Psychologie : Die innere Bremse

Viele Frauen haben Angst vorm Fahren und peinlichen Situationen. Nun gibt es Hilfe: Wir waren in einem Seminar dabei.

WIRECENTER
Mit der Unsicherheit umgehen und sie abbauen. -Foto: Heidecke

Es geht nicht allein ums Fahren. Das wird an diesem Samstagmorgen beim Seminar für Frauen mit Fahrangst schnell klar. Es geht um Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstwertgefühl. Sogar um Macht. Um die Macht mancher Männer, denen es ganz recht ist, wenn die Frauen wenigstens in diesem einen Punkt noch von ihnen abhängig sind. „Aber so sind natürlich nicht alle, viele Männer melden ihre Partnerinnen sogar bei uns an“, sagt die Psychologin Susann Kluge. Sie lädt, organisiert vom TÜV Rheinland und der Initiative Hallo Frau, regelmäßig zu Seminaren für Frauen ein, denen der Gedanke an die nächste Autofahrt Herzrasen und Schweißausbrüche verursacht. An ihrer Seite hat sie die erfahrene Fahrlehrerin Janett Stange.

Die beiden scheinen so etwas wie ein Strohhalm für die Frauen zu sein, die sich im Seminar ihrer Panik stellen. Fast jede von ihnen hat schon Etliches durch: Arrogante Fahrlehrer, ungeduldige Männer und Söhne, die nicht verstehen, was da nun dran sein soll, am Fahren. „Einfach einsteigen und losdüsen, andere können das doch auch. Da stimmt doch mit mir was nicht“, sagt die elegante Seniorin Eva Müller. (Namen von der Redaktion geändert). Hanna Schulz, die quirlige Bankberaterin, stimmt ihr zu. Als sie vor Monaten in der Firma gemobbt wurde, wollte sie wenigstens die Freiheit der Mobilität haben und wieder Auto fahren. Aber der Druck im Job übertrug sich aufs Lenkrad. „Kein Wunder“, sagt die Psychologin, „wenn man sich insgesamt schlecht und unsicher fühlt, kann man die Fahrangst erst recht nicht überwinden".

Wie viele – teils vor Jahrzehnten – erlangte Führerscheine von Frauen in Schubladen verstauben, wissen die Automobilverbände nicht. „Jedenfalls hat sich in vielen Ehen eingebürgert, dass der Mann fährt“, berichtet die Psychologin. Wenn der Partner dann erkrankt oder stirbt, geht die unkomplizierte Mobilität schlagartig verloren – und wieder mit dem Fahren anzufangen, ist vor allem mit einem verbunden: Angst.

Schritt für Schritt dröselt Susann Kluge das Dilemma auf: „Wenn Sie sich bei einer guten Fee etwas wünschen könnten, was wäre dann anders?“ Die Antwort von Michaela Stinde kommt spontan und leidenschaftlich: „Ich würde ins Auto einsteigen, ohne mir Gedanken zu machen, die Musik laut drehen und das Gefühl genießen, frei zu sein. Wie früher.“ Und dann, mit belegter Stimme: „Das fehlt mir unheimlich. Dabei würden meine Kinder das super finden. Allerdings mein Partner... Ich weiß nicht.“ Die fünfzigjährige Hanna Schulz ängstigt sich mehr vor der Technik: „Das wäre so befreiend, zu spüren, das Auto beherrscht nicht mich, sondern ich beherrsche das Auto.“ Und Eva Müller, die Älteste in der Runde, offenbart, wie die Furcht am Selbstwertgefühl nagt: Das nicht zu packen, sagt sie, das empfinde sie wirklich als Makel.

Für die Psychologin ist klar: In fast jedem Fall gibt es einen Auslöser der Fahrangst. Die Frauen berichten von riskanten Situationen, die sie geschockt haben. Von Dränglern und von Machtspielchen auf der Straße, denen sie sich nicht gewachsen fühlen. Sie erzählen von mangelnder Fahrpraxis und, wie Eva Müller, vom Familien-Mercedes, der für die zierliche Fahrerin viel zu riesig ist. Dabei wünscht sie sich einen Kleinen, seit sie bei einer Bekannten in einem Corsa mitfuhr. „So einer, ein Fiesta oder ein Micra, das wäre toll. Aber mein Mann will den Großen nicht aufgeben.“ Genau damit aber würde der Mann seiner Partnerin helfen, ruhig und sicher durch den Verkehr zu kommen – denn „ein Auto ist wie ein Kleid“, sagt die Fahrlehrerin. „Sie müssen sich darin gut fühlen. Dazu gehören auch bequeme Kleidung und Wohlfühlschuhe.“

Soweit sind die Frauen allerdings noch längst nicht. Heute geht es nur um die Theorie. Die Psychologin hakt nach: „Was könnte schlimmstenfalls passieren, wenn Sie wieder fahren?“ Die Antworten deuten immer wieder auf dasselbe Gefühl der Frauen: Mein Gott, ist das peinlich. Wenn ich andere behindere. Wenn jemand warten muss. Wenn ich nicht von der Ampel wegkomme. „Ich denk' immer, dass die ganze Straße zuschaut, wenn ich einparke.“ Da hilft nur eines, finden die Expertinnen: „Legen Sie sich ein Bärenfell zu! Wenn mal einer hinter Ihnen flucht, weil’s mit dem Einparken etwas dauert – was soll’s?“

Für den Moment einer Panikattacke trainiert die Runde jetzt Entspannungs- und Atemübungen. Beruhigend wirkt es, wenn man Telefonnummern einer Vertrauensperson im Auto parat hat; vom Partner, der Schwester, der Freundin. „Die kann man anrufen, wenn etwa ein unbekanntes Geräusch auftaucht, oder ein rotes Lämpchen auf der Armatur blinkt“, sagt Susann Kluge. Natürlich helfen auch Automobilclubs oder Hotlines der Hersteller. „Wissen Sie auf der Autobahn nicht weiter, fragen Sie einen Brummi-Fahrer, die haben ein Herz für Frauen“, so Kluges Tipp. Im äußersten Panikfall empfiehlt sie zudem, anzuhalten und die Warnblinkanlage einzuschalten.

Zum Ende des Seminars sollen die Frauen überlegen, wie sie wieder einsteigen. Noch ein paar Stunden bei einer Fahrlehrerin nehmen, mit kleinen Strecken am Wochenende beginnen, in Begleitung der besten Freundin fahren – das sind die Pläne, die Susann Kluge verstärkt: „Legen Sie los, sie können die Angstgefühle nur durch positive Erlebnisse korrigieren.“

Natürlich gibt es auch real kritische Situationen: Auffahrten zur Autobahn, Kreisverkehr, schmale Straßen, Baustelleneinengungen. Da helfen nur Fahrpraxis, einige Fahrstunden extra und Fahrsicherheitstrainings. Fast alle Automobilclubs haben die im Programm.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar