Rückrufe in der Autoindustrie : Bitte folgen: Wenn Hersteller rufen

Die Zahl der Kfz-Rückrufe steigt. Vergangenes Jahr mussten allein in Deutschland 770 000 Autos außerplanmäßig in die Werkstatt. Für Autofahrer verläuft das Prozedere in der Regel kostenfrei. Richtig teuer kann es aber werden, wenn sie einem Rückruf nicht folgen.

Fabian Hoberg
In die Werkstatt gerufen: Die Zahl der Rückrufe durch die Autohersteller wegen sicherheitsrelevanter Mängel an Fahrzeugen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. 
In die Werkstatt gerufen: Die Zahl der Rückrufe durch die Autohersteller wegen sicherheitsrelevanter Mängel an Fahrzeugen ist in...Foto: dpa

Nachrichten aus Flensburg bedeuten für Autofahrer meist nichts Gutes: Nur zu oft bekommen Halter über die Behörden Bescheid, dass ein Verkehrsvergehen zu Punkten in der Flensburger Verkehrssünderkartei geführt hat. Eine andere Variante: Halter erfahren, dass ihr Auto schnellstmöglich in die nächste Werkstatt soll. Anlass ist ein Rückruf wegen eines technischen Defekts, der zu Unfällen führen könnte.

"Rückrufaktionen dienen der Beseitigung potenzieller Gefährdungen für den Straßenverkehr", sagt Stephan Immen vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg. Die Behörde schaltet sich immer dann ein, wenn ihr Informationen über herstellerbedingte Mängel an Fahrzeugen bekannt werden, durch die Menschen in Gefahr geraten können.

Elf Prozent mehr Rückrufe

Ist der Mangel am Fahrzeug schwerwiegend genug, sind Hersteller verpflichtet, einen Rückruf zu starten. Dies schreibt seit 1997 das Produktsicherheitsgesetz vor, das Verbraucher vor fehlerhaften Produkten schützen soll. Sperrt sich der Hersteller, kann das KBA einen Rückruf anordnen. Das KBA unterscheidet zwischen "überwachten Rückrufen" bei besonders gravierenden Mängeln und "Rückrufen", wenn per Definition "erhebliche Mängel" vorliegen.

Insgesamt lag die Zahl der Rückrufaktionen für Kraftfahrzeuge und Fahrzeugteile in Deutschland laut KBA im vergangenen Jahr bei 180, gegenüber 2012 bedeutet das einen Anstieg um elf Prozent. Dabei wurden rund 770 000 Halter angeschrieben. Bei einer ernsten Gefährdung müssen die Halter sofort benachrichtigt werden. Gefahr ist zum Beispiel in Verzug, wenn ein Sicherheitsproblem plötzlich und unvorhersehbar auftritt. Das kann im schlimmsten Fall der drohende Ausfall von Bremse oder Lenkung sein.

Auch ältere Semester betroffen

Bei weniger schweren Fällen müssen die Hersteller zwar nicht ihre Fahrzeuge zurückrufen, machen es aber meist dennoch, allein aus Sorge vor Schadenersatzansprüchen. Dazu lässt der Hersteller die Adressen der Fahrzeughalter über das KBA ermitteln und benachrichtigt diese anschließend schriftlich.
Reparaturen bedeuten für die Halter zwar einen Zeitaufwand, Kosten entstehen ihnen in der Regel aber nicht. Dabei ist es völlig unerheblich, wie alt das Auto ist. Auch Jahre nach der Erstzulassung können Fahrzeuge zurückgerufen werden. In den Fahrzeugpapieren werden die Reparaturen übrigens nicht vermerkt.
Deshalb sollten Kunden auf einem Werkstattbeleg als Nachweis bestehen.

Halter sind stets gut beraten, einen Rückruf zu befolgen. "Wenn der Autofahrer ihn ignoriert, droht ihm nicht nur eventuell ein Unfall, sondern auch der Verlust von Schadenersatzansprüchen", sagt Rechtsanwältin Iwona Husemann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Anders sieht es aus, wenn der Halter von der Rückrufaktion nichts erfahren hat und deshalb durch das gefährliche Produkt zu Schaden kommt. Dann verliert er seine Ersatzansprüche gegen den Hersteller in der Regel nicht." Schlechte Karten könnte der Fahrer allerdings haben, wenn der Hersteller so gut informiert hat, dass der Fahrzeughalter die Warnung in den Medien hätte mitbekommen müssen.

Versicherung nicht unmittelbar gefährdet

Der Rechtsanwalt Thomas Hollweck aus Berlin fügt hinzu, dass Haltern zwar nicht vorgeschrieben ist, auf einen Rückruf zu reagieren: „Das kann jeder für sich selbst entscheiden. Es gibt hierfür keine gesetzliche Pflicht.“ Aber eine Sorgfaltspflicht gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern habe ein Halter immer. In Bezug auf einen nicht weiter beachteten Rückruf bedeute dies: Der Halter haftet unter Umständen. "Das wäre dann der Fall, wenn der Fehler, der durch den Rückruf hätte behoben werden können, ursächlich oder zumindest mitursächlich für den Unfall und den dann entstandenen Schaden gewesen ist", sagt Hollweck.

Auch Alina Schön vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) empfiehlt im Fall eines Rückrufs die Fahrt in eine Werkstatt. Zwar sei in den unverbindlichen Musterbedingungen des GDV keine Leistungseinschränkung beschrieben, wenn man nicht auf die Rückrufaktion eines Kfz-Herstellers reagiert. "Es sollte aber im Interesse jedes Autobesitzers sein, ein mängelfreies Fahrzeug zu fahren - schon allein im Sinne der eigenen Sicherheit."

Baukasten macht Masse

Dass die Zahl der Rückrufe in den vergangenen Jahren gestiegen ist, liegt einer Untersuchung des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach vor allem an den vielen Gleichteilen, sie sich Autos eines Herstellers nach einem Baukastensystem miteinander teilen. Ein fehlerhaftes Bauteil wird dadurch oft in mehreren Modellen verbaut, so dass sich die Anzahl der defekten Autos erhöht. Als häufigste im Auto von Rückrufen betroffene Bereiche nennt das CAM Elektronik, Sicherheitssysteme und Antriebsstrang.

Eine Rückrufaktion bedeutet für einen Autohersteller immer einen Imageschaden, weil er Zweifel an der Zuverlässigkeit seiner Produkte nährt. Dass die Hemmschwelle zu einem Rückruf mitunter dennoch niedrig ist, zeigt das Beispiel Toyota. 2010 musste der japanische Autoriese weltweit 8,5 Millionen Autos in die Werkstätten rufen, weil die Gefahr bestand, dass sich das Gaspedal unter den Fußmatten verklemmt. Dem Ruf Toyotas als Produzent sehr zuverlässiger Autos verpasste dies einen Dämpfer.

US-Behörden waren zudem der Ansicht, das Unternehmen hätte die Probleme zu spät gemeldet. Die Folge war eine hohe Geldstrafe. Seitdem verfolgt Toyota eine neue Firmen-Philosophie, vor allem wohl, um Imageschäden vorzubeugen: Bei kleinsten Hinweisen auf eine mögliche Gefährdung werden die Kunden informiert und gebeten, mit ihren Autos in die Werkstatt zu kommen. (dpa)

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