Renault Mégane : Wagemut ist das eine, Erfolg das andere

Nächste Woche startet ein braver Renault Mégane – ohne Bürzel am Heck und mit neuen Motoren.

Eric Metzler

Zuweilen stolpert man über die Wahrheit. „Kommen wir jetzt zum Entscheidenden“, sagt die Französin bei der Präsentation des neuen Mégane, „kommen wir zum Design“. Damit trifft die Dame den Nagel zwar auf den Kopf – fürwahr ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Optik bei der Kaufentscheidung mehr ins Gewicht fällt als alles andere. Indirekt und ungewollt aber weist die Betonung des Oberflächlichen auf ein Dilemma Renaults bei den Kunden hin, die man anderen Marken in Deutschland abjagen will. Die Rede ist von den sogenannten Eroberungskäufern. Für die nämlich kann ein Renault noch so „zukunftsweisend“, „spannungsvoll“ und „herausfordernd“ aussehen – die Skepsis vor anfälliger Technik sitzt in vielen Köpfen fest wie eine angerostete Radmutter. Wie also will man den Fahrern von Focus, Astra und BMW Einser einen Seitensprung schmackhaft machen?

Beim letzten Mal, 2004, hatte man es mit heroischem Mut und der Annahme versucht, das zahlende Publikum sei den Einheitsbrei à la Golf satt. So kam es zu einem Mégane mit extraordinärem Entenbürzel, wie man den gewaltigen Knick in der Kofferraumklappe später schimpfen sollte. Zunächst hatten selbst die Kollegen der Fachpresse staunend Beifall geklatscht. Erst als die Händler mehr Häme als Bestellungen ernteten, wollten es alle von vornherein gewusst haben: Das konnte ja nichts werden!

Dieses Mal droht keine Gefahr. Die dritte Generation des Mégane trägt ein komplett neues Gesicht, eines, das man gefällig und massenkompatibel nennen darf. Die Limousine mit Fließheck und fünf Türen reißt mangels Experimenten weder zu Hurrahüpfern noch zu Kopfschütteln hin; das Zeug, einige vom Vorgänger verschreckte Renaultisten wieder einzufangen, hat sie durchaus. Die neun zusätzlichen Längenzentimeter auf 4,30 Meter verstecken sich allein in der Front. Die weit nach hinten gezogenen Scheinwerfer und der glatte Übergang von Motorhaube zum Grill erinnern an den hauseigenen Laguna; das beinahe rundliche Heck ein wenig an Citroens C4.

Viel eigenständiger als bisher fährt das Mégane Coupé vor, ein Dreitürer, der vor allem mit seinem Hinterteil punkten will. Die Absicht indes ist für unseren Geschmack eine Spur zu offensichtlich. Die kraftvollen Rückleuchten und die für ein Coupé ungewöhnlich hoch auslaufende Dachlinie dominieren das Bild. Ein Kollege aus dem Ruhrgebiet erkennt darin eine Verwandtschaft zum Honda Civic. Ob das als Kompliment gemeint ist, lassen wir an dieser Stelle offen.

Den Innenarchitekten jedenfalls machen wir gerne eins: Hut ab, das gefällt spontan, es fühlt sich besser an denn je – und der Eindruck wird nach 200 Kilometern nicht schlechter. Vielleicht sollte Renault die Plakate übernehmen, die VW nach der Einführungskampagne des Golf VI gerade abhängen lässt: Ja, auch der Mégane lebt eine „neue Wertigkeit“. Was an Materialien ausgesucht wurde und wie man sie verarbeitet hat, braucht den Vergleich zum Klassenprimus nicht scheuen: Unprätentiös, funktional; am schönsten in der zweifarbigen Variante.

Nach einer ersten Ausfahrt vergeben wir Pluspunkte für perfekt gedämmte Motoren, vernünftig ausgeformte Sitze und eine differenziert abgestimmte Federung: angenehm komfortabel in der Limousine; angenehm straff im Coupé. Hohes Nervpotenzial haben der Digitaltacho und die Keycard – wir bleiben altmodisch.

Der neue 1,9-Liter-Commonrail-Diesel läuft derart leise, dass sich mancher fragen wird, ob er nicht einen Benziner erwischt hat. Schon bei niedrigen Drehzahlen tritt der cdi ordentlich an. In Verbindung mit der direkten Lenkung und der hakelfreien Schaltung fehlt es einem trotz mominal schlapper 130 PS im Grunde an nichts. Käufern des Coupés vorbehalten ist das stärkste Aggregat, der Zweiliter-TcE mit 180 PS; ein Turbobenziner, dessen Durchzugsverhalten es beinahe mit modernen Dieseln aufnehmen kann.

Insgesamt fordert die Antriebspalette für den Mégane eine gewisse Lust an Datenblättern und Preislisten. Wenn alle Varianten inklusive Alkoholversion im Laufe des nächsten Jahres eingeführt sein werden, stehen acht Motoren zur Wahl. Der 1,6-Liter-Basismotor mit seinen 100 PS dürfte dabei erheblichen Zulauf haben, zumal die nächststärkere Version mit 110 PS kaum bessere Fahrleistungen verspricht. Am spannendsten finden wir den 1,4-Liter-Benziner, der im Frühjahr als TcE 130 demonstrieren soll, was die Franzosen unter Downsizing verstehen: Trotz seines kleinen Hubraums liefert der Motor Drehmomente wie ein 1,8-Liter. Verbrauch und CO2-Emission liegen aber deutlich darunter (6,5 Liter/156 g/km).

Der günstigste Mégane mit 100 PS kostet 16 990 Euro. Nominal gibt es den neuen Golf für 400 Euro weniger – dessen Ausstattung ist aber wesentlich schlechter. Das Coupé (erst ab der besseren Linie Dynamique) ist ab 19 350 Euro zu haben. Wer den Scirocco von VW schöner findet, muss mit fast 4000 Euro mehr kalkulieren.

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