Prototyp : Bleibt das Elektroauto auf der Strecke?

Für die Frauenhofer-Gesellschaft forscht er zur Elektromobilität. Die Erkenntnis: Professor Holger Hanselka plädiert für neue Geschäftsmodelle. Denn die sind bitter nötig. Ein Interview

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Holger Hanselka, Leiter des FraunhoferInstituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF. Foto: Promo

Herr Professor Hanselka, Sie sollen für die Fraunhofer-Gesellschaft das geplante Projekt „Systemforschung Elektromobilität“ koordinieren. Sie stehen mit Blick auf die Prototypen vor einem Bündel ungelöster Probleme: Kosten, Akzeptanz, Reichweite, Antrieb, Sicherheit der Leichtbaufahrzeuge bei Unfällen, Gewicht und Batterien – alles ist mit großen Fragezeichen versehen. Welches ist aus Ihrer Sicht der engste Flaschenhals, der passiert werden muss?

Es gilt, verschiedene enge Flaschenhälse entlang einer Wertschöpfungskette zu passieren. Beispiel Elektroauto: Technologisch geht es darum, das Fahrzeug mit Energie zu versorgen, die Energie im Auto zu speichern und damit lange, sicher, zuverlässig und komfortabel fahren zu können. Am Ende dieser Entwicklung soll eine wirtschaftliche, langlebige und leichte Fahrzeugflotte mit Elektroantrieb stehen. Die Herausforderung für die Infrastruktur wird sein, Konzepte wie die Einrichtung öffentlicher und häuslicher Stromtankstellen sinnvoll zu koordinieren und hinreichend Energie nachhaltig zur Verfügung zu stellen. Gesellschaftspolitisch werden anwendungsspezifische Nutzungskonzepte und neue Geschäftsmodelle eine Rolle spielen.

Welche Beispiele für neue Nutzungskonzepte und Geschäftsmodelle schweben Ihnen vor?

Die Monokultur des Familienautos wird es so nicht mehr geben. Statt dessen werden viele Kunden Mobilität kaufen. Ich denke an private Elektroautos für den Stadtverkehr in Kombination mit extra für längere Urlaubsfahrten gemieteten leistungsstärkeren Hybrid-Fahrzeugen. Künftige Geschäftsmodelle könnten berücksichtigen, dass stehende Elektroautos auch Energielieferanten sein können. Wer die Batterie nachts eine Stunde auflädt, kann es an der häuslichen Stromtankstelle die übrige Zeit als Speicher zur Verfügung stellen. Das Stromnetz versorgt das Auto und wird bei Bedarf selbst mit dessen Strom gespeist. Der Kunde kann gleichzeitig Stromlieferant sein und dafür bezahlt werden. Elektroautos würden in ihrer Summe einen gigantischen Energiespeicher für die Stromnetze bieten. Das ist eine große Chance für die erneuerbaren Energien.

Was muss passieren, damit sich der Einstieg der deutschen Automobilindustrie in die Elektromobilität rechnet?

Wesentlich für den Erfolg ist ein ganzheitliches Verständnis von Elektromobilität. Es reicht nicht, Autos mit guten Elektromotoren und Batterien auszurüsten. Nötig ist neben dem politischen Willen zur Elektromobilität eine branchenübergreifende Planung, die alle Aspekte der Thematik einbezieht. Die Autobauer werden sich als Teil des ganzheitlichen Systems Elektromobilität begreifen.

Brauchen wir nach der „Abwrackprämie“ eine Prämie für die Käufer von Hybrid- bzw. Elektrofahrzeugen?

Das hielte ich für keine gute Lösung. Egal, an welcher Stelle man in den Wirtschaftskreislauf eingreift: Es handelt es sich um eine Störung regulärer Abläufe. Jeder Eingriff zieht Veränderungen nach sich, die Vor- und Nachteile mit sich bringen. Ich bin kein Befürworter der „Abwrackprämie“. Zwar war sie kurzfristig eine Hilfe für die internationale Autoindustrie, hat aber gleichzeitig etwa dem Geschäft der heimischen Kfz-Werkstätten geschadet.

Ein Einsatz von elektrobetriebenen Fahrzeugen in Überland- und Fernverkehren würde eine flächendeckend neue technische Infrastruktur voraussetzen. Ist damit nicht das Nischendasein des Elektrofahrzeuges vorprogrammiert?

Nein. Wenn diese Infrastruktur von der Industrie und den Kommunen geschaffen wird, müssen Elektrofahrzeuge keine Nischenprodukte bleiben. Wichtig für solche Investitionen sind verlässliche Rahmenbedingungen von Seiten der Politik.

Unter welchen Bedingungen könnte der PUMA von Segway – ein zweisitziger Elektroroller – zu einer massentauglichen Alternative im Stadtverkehr werden?

Den PUMA zähle ich zu den Parallel- Fahrzeugen. Wie Mofas oder Mopeds ist er auf eine begrenzte Klientel ohne Auto-Führerschein und auf kurze Strecken spezialisiert. Es wird ihn geben und er hat seine Berechtigung. Aber als Hauptverkehrsmittel oder als Alternative zum Auto sehe ich ihn nicht.

Welche weiteren mit Elektromotoren betriebenen Fahrzeuge werden in zukünftigen Verkehren eine Rolle spielen?

Die Autotram lässt sich auf Strecken des öffentlichen Nahverkehrs einsetzen und wird sicher eine Rolle im schienenlosen Raum spielen. Ansonsten denke ich an Fahrzeuge mit einem hohen Freizeitwert, die sich für Kurzstrecken im Stadtverkehr eignen: Fahrräder mit Elektroantrieb, Elektro-Motorräder, Elektro-Großroller oder auch den PUMA.

Das Interview führte Lutz Steinbrück.

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