Auto : S ist soweit

Die S-Klasse definiert seit jeher das Bild von Mercedes. Und wie der 911er gilt sie als Sinnbild für die deutsche Kunst des Autobaus. Nacht acht Jahren erscheint nun die neue Generation: Erste Eindrücke von einem Modell, das den verblassten Stern wieder zum Leuchten bringen soll.

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Kraft und Eleganz.
Kraft und Eleganz.

Es kann einem leid tun, dieses Auto. So viel Legende. So viel Anspruch. So viele Vorschusslorbeeren. Ein einziges Modell soll auf einen Schlag heilen, woran die ganze Marke seit geraumer Zeit krankt: Die mangelnde Profitabilität. Die Image- Verluste gegenüber Audi und BMW. Der verlorene Anschluss in China. Und die nicht enden wollenden Diskussionen um Mercedes-Chef Dieter Zetsche. Für den Mann mit dem auffälligen Schnauzbart war es eine Woche der Extreme. Am Dienstag kochte die Diskussion um niedrige Leiharbeiter-Löhne am Band hoch. Einen Tag später feierte der wichtigste aller Sterne Premiere – und Zetsche hatte endlich mal wieder Grund zu strahlen.

Schließlich geht es um die neue S-Klasse. Da kommt nichts drüber. Nicht an Aufmerksamkeit in der automobilen Welt. Und nicht an Aufwand, den Mercedes bei der Präsentation treibt. Die Airbus-Werft in Hamburg-Finkenwerder liefert eine gigantische Kulisse. Für Zetsche, für Popstar Alicia Keys, vor allem aber für den Auftritt des eigentlichen Hauptdarstellers. Bis zum Schluss haben die Stuttgarter ihr bestes Stück unter Verschluss gehalten; keine Fotos, keine Details. Die Spannung hält, bis alle Lobreden gelesen sind. Die Bühne, auf der eben noch die Hamburger Symphoniker spielten, löst sich auf, die Wand dahinter fährt zur Seite – und von einem Moment auf den anderen sitzt das Publikum am offenen Rollfeld; verdutzt von der freien Sicht auf den riesigen Flieger A380 und vom echten Regen, durch den die neue S-Klasse von draußen direkt in den Saal rollt.

Der erste, zustimmende Blick auf das meist verkaufte Luxusauto der Welt wird sich später am Abend bestätigen: Die Designer um Gorden Wagener haben einen guten Job gemacht. Entgegen mancher Befürchtungen haben sie mehr auf Eleganz gesetzt als auf den Schwulst, den man anderen Mercedes-Neuheiten zuletzt zugeschrieben hat. Vorne fällt die neue Optik trotz des steiler stehenden Grills weniger ins Gewicht als am Heck: Da erinnert vor allem die Form der Leuchten ein bisschen an den (inzwischen eingestellten) Maybach. Von der Seite offenbart sich eine deutlich gestreckte, sportlichere Linienführung. Sie nimmt dem Wagen das Gedrungene des Vorgängers.

Das ist kein Zufall: Zum ersten Mal nämlich war die für China bestimmte Langversion der S-Klasse Ausgangspunkt für die gesamte Entwicklung. Früher, als der europäische Markt noch der gewinnbringenste war, verhielt es sich genau andersherum. Im Inneren setzt sich der Eindruck fort, die S-Klasse sei gehörig gewachsen – spätestens, wenn man die deutlich verbesserte Liegefunktion der hinteren Sitze ausprobiert und auf das stimmigste und zugleich stylishste Interieur schaut, das die Stuttgarter je komponiert haben. Der steife Charme früherer Tage ist bis ins Detail einem luftig-leichten Look gewichen, wie er jeder First Class am Himmel gut zu Gesicht stünde. Bei einer ersten Sitzprobe fallen vor allem das Display im extrabreiten Cinemascope-Format, die Lautsprecher von Burmester und die perfekten Ausziehtische im Fond auf.

Spannender sind allerdings die technischen Weltneuheiten, die sich unter dem halb-Alu-halb-Blech-Kleid der S-Klasse verbergen: So soll die Magic Body Control mithilfe einer Stereokamera in der Frontscheibe Unebenheiten in der Fahrbahn erkennen und vorab an das Fahrwerk melden, damit es sich blitzschnell darauf einstellen kann. Noch spektakulärer agiert der Stop & Go-Pilot, der den bekannten Abstands- und Tempoassistenten Distronic Plus ergänzt. Ist das System aktiviert, folgt die S-Klasse automatisch dem Vordermann; sie lenkt, bremst und beschleunigt also ohne jedes Zutun des Fahrers. Das Ganze funktioniert bis Tempo 60. Gedacht ist die Technologie vor allem für den Einsatz im Stau, oder wie Dieter Zetsche sagt, für „den uncoolen Teil des Autofahrens.“ Der coole Teil bleibe allein Sache des Menschen. „Beim Skifahren ist ja auch die Abfahrt das Erlebnis und nicht die Schlange am Lift.“

Ob der Autopilot und andere Erfindungen halten, was Entwicklungsvorstand Thomas Weber als „das Beste in jeder Dimension“ verspricht, werden erste Probefahrten in einigen Wochen zeigen. Im Juli kommt das Mercedes-Flaggschiff dann in den Handel – zunächst mit vier Motoren (siehe Kasten auf dieser Seite) und zu leicht erhöhten Preisen ab etwa 80 000 Euro. Derlei Zahlen sollte man sich allerdings gar nicht erst merken. Wer auch nur einen Bruchteil dessen ordert, was die Sternenköche verführerisch auf die Menukarte geschrieben haben, landet spielend leicht beim Anderthalbfachen. Oder beim Doppelten.

Der Einstiegsdiesel S 350 kostet exakt 79 789 Euro, im alten Modell gab es ihn für 76 517 Euro. Der S 400 Hybrid verlässt gegen Zahlung von mindestens 85 204 Euro den Hof des Händlers, für den S 500 werden 104 601 Euro fällig. Die Langversionen sind je nach Motorisierung zwischen 3000 und 6000 Euro teurer. Nicht inbegriffen sind Extras wie die Massage-Funktion der Sessel nach dem Hot-Stone-Prinzip.

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