangenen Sommer hatte Daimler hierzulande bereits einen autonomen Lkw vorgeführt - allerdings auf einem abgesperrten Teilstück der A 14 bei Magdeburg. Doch zum Erstaunen des US-Fachpublikums setzte der Autoriese dann auf Amerika. Das hat gute Gründe. Auf privaten Fabrikgeländen sind selbstfahrende Nutzfahrzeuge zwar schon längst Realität. Im öffentlichen Straßenverkehr ist das rechtlich aber noch unvorstellbar - zumindest in Deutschland.

Weniger Unfälle, weniger Sprit, weniger Staus

In den USA sind die Regeln hingegen lockerer. So unterscheidet Nevada nicht einmal zwischen Test- und Normalbetrieb. Bis der Roboter-Truck Alltag wird, dauert es aber auch dort noch lange. „Es bleibt unser Ziel, den Highway Pilot Mitte des kommenden Jahrzehnts in Serienfahrzeugen anbieten zu können“, sagt Daimler-Trucks-Manager Martin Daum.

Künftig dürfen zwei autonom fahrende Lastwagen des zur US-Tochter Daimler Trucks North America gehörenden Lkw-Herstellers Freightliner Nevadas Verkehrsnetz regulär nutzen.
Künftig dürfen zwei autonom fahrende Lastwagen des zur US-Tochter Daimler Trucks North America gehörenden Lkw-Herstellers...Foto: dpa

Als eines der wichtigsten Argumente für autonomes Fahren gilt die hohe Unfallgefahr durch menschliches Versagen. Studien beziffern die Verkehrstoten in den USA auf 31 000 und in Europa auf 26 000 pro Jahr. Die Beratungsfirma Roland Berger geht davon aus, dass Automatisierte Fahrsicherheits-Kontrollsysteme die bei Lkws häufigen Auffahrunfälle um mehr als 70 Prozent verringern können. Lkw-Fahrer sind Daimler zufolge im autonomen Fahrbetrieb aufmerksamer und leistungsfähiger. Hirnstrom-Messungen hätten ergeben, dass die Müdigkeit von Fahren um rund 25 Prozent abnehme. Bis das System alles selbst übernehme und der Fahrer etwa nebenher schlafen könne, sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für die Wirtschaft hätte es ebenfalls große Auswirkungen, wenn sich autonome Lastwagen durchsetzen würden. Ein Großteil des Transportwesens - in den USA über 70 Prozent - wird mit Lastwagen abgewickelt. Durch digitale Vernetzung würden Verkehrshindernisse wie Staus antizipiert und Routen automatisch angepasst. Die Spritkosten könnten so laut Studien um acht bis 14 Prozent gesenkt werden.

"Wird die Menschheit einem Roboter erlauben, einen Menschen zu töten?"

Der zweitgrößte Kostenfaktor im Truck-Geschäft sind die Gehälter. „Der Fahrer wird aber noch mindestens für die nächsten zehn Jahre in der Kabine mit dabei sein“, heißt es in der Analyse von Roland Berger. „Die Fahrer hätten mehr Zeit für produktive Arbeit wie die Planung der nächsten Auslieferung - oder ganz einfach Freizeit.“ „Der Fahrer bleibt Chef in seinem Fahrzeug“, betont auch Daimler. Durch die Entlastung vom Fahren „müssen“ werde der Beruf vielmehr stark aufgewertet. In den USA sind die Trucker-Jobs nicht sehr begehrt, so dass viele Unternehmen in Zukunft Probleme bekommen könnten, genügend Arbeiter zu finden - der Autopilot käme gelegen.

Die Technologie nütze der Gesellschaft in vieler Hinsicht, meint Experte Gary Silberg von der Management-Beratung KPMG. „Road Stress“ - durch Anspannung beim Fahren verursachte psychische Belastung - werde dadurch gelindert. Die größte Hürde sei mangelnde Akzeptanz. Autonomes Fahren könne Unfälle nicht ganz verhindern. „Wird die Menschheit einem Roboter erlauben, einen Menschen zu töten?“, fragt Silberg. „Nichts ist perfekt und irgendwann wird es dazu kommen.“. (dpa)

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