Renault Megane : Mit Charme und Stil gegen den Golf

Renault macht dem VW Golf mit dem Megane dCI 110 EDC Konkurrenz. Das neue Motto: Französischer Chic statt deutscher Gradlinigkeit.

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Das neue Motto bei Renault: Statt teutonischer Geradlinigkeit eines Golf zu kopieren nun französischer Chic mit dem Megane anbieten.
Das neue Motto bei Renault: Statt teutonischer Geradlinigkeit eines Golf zu kopieren nun französischer Chic mit dem Megane...Foto: Rainer Ruthe

Nicht von ungefähr kennen die meisten die Kompakt-Klasse auch unter dem Begriff Golf-Klasse. Am Wolfsburger kommt bislang keiner vorbei. Viele ausländische Hersteller streben danach, Kopien von „deutschen“ Autos wie den Golf anzubieten – und scheitern nicht selten. Was also tun? Das neue Motto bei Renault: Statt teutonischer Geradlinigkeit eines Golf zu kopieren nun französischer Chic mit dem Megane anbieten, außen wie innen. Französische Designer haben in der Vergangenheit bereits automobile Trends gesetzt, die wegweisend waren in der Branche. Man denke nur an den Citroen DS 21, die Göttin, oder an die Ente, oder an den Renault R4. Beim neuen Megane haben sich die Franzosen wieder auf ihre eigentliche Stärke zurück besonnen:  Autos mit Charme und Stil zu bauen – als französische Alternative zum Golf. Nicht so perfekt und emotionslos clean wie der Wolfsburger. Nein, als Designerstück, das sich bewusst abhebt von Golf und Co. Mit dieser neuen Linie soll der Megane auf (Golf)-Kundenfang gehen. Kann er das schaffen? Diese Frage versucht unser Praxistest mit dem 110 PS starken Spardiesel inklusive Doppelkupplungsgetriebe und Top-Ausstattung für immerhin gut 32.000 Euro zu beantworten.

AUSSSEN UND INNEN

Man sieht ihn noch nicht häufig auf der Straße. Doch der neue Megane fällt auf. Die Front prägen neben dem schmalen Grill mit prominentem Rhombus-Logo vor allem die auffälligen sichelförmigen LED-Tagfahrlichter, welche den Franzosen sofort erkennbar machen. Auch am Heck gibt sich der Megane nicht als Null-Acht-Fünfzehn-Modell: Wie schon beim Mittelklassewagen Talisman punktet auch der Megane mit einem eigenständigen Designelement – den weit nach innen, fast bis zum mittigen großen Rhombus gezogenen Heckleuchten. Das ist neu und sieht in der Dunkelheit toll aus.

Auch im Innenraum ist eine neue Zeit angebrochen. Solide Verarbeitung und hochwertige Materialien gehören ja nicht zu den Dingen, die man sofort mit einem französischen Auto verbindet. Hier hat Renault vieles besser gemacht - mit Erfolg. So edel ist noch kein Megane in Erscheinung getreten. Und auch nicht so eigenständig. Das Head-up-Display ist zwar nur eine preisgünstige Klappscheiben-Variante, doch die ist hier viel besser als ihr Ruf und zeigt die Infos klar und gut sichtbar im Blickfeld an. Eine nützliche Sache, die man sonst nicht in der Kompakt-Klasse findet. Dumm nur, dass die Höhenverstellung der Anzeigen erst im x-ten Untermenü auf dem Bildschirm reguliert werden kann. Anders dagegen der altertümliche Bedienungssatellit für das Radio, den es schon in viele Jahre alten Renault-Modellen gegeben hat. Er wirkt wie ein Tabubruch mit der digitalen Neuzeit, aber er funktioniert klasse! Blind greift man auf Schalter und Rändelrad zu, versteckt hinter dem Lenkrad – und findet sich blind zurecht. Topp!

Im Innenraum hat Renault vieles besser gemacht als bei vorherigen Modellen.
Im Innenraum hat Renault vieles besser gemacht als bei vorherigen Modellen.Foto: Rainer Ruthe

SITZEN UND LADEN

Der 4,36 Meter lange Franzose steht dominant auf der Straße, überragt schon das Kompaktklasse-Segment. Er ist 6,5 Zentimeter länger und 2,5 Zentimeter flacher geworden. Der Radstand wächst um 2,8 Zentimeter auf 2,67 Meter. Dennoch bietet der neue Megane beim Platzangebot gegenüber dem Vorgänger nur etwas mehr Luft und liegt damit im guten Klassenmittel. Platz ist dennoch ausreichend vorhanden, wie auch viele Staufächer oder breite Armauflagen. Die Sitze erweisen sich als sehr bequem: mehr kuschelig als sportlich. Im Fond müssen zwar groß gewachsene Personen den Kopf nicht einziehen,  doch für die Knie wird es eng, wenn in der ersten Reihe von dem dort großzügigen Platzangebot Gebrauch gemacht wird. Da ist der Golf besser. Die Vordersitze gehören zu den Besten in dieser Klasse: elektrisch beheizbar, der Fahrersitz mit Massagefunktion (wie in der Oberklasse) und elektrisch verstellbarer Lordosenstütze – und im Topmodell Bose Edition überdies mit feinem Leder bezogen. Man fühlt sich einfach gut untergebracht. Mit ihrem stilvollen Lounge-Charakter passen sie optimal zum Wellness-Charakter dieses komfortablen Gefährts. Ein typisch französisches Auto, so wie man es aus den Sechzigern kannte  und damals schätzte.

Der neue Megane ist zweifelsohne eines der attraktivsten Autos in der Kompaktklasse, aber leider auch eines der unpraktischsten beim Thema Laden: Das Kofferraumvolumen bewegt sich mit 384 Litern (Opel Astra 370 Liter, VW Golf 380 Liter) im Normalfall noch auf Klassenstandard. Das war es dann aber schon. Beim Maximalvolumen fällt der Franzose klar ab, und das Laden selbst macht er einem auch schwer. Die Ladekantenhöhe beträgt sehr hohe 73 Zentimeter. Das Gepäck muss zudem wegen der nötigen Karosseriesteifigkeit über eine 27 Zentimeter breite Schwelle bugsiert werden, immer in der Gefahr, dabei den schönen Lack zu zerkratzen. Innen geht es hinter der Ladekante 22 Zentimeter nach unten. Da muss das Gepäck dann später wieder hoch gehoben werden – in vielen anderen Kompakten geht das viel einfacher. Und nach dem Umklappen der Rücksitzlehne ist die Ladefläche zwar 149 Zentimeter lag, doch es stört dann eine zehn Zentimeter hohe Kante. Da ist der Golf um Welten besser.

FAHREN UND TANKEN

Sportliche Autos gibt es schon genug in der Kompakt-Klasse, wobei viele Hersteller sportlich mit hart gleichsetzen. Warum also auch bei diesem Thema keine Alternative anbieten? Bekömmlicher Komfort statt übertriebener Sportlichkeit, lautet die durchaus vernünftige Devise. Ein adaptives Fahrwerk mit elektronisch geregelten Dämpfern wie seine großen Brüder Talisman und Espace bietet der Megane zwar nicht an, dafür jedoch ein sauber abgestimmtes konventionelles Fahrwerk. Dank breiter Spur liegt der Megane satt auf der Straße und folgt zielgenau jedem Richtungsbefehl der recht direkten Lenkung. Die ausgewogene Feder-Dämpfer-Abstimmung ist auf der richtigen Spur: komfortabel im Wesen und dennoch ausreichend straff,  um keine die Fahrsicherheit beeinträchtigende Schwammigkeit aufkommen zu lassen. Es ist eine Freude, mit diesem Franzosen auf endlich wieder entdeckte französische Art fahren zu können: bequem reisen statt stressig rasen. Sein Geheimnis ist eine gegenüber dem Golf gelungene Grundabstimmung, die auch ohne teure Elektronikhilfe funktioniert. Da ist der Megane zumindest auf Augenhöhe mit dem Golf.

Voraus ist er ihm beim Antrieb, speziell in der von uns gefahrenen Version mit dem 1,6 Liter großen und 110 PS starken Diesel in Verbindung mit dem sechsstufigen Doppelkupplungsgetriebe. Dieses Gespann versteht sich so blind wie ein altes Ehepaar. Die französische Doppelkupplungsautomatik schaltet deutlich ruckfreier und insgesamt viel weicher als das VW-Pendant. Irgendwie erinnert der französische Automat an die Arbeitsweise klassischer Wandlerautomaten. Und auch der Diesel geht druckvoller zur Sache,  als es seine 110 PS vermuten lassen. Denn das Drehmoment von immerhin 250 Newtonmetern liegt bereits bei 1750 Touren an. Der Selbstzünder ist kein Reißer, aber auch kein Schlappschwanz. Vielmehr gefällt er mit kräftigem und vor allem schön gleichmäßigem Vortrieb. Mit diesem Charakter passt er optimal zum komfortorientierten Megane. Wer ihn nicht ständig mit Vollgas reizt, was nebenbei gesagt, auch nicht zu diesem Auto passt, wird an der Zapfsäule belohnt. Auf den gut 1700 Testkilometern genehmigte sich der Vierzylinder-Turbo alle 100 Kilometer lediglich 4,7 Liter – damit nur einen Liter mehr als der unrealistische Normverbrauch beträgt. Auf der obligatorischen Sparrunde waren gar nur 4,1 Liter Diesel. Für einen Kompakten mit Automatikgetriebe ist das aller Ehren wert.

HÖREN UND SEHEN

Der 110 PS starke Diesel gehört zu den leisesten Selbstzündern, die derzeit in dieser Klasse angeboten werden. Vor allem auf der Autobahn bei vernünftigem Tempo (um die 130 km/h) dringt nur das einem Benziner ähnliche Säuseln aus dem Motorraum. Und so erweist sich der Megane als erfreulich leises Auto mit einem insgesamt angenehmen Fahrkomfort. Auch ein Kompakter kann also ein ideales, weil nervenschonendes Reiseauto sein. Mit der Übersichtlichkeit ist es allerdings nicht so gut bestellt. Die elegante Karosserieform fordert ihren Tribut bei der Übersichtlichkeit; ein Golf ist da viel besser.

WÄHLEN UND ZAHLEN

Los geht es beim Megane mit einem 100 PS starken Turbo-Benziner in der Life-Basisversion ab günstigen 16.790 Euro. Denn bereits da sind schon vier Türen, Klimaanlage, Radio mit vier Lautsprechern, USB und Bluetooth, Tempopilot mit Geschwindigkeitsbegrenzer, Berganfahrhilfe, höhenverstellbarer Fahrersitz sowie LED-Tagfahr- und Heckleuchten inklusive. Ein vergleichbarer VW Golf ist 4771 Euro teurer!

Die von uns gefahrene Version Bose Edition für 27.590 Euro lässt nicht mehr viele Wünsche offen. Es sei denn, man will den großen Luxus im kleinen Auto: Voll-LED-Scheinwerfer und Head-up-Display für 1190 Euro, Ledersitze inklusive beheizbarem Nappalederlenkrad für 1290 Euro oder das große Fahrerassistenzpaket mit Radar-Tempomat, Notbremsassistent und Sicherheitsabstandswarner für günstige 690 Euro.

Beim Infotainment bieten die Franzosen mehr als das Gewohnte, weil der Megane hier von den oberklassigen Modellen Espace und Talisman profitiert. In den höheren Ausstattungen besitzt der kompakte Renault den digitalen an seine Vorlieben anpassbaren Tacho aus Espace und Talisman sowie einen hochkant stehenden 8,7 Toll großen Touchscreen, wie ihn bislang nur Tesla und Volvo in der Oberklasse anbieten. Darauf kann man tippen und wischen, so wie man das von seinem Smartphone gewohnt ist. Allerdings reagiert das Display zuweilen erst beim zweiten Fingerdruck richtig. Das nervt vor allem beim Fahren,  wo der „richtige Punkt“ erst einmal getroffen werden muss. Und man muss sich außerdem in die verzweigte Struktur mit den vielen Untermenüs einarbeiten, um hinter alle Feinheiten und Möglichkeiten des von Renault R-Link 2 genannten Systems zu kommen. Das zeigt übrigens sogar die Luftqualität des Gebietes an, durch das man gerade fährt: In Berlin-Friedrichshain ist die Luft laut Renault-System „sehr verschmutzt“. Mit R-Link 2 lässt sich auch die Multi-Sense-Applikation bedienen, quasi ein halber Fahrerlebnisschalter à la BMW. Man kann zwischen den vorprogrammierten Einstellungen Eco, Comfort, Neutral, Sport wählen. Dann ändert sich zum Beispiel der Widerstand am Lenkrad oder die Schaltstrategie des Doppelkupplungsgetriebes. Wechselt man in den Sport-Modus, wird der Drehzahlmesser zentral eingeblendet und die Ambientebeleuchtung wechselt in Rot. Nette Spielerei. Allerdings mit einem Haken: Wechselt man von Sport zu Comfort, schaltet die Elektronik automatisch auch die Massagefunktion des Fahrersitzes ein. Ausschalten lässt sich diese erst, wenn man sich auf dem großen Touchscreen durch zwei Untermenüs geklickt hat. Geradezu ärgerlich ist jedoch die Tatsache, dass das Infotainmentsystem dieses brandneuen Autos sich nicht mit Smartphones koppeln lässt, was in dieser Klasse bei neuen Autos schon die Norm ist. Weder Android Auto noch Appels Car Play ist an Bord - und wann diese Schnittstellen kommen, können die Franzosen noch nicht sagen. Klarer Nachteil hier für den Megane gegenüber dem Golf.

GUTES UND SCHLECHTES

Der neue Mégane, der die fünf Sterne im Euro-NCAP-Test locker geschafft hat,  ist eine erfreuliche Bereicherung in der Kompaktklasse. Denn er geht seinen eigenen Weg. Er ist nicht in jeder Hinsicht perfekt (muss er das wirklich sein?), aber in der Gesamtheit seiner Eigenschaften hat er sich zu einer ernstzunehmenden Alternative zum ewigen Golf-Anführer entwickelt. Denn er kommt mit einer klaren französischen Botschaft: Es geht auch anders als teutonisch perfekt, mit Charme, Stil und Komfort. Sowie mit Vertrauen, denn Renault gewährt fünf Jahre Garantie bis zu 100.000 Kilometer auf das Auto (VW auf den Golf nur zwei Jahre). Da muss der Marktführer mit seinem Garantie-Geiz passen. Und der Megane wird so zu einem Geheimtipp in dieser Klasse. Wie lange wohl noch?

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