Renault Talisman : Fahren wie Gott in Frankreich?

Der Renault Talisman überzeugt mit Charme, schickem Design und viel Technik. Ein paar Fragen bleiben allerdings offen.

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Der Renault Talisman ist der Nachfolger des eher mäßig erfolgreichen Laguna.
Der Renault Talisman ist der Nachfolger des eher mäßig erfolgreichen Laguna.Foto: Rainer Ruthe

Autos mit Charme, Schick, flauschigem Komfort, aber auch schrulligen Details kommen – na? Aus Frankreich! So die landläufige Meinung. Die heutzutage jedoch nur noch bedingt stimmt. Bestes Beispiel ist der neue Renault Talisman, der seit März bei uns zu kaufen ist. Der Nachfolger des eher mäßig erfolgreichen Renault Laguna versucht, auf neuen französischen Wegen in die Gunst der Käufer zu fahren. Das gelingt ihm teilweise sehr gut, teilweise aber auch nicht.

Die neue Mittelklasse-Limousine markiert dank eines Holländers eine neue Zeitrechnung bei Renault. Seit 2009 ist Laurens van den Acker für das Design der neuen Renault-Modelle verantwortlich. Zuvor hatte er bei Ford und dann drei Jahre als Designchef von Mazda gearbeitet. Ein Renault fällt nun wieder auf. Die Front prägen neben dem Chrom-Grill mit prominentem Rhombus-Logo vor allem die sichelförmigen LED-Tagfahrleuchten, die ein Unikat sind.

Der Talisman bestätigt einmal mehr einen schon lange anhaltenden Trend: Er ist ein ziemlich großer Glücksbringer geworden. Wie die Konkurrenten Skoda Superb und Ford Mondeo wächst der neue Mittelklasse-Renault fast auf Oberklasse-Format. Bei 4,85 Metern Länge, 2,81 Metern Radstand bietet der Renault reichlich Raum zum Leben auf allen Plätzen. Außerdem präsentiert sich der Talisman innen als rollende Wellness-Oase mit Massagesitzen, breiten Relax-Kopfstützen, Wohlfühl-Ambientelicht und einer fast knopflosen Bedienung rund um den großen, senkrecht angeordneten XXL-Touchscreen, den es sonst nur im 100.000-Euro-Oberklasse-Elektroauto Tesla gibt. Die Franzosen wissen einfach noch immer, wie man auch Normalverdienern das Leben im Auto so nett wie möglich machen kann, dass es außerdem im Interieur nach mehr aussieht. So versucht Renault geschickt, an frühere glorreiche Zeiten anzuknüpfen. Die stattliche Limousine bietet vorn viel Armauflage, die bewusst breit ausgelegten Komfortsitze locken mit kuscheligen Nappaleder, und das harmonisch geformte Armaturenbrett erfreut das Auge mit aufwendig vernähtem Kunstleder und Holzintarsien, die auch in einer Mercedes S-Klasse zu finden sein könnten.

Doch offensichtlich waren die Franzosen der Meinung, dass bei ihrem Neustart in der Mittelklasse Schick und Charme allein nicht ausreichen. Also pflanzten sie jede Menge Elektronik und auch einige Besonderheiten ins Auto,  um sich abzuheben von der Konkurrenz aus Deutschland, Tschechien und Japan.

Digitalisiert wie noch kein Renault zuvor

Das ist vor allem in dem von uns gefahrenen Topmodell Talisman Energy dCi 160 EDC Initiale Paris zu erleben, das so stark digitalisiert ist wie noch kein Renault zuvor und für das mindestens selbstbewusste 41.000 Euro fällig werden. Dafür wird auch einiges geboten: Turbodiesel mit Start-Stopp-Technik und 160 PS aus nur 1,6 Liter Hubraum. Serienmäßige Sechsgang-Doppelkupplungsautomatik. Spezielle Akustikverglasung der Front- und auch der Seitenscheiben, welche tatsächlich Außengeräusche außen vor lassen. Serienmäßige Voll-LED-Scheinwerfer. Sicherheitsabstandswarner. Multimediasystem R-Link 2 mit integrierter Navigation, aufklappbares Head-Up-Display mit sehr guter farbiger Darstellung direkt im Sichtfeld des Fahrers. Dazu ein Bose Surround Sound-System mit 13 Lautsprechern. Die Dynamische Allradlenkung 4Control ist eine echte Neuheit, die sich im Alltag positiv bemerkbar macht.

Dazu kommt ein adaptives Fahrwerk für alle Geschmäcker und nicht zuletzt das Multi-Sense System, mit dem verschiedene Fahrmodi (Sport, Komfort, Neutral, Eco und Personal) abgerufen werden können. So wechselt der Talisman auf Knopfdruck seine Stimmung. Der Programmschalter auf der Mittelkonsole ändert nicht nur – wie bei anderen Herstellern – das Ansprechverhalten von Gaspedal, Getriebe, Lenkung und verstellbaren Dämpfern, sondern passend dazu in fünf Stufen die Beleuchtungsfarbe, Klimatisierung, Motorsound und das Design des TFT-Tach-Displays. Dort sieht der Fahrer dann im Sport-Modus einen roten Drehzahlmesser, bei Eco eine grüne Sparanzeige. Das klingt in der Theorie richtig gut, funktioniert in der Praxis allerdings nicht perfekt und stört das Gefühl vom Fahren wie Gott in Frankreich. So wird bei Sport der Fahrkomfort, auch dank der serienmäßigen 19-Zoll-Räder, etwas ruppig, erweist sich die Lenkung im Komfort-Modus als zu leichtgängig, sind unterm Strich die verschiedenen Modi generell zu wenig gespreizt, als dass sie auch als unterschiedliche Einstellungen wahrgenommen werden können.

Nach einigen Versuchen fand sich schließlich die passende Kombination aus den vielen Möglichkeiten. Es würde hier zu weit führen, das Ganze zu erklären. Jeder Interessent muss eben seine eigene Version herausfinden. Überraschung: Beim Umschalten von Sport auf Komfort schaltet sich plötzlich unvermittelt die Massagefunktion des Fahrersitzes ein. Man muss erst in den Tiefen des Multi-Sense Systems herausfinden, wie man diese abschalten kann. Überhaupt muss man sich mit diesem System, am besten vor der ersten längeren Fahrt, eingehend beschäftigen, um Menüs und Untermenüs zu ergründen.

Innen präsentiert sich der Talisman als rollende Wellness-Oase mit Massagesitzen.
Innen präsentiert sich der Talisman als rollende Wellness-Oase mit Massagesitzen.Foto: Rainer Ruthe

Da macht es einem der Antrieb viel einfacher. Der Diesel ist in der Praxis viel kräftiger als es sein kleiner Hubraum von 1,6 Litern befürchten ließ. 160 PS bei 4000 Umdrehungen pro Minute und stramme 380 Newtonmeter Drehmoment schon ab 1750 Touren. Dazu gesellt sich serienmäßig eine Sechsgang-Doppelkupplungsautomatik, die das Beste tut, was sie machen kann: Unauffällig im Hintergrund agieren und zur rechten Zeit den richtigen Gang wählen. Ruckfrei, versteht sich. Diese Antriebeinheit wuchtet den 1,6-Tonner anständig nach vorn, in nur 9,4 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h und maximal bis Tempo 215. Dabei geht der Vierzylinder ebenso kultiviert wie sparsam zu Werke. Auf einer ersten Ausfahrt genehmigte sich der Diesel im Schnitt 7,2 Liter statt der vom Werk versprochenen sehr optimistischen 4,5 Liter. Auf einer zweiten, bewusst gemächlich gefahrenen Runde waren es dann glatte sechs Liter.

Es bleiben Fragen offen

Ein technisches Schmankerl macht richtig Spaß im großen Franzosen. Dank der im von uns gefahrenen Topmodell serienmäßigen Allradlenkung fährt sich die große Limousine ausgesprochen handlich. Bei niedrigem Tempo lenken die Hinterräder entgegengesetzt zu den vorderen und reduzieren so den Wendekreis von 11,6 auf 10,8 Meter. Ab 50 km/h oder ab 70 km/h im Sport-Modus lenken sie parallel zu den Vorderrädern. Das vermindert die Fliehkräfte, welche die Hinterachse nach außen drücken und sorgt für mehr Fahrstabilität bei höherem Tempo. Überraschend direkt und präzise folgt das Auto den Lenkbewegungen; so dass man das Gefühl hat, einen Kompakten zu fahren. Da kann der Talisman gegenüber der Konkurrenz richtig punkten.

So attraktiv das französisch typische Design und Interieur auch sein mögen, für eine Mittelklasse-Limousine mit ambitionierten Preisen im hart umkämpften Segment der Businessklasse bleiben Fragen offen: Es werden nur zwei Benziner (150 und 200 PS) und drei Diesel (von 110 bis 160 PS) angeboten. Und beim dieser Klasse immer öfter bestellten Allradantrieb hat der französische Fronttriebler nichts zu bieten. Alternative Antriebe? Nichts in der Planung. Und so hilfreich das im Talisman stets serienmäßige Multi-Sense System zur individuellen Anpassung der Fahrzeugcharakteristik theoretisch ist, könnte es in der Praxis mit etwas Feinschliff eine echte Konkurrenz zur sehr gut funktionierenden adaptiven Fahrwerksregelung DCC inklusive Fahrprofilauswahl im VW Passat werden, die allerdings mit 1200 Euro extra bezahlt sein will.

Lademöglichkeiten sind eingeschränkt

Apropos Preis. Der ist an der Basis gut. Schon die Einstiegsversion Life mit dem 110-PS-Diesel kommt für 27.950 Euro serienmäßig mit Zweizonen-Klimaautomatik, Einparkhilfe hinten, Multimediasystem mit integrierter Navigation und Siebenzoll-Touchscreen sowie Tempomat. Dazu gesellen sich die geschilderte Wohlfühl-Massage und die bunten Farbspielchen. Der günstigste Benziner mit 150 PS ist allerdings erst ab 30.450 Euro in der Basisversion Life zu haben, weil beide Ottomotoren nur mit serienmäßiger Doppelkupplungsautomatik angeboten werden.

Renault bezeichnet den Talisman als Coupé-Limousine. Das Auto sieht schnittig aus, weist jedoch gerade wegen der Form funktionale Mängel auf. Die coupéhafte Dachlinie verbirgt nämlich geschickt, dass die praktische Heckklappe des Vorgängers Laguna weggefallen ist. Und anders als bei den Konkurrenten Skoda Superb und Ford Mondeo, muss der Talisman nun mit einer kleinen Heckklappe auskommen. Die schränkt die Lademöglichkeiten ein. Zudem weist der 608 Liter große Kofferraum innen eine 15 Zentimeter tiefe Stufe auf, über die dann das Gepäck wieder herausgehoben werden muss. Und nach dem Umlegen der 40 zu 60 geteilten Rücksitzbank entsteht nur eine schräge Ladefläche mit einer unpraktischen 30 Zentimeter schmalen Durchladeluke. Das Fassungsvermögen beträgt dann kümmerliche 1022 Liter. Zum Vergleich: Der Skoda Superb hat 1760 Liter bei umgeklappter Rücksitzbank zu bieten!

Unser Tipp: Warten Sie auf den Talisman Grandtour, der nur 50 Kilogramm schwerer ist und der sich kaum anders fährt als die agile Limousine. Der offeriert ein Ladevolumen von 572 bis 1681 Liter sowie eine Laderaumlänge von 2,01 Metern. Und bei dem ist die Ladefläche eben – das Ganze für moderate 1000 Euro Aufpreis gegenüber der Limousine. Doch auch der Renault-Kombi ist nicht perfekt: Wer wie wir auf der Rückbank des Grandtour Platz nimmt, findet dort auf einer dünn gepolsterten Sitzfläche nur wenig Halt. Man hat das Gefühl, auf einer einfachen Schaumstoffmatratze zu hocken. Fahren wie Gott in Frankreich? Am 11. Juni steht der große Kombi von Renault beim Händler, dann kann jeder seine eigene Sitz-Erfahrung im Talisman Grandtour machen.

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