Roller ohne Führerschein : Der Auto-Scooter

Ein starker Roller, für den man nur den PKW-Führerschein braucht? Piaggio hat ihn im Angebot.

Bernd Zimmermann

Als Piaggio vor einiger Zeit das pfiffige Roller-Dreirad MP3 nach Deutschland importierte, kam ein cleverer Zubehörhersteller sofort auf die Idee, die vordere Achse zu verbreitern und den Dreiradspaß so der großen Gemeinde mit Autoführerschein zugänglich zu machen. Immerhin haben sich in Deutschland in kurzer Zeit über 2000 Menschen von den MP3-Vorzügen überzeugen lassen.

Mit den MP3-LT-Geschwistern, die hierzulande in einer 250er und 400er Version angeboten werden, ist es nun möglich, schon ab Werk mit der PKW-Pappe eines der bis zu 33 PS starken Dreiräder zu fahren. Die MP3 LTs gelten als Zweispurfahrzeuge, weil die vordere Spur gegenüber den RL-Modellen von 420 auf 465 Millimeter vergrößert wurde. Optisch unterscheiden sie sich von den Roller-Geschwistern durch eine tiefer heruntergezogene Frontverkleidung mit Tagfahrleuchte und nicht integrierte Blinker. Zusätzlich verfügt der MP3 LT neben der konventionellen Bremsanlage noch über eine hydraulische Verbund-Fußbremsanlage, die auf alle drei Räder wirkt.

Und wird der Anzug dreckig? Die Frontverkleidung bietet einen guten Schutz, aber das Windschild könnte ein paar Zentimeter höher ausfallen (gibt es im Piaggio-Zubehör für 199 Euro). Der durchgehende Stauraum unter Sitzbank und Heck ist über die klappbare Bank und eine Heckklappe zu beladen.

Bevor man sich als Autofahrer auf einen MP3 setzt, sind aber einige grundsätzliche Erklärungen notwendig. Weil die Räder auf unabhängig voneinander agierenden Schwingen befestigt sind bleibt das Dreirad im Stand nicht von allein stehen, sondern kippt wie ein Motorrad zur Seite. Aber da gibt es noch den „Lock“-Mechanismus, der vom rechten Lenkerende aktiviert wird. Per Knopfdruck wird der MP3 in der aktuellen Stellung fixiert, selbst wenn sich die Räder in unterschiedlicher Höhe befinden. Damit das Dreirad nicht wegrollt, haben die Piaggio-Konstrukteure außerdem eine Handbremse installiert. Das System lässt sich nur bei Geschwindigkeiten unter zehn Stundenkilometer mit einem akustischen Piep aktivieren und löst sich beim Gasgeben mit Doppel-Piep selbstständig. Wenn man das System beherrscht und keine bösen Jungs die Handbremse lösen, braucht man eigentlich den leicht zu bedienenden Hauptständer nicht mehr. Beim Stehen an der Ampel kann man mit Einsatz des Piep-Locks beide Beine auf den Trittbrettern lassen. Nur sollte darauf geachtet werden, dass der MP3 vollkommen gerade steht, damit man beim automatischen Lösen des Systems nicht zur Seite kippt. Hat man sich an das ein wenig träge Einlenken des immerhin über 260 Kilogramm schweren Gefährts gewöhnt, sind geradezu unglaubliche Drifts und Schräglagen möglich – Neigung, bis der Ständer kratzt.

Zum Einfangen der Energie werden geübte Scooterpiloten sicherlich nur die beiden Handhebel einsetzen, die etwas Kraft brauchen, aber sehr gute Verzögerungswerte garantieren. Das per Fuß zu aktivierende Integralbremssystem, bei dem die Bremskraft zu 70 Prozent auf die Vorderräder und zu 30 Prozent auf das Hinterrad verteilt wird, ist schlecht dosierbar und kneift fürchterlich zu. Ist auch logisch, denn die Reifenaufstandsfläche ist ja um ein Drittel größer als beim normalen Roller.

Und was das Gasgeben angeht: Zwar genehmigt sich der MP3 eine kleine Gedenksekunde, aber mit ein wenig Verzögerung ist eine passable Beschleunigung zu realisieren, die Variomatik arbeitet dabei recht unauffällig. Auf der Autobahn rennt der MP3 LT laut Tacho locker 160 Stundenkilometer schnell und bleibt dabei bemerkenswert stabil. Dank der komfortabel ausgelegten Federung und den drei Rädern verlieren auch üble Kopfsteinstraßen ihren Schrecken.

Bleibt noch der Preis: 7800 Euro sind zwar kein Pappenstiel. Aber die famose Technik, der Fahrspaß und Fahrsicherheit in einer neuen Dimension sind es wert – findet zumindest der Schreiber dieser Zeilen.

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