Renault Twingo : Kleiner Sonnenkönig

Roadster und Coupé, Sportler und Alltagsbegleiter. Der offene Renault Twingo will alles auf einmal.

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Hui, hier hat sich aber jemand aufgebrezelt! Um die Nase herum mag er bloß an einen Twingo erinnern, der sich Sportsachen übergezogen hat. Aber von der Seite sieht er wie ein echter Renner aus: mächtige 17-Zoll-Schlappen auf schwarz-silbrigen Alufelgen, gedrungene Form mit hoher Gürtellinie und einer von den Sitzen bis zum Heck abfallenden Flanke aus Blech, die entfernt an einen Rennwagen erinnert und noch entfernter an einen Humvee der US-Army. Dazu ein scharfkantiges Heck mit bumerangförmigen Lichtern, Spoiler und dickem Auspuff – und fertig ist der Kraftmeier, den Renault „Wind“ genannt hat, weil sich sein Dach öffnen lässt und er überhaupt Frische in die grundsolide Modellpalette bringen soll. Oder sogar in die gesamte Autowelt, denn in der besetzt er bei seinem Marktstart Mitte September eine Nische: Denkbare Konkurrenten wie Opel Tigra Twintop oder Ford Streetka werden nicht mehr gebaut, die Faltdach-Versionen von Mitsubishi Colt und Nissan Micra sind biederer, der Landsmann Peugeot 207 CC ist größer und teurer. Apropos: Den Renault gibt’s schon ab 16 900 Euro, was für ein Cabrio relativ wenig ist. Die Frage ist nun, wie viel Wind sich für diesen Preis machen lässt.

Man fällt nicht allzu tief in die Sportsitze, aber mantamäßig den Ellenbogen raushängen lassen kann man wegen der hohen Fensterlinie trotzdem nicht. Nach schräg hinten gibt es gleich gar nichts zu sehen, direkt hinter einem steht die senkrechte Mini-Heckscheibe, und vorn tut sich eine auf sportlich getrimmte Hartplastiklandschaft mit Applikationen in China-Silber auf. Ein Handgriff überm Innenspiegel und eine Taste vor dem Schalthebel öffnen das Dach, das in der mattschwarzen Basisversion dem Deckel einer Gefrierdose ähnelt, aber auf Wunsch auch glänzend zu bekommen ist. In verblüffend kurzen zwölf Sekunden klappt der Deckel nach hinten weg und verschwindet unter einer zusätzlichen Klappe auf dem Kofferraum. Der behält dadurch seine ordentlichen 270 Liter Volumen und ist damit etwa so groß wie im 20 Zentimeter längeren Clio. Chapeau!

Fahren lässt sich der Wind – von der erwartungsgemäß schlechten Rundumsicht abgesehen – völlig unkompliziert. Es gibt einige Pluspunkte, etwa die selbst auf rumpligen Straßen sehr verwindungssteife Karosserie und der gute Seitenhalt der Sitze in flott gefahrenen Kurven. Den werden vor allem die 25- bis 35-jährigen Männer brauchen, die Renault als eine von zwei wesentlichen Zielgruppen im Visier hat. Doch es gibt auch Mali wie die mäßig konturierten Sitzlehnen, die weit unten in der Mitte platzierten Fensterhebertasten, die etwas hakelige Fünfgangschaltung und die leicht schwammige Lenkung, die nicht zum Anspruch des von der Renault-Sport-Abteilung entwickelten und eher hart gefederten Autos passt.

Als zweite Zielgruppe hat Renault 30- bis 45-jährige Frauen ausgemacht, die mangels Rücksitzen allerdings kinderlos oder alleinerziehend sein sollten, sofern der Wind kein Zweitwagen ist. Von diesen Frauen stellt sich Renault außerdem vor, dass sie sich eher die ab 19 100 Euro erhältliche Top-Version „Night & Day“ gönnen, die neben besagtem Hochglanzdach auch Klimaautomatik, Sitzheizung, Lederpolster und ein besseres Radio an Bord hat. Als Extras sind außerdem eine akustische Einparkhilfe und jenes Windschott zu empfehlen, das mit zwei Metallstiften in den Dachbügel hinter den Sitzen gesteckt wird und etwas flattrig aussieht. Doch das Gegenteil ist der Fall: Mit dem kleinen Stück Stoff zwischen den Köpfen und geschlossenen Seitenscheiben hat man im Wind selbst bei Tempo 130 noch sturmfreie Bude, während ohne spätestens auf der Autobahn ein Orkan um die Passagiere tobt. So landet man alles in allem bei 20 000 Euro für ein optisch extravagantes und dabei durchaus alltagstaugliches Auto. Die Aufpreisliste ist nicht lang und die Frage nach dem richtigen Motor durch die Probefahrt beantwortet. Im Angebot sind ein 1,2-Liter-Turbo-Benziner mit 101 PS sowie ein klassischer 16-Ventiler mit 1,6 Liter Hubraum und 133 PS. Die 32 zusätzlichen Pferde kosten 1400 Euro extra, also fast 50 pro Stück, aber sie verstecken sich wer weiß wo. Vielleicht grasen sie müde in jenem Raum, den Fachleute als „Drehzahlkeller“ bezeichnen. Jener Keller reicht in diesem Fall bis etwa 3000 Umdrehungen und damit quasi bis ins dritte Obergeschoss. Wer den Wind gnadenlos tritt, kommt mit mäßig attraktiver Geräuschkulisse und hohem Verbrauch passabel auf Touren, aber im Vergleich spricht alles für den kleinen Turbo: Er ist leiser, fühlt sich im normalen Drehzahlbereich viel kräftiger an und reicht für alle Lebenslagen. Der subjektiv bessere Antritt mäßigt auch den Gasfuß, so dass der kleine Motor im Alltag durchaus mehr als nur die angegebenen 0,7 Liter sparsamer sein dürfte. In der Liste stehen der kleine mit 6,3 und der große mit 7,0 Liter im Mix; beides scheint halbwegs realistisch. Der Verbrauchsunterschied ist auch deshalb interessant, weil der Tank nur 40 Liter fasst. Und wer mit dem Wind an der Tankstelle öfter mal Wind machen will, kann dort ja auch vorfahren, um Schokolade zu kaufen. Oder einen Kamm.

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