Rallye Dakar : Wolfsburger Sandmännchen

Für die Fahrzeuge ist es die härteste Probe, die es im Motorsport gibt: Heute beginnt in Lissabon die Rallye Paris-Dakar. Als einziger Autohersteller aus Deutschland wagt sich VW in die Wüste – mit einem Touareg, der es in sich hat.

Peter Hartmann
Touareg
Der Touareg. -Foto: dpa

„Nach der Dakar ist vor der Dakar“, sagte Kris Nissen, Volkswagens Motorsport Direktor, als seine Autos im letzten Jahr das Ziel im ostafrikanischen Senegal erreicht hatten. Also machte man sich gleich wieder an die Arbeit – an diesem Samstag nun gehen 350 Tage penibler Vorbereitung für die wohl härteste und längste Motorsportveranstaltung der Welt zu Ende. Paris-Dakar startet, und als einziges Werksteam aus Deutschland ist VW dabei; vier Volkswagen Race Touareg nehmen heute in Lissabon den Kampf gegen die hoch motivierten Wettbewerber auf. 9273 Kilometer ist die Gesamtstrecke lang – in Wolfsburg sieht man die als „sehr gute Bühne, um im sportlichen Wettbewerb unsere Leistungsfähigkeit zu zeigen“, sagt Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg.

Keine Rallye ist länger, härter, anstrengender, unerbittlicher. Dakar heißt endlos lange Sandpisten in der Wüste, aber auch knallharte Schotterwege im Gebirge. Jahr für Jahr zieht es Profis wie auch Privatiers zu diesem einzigartigen Wettbewerb quer durch Afrika. Nicht allein der Sieg ist das Ziel. Schon wer den Härtetest für Mensch und Technik übersteht und in Dakar ankommt, darf sich als Gewinner fühlen. Beim diesjährigen 30. Jubiläum des Wüstenklassikers „Dakar“ sind die nicht gewerteten Verbindungsetappen deutlich reduziert worden, während aber die Distanz der 15 Wertungsprüfungen durch Portugal, Spanien, Marokko, Mauretanien und den Senegal im Vergleich zum Vorjahr um über 30 Prozent auf 5736 Kilometer gestiegen ist. Das wird für Fahrer und Team sehr anstrengend. Die Piloten werden auf den langen Etappen viele Stunden im Cockpit verbringen, so dass das Team durch die späten Ankunftszeiten im Biwak erst spät mit der Arbeit beginnen kann. Der logistische Aufwand, insbesondere während der Streckenführung durch Afrika, ist enorm.

Morgen, am Sonntag, setzt der RallyeTross nach Afrika über. Dann stehen sechs Etappen in Marokko und Mauretanien auf dem Programm, bevor am 13. Januar der einzige Ruhetag in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott die zweite Hälfte des Marathons einläutet. Der Streckenabschnitt in Mauretanien ist mit acht Etappen das Herzstück der Dakar und traditionell das schwierigste Teilstück. Da kann nur derjenige durchhalten, der körperlich absolut fit ist. Harte Schläge belasten den Körper auf rauen Pisten, Hitze tagsüber und Kälte in der Nacht, beim Reifenwechsel 40 Kilogramm schwere Räder heben oder festgefahrene Autos mühsam wieder aus dem Wüstensand graben – dies ist der ganz gewöhnliche Alltag bei der Dakar. Nur gut, dass sich um das achtköpfige Werksfahrer-Kader ein Team von Ärzten und Physiotherapeuten der Sportklinik Bad Nauheim kümmert. Zum Vergleich: Mit knapp 6000 Prüfungskilometern in der Wertung müssen Mensch und Material hier eine Strecke durchhalten, die sich in der Formel 1 über ein ganzes Jahr verteilt.

In der Vorbereitungsphase dieser Tortur stellte VW jedes technische Detail seines Race Touareg auf den Prüfstand. Über 400 Punkte wurden überprüft und verbessert. Von der Verlegung einzelner Kabel über die Verwendung neuer Teile ist sehr viel Feinarbeit geleistet worden. Dem Zufall wird nichts überlassen, schließlich ist schon der kleinste Fehler in der Wüste lebensbedrohend. Im Juni 2007 hat VW mit dem Race Touareg einen Dauerlauf von 6000 Kilometern gefahren, auf dem hauseigenen Testgelände in Ehra absolvierte man weitere 4000 Kilometer, um die Fahrt auf den Verbindungsetappen zu simulieren. Die spezielle Dakar-Spezifikation hat VW für seinen Race Touareg dann im August 2007 festgelegt. Als Vorbereitungstest galten die Einsätze mit dem wettbewerbsfertigem VW Race Touareg bei den Marathon-Weltcup Läufen in Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten im November.

Das technische Reglement der Dakar besagt, dass Rallye-Prototypen wie der Race Touareg nur noch mit einem Fünfganggetriebe ausgerüstet sein dürfen – zuvor waren sechs Gänge erlaubt. Nachteil: Die Beanspruchung verteilt sich jetzt auf weniger Gangräder, zudem fallen die Sprünge zwischen den Gängen größer aus. Dennoch ist Nissen zufrieden: „Nach den ersten Tests fanden unsere Fahrer das neue Getriebe sogar angenehmer, weil sich die Zahl der Schaltvorgänge verringert hat“. Angetrieben wird der Race Touareg von einem 2,5-Liter-Fünfzylinder-Turbodiesel (TDI) mit etwa 280 PS. „Der Motor besitzt ein sehr gutes Drehmoment, was sich vor allem auf Sand positiv bemerkbar macht. Durch den niedrigen Verbrauch kann ein Dieselfahrzeug bei einer langen Etappe mit einer kleineren Füllmenge starten, der Gewichtsvorteil gegenüber einem Auto mit Benzinmotor beträgt so bis zu 200 Kilogramm“, sagt Donatus Wichelhaus, Leiter Motorenentwicklung bei Volkswagen Motorsport.

Das Mammutprogramm erfordert eine extrem genaue Logistik. Neben Ersatzteilen und Werkzeugen müssen 80 Ein-Mann-Zelte, Schlafsäcke, Iso-Matten und vieles mehr in den Service-Trucks und Begleitfahrzeugen (VW Touareg, VW Multivan) transportiert werden. „Wir können unterwegs fast nichts nachkaufen. Deshalb müssen wir genau planen“, erklärt VW Logistik-Experte Paco Crous. Übernachtet wird in einem Biwak – dort serviert der Veranstalter auch das Frühstück und das Abendessen. Auf komfortable Hotels müssen die Teilnehmer verzichten. „Die Dakar 2008 wird länger, härter und schwieriger“, sagt Volkswagen-Werkspilot Carlos Sainz, der Sieger im FIA Marathon-Rallye-Weltcup 2007. „Uns erwarten viel Sand, Dünen und zwei Etappen, an denen uns abends keine Mechaniker helfen dürfen“. Schwierig auch deshalb, weil die Zahl der gezeiteten Kilometer um ein Drittel höher ist. Da Mali dieses Jahr nicht durchfahren wird, stehen 2000 Kilometer mehr in Mauretanien auf dem Programm. Dort gibt es keine Wege; die Navigation ist überlebenswichtig. Da möchte man sich kaum noch an die Anfänge der Dakar vor 30 Jahren erinnern…

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