Auto : Schein und Sein

In diesen Tagen startet der ganz neue Chevrolet Aveo. Er hält nicht das, was sein sportliches Design verspricht

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Der neue Aveo hat mit dem Vorgänger nur noch den Namen gemein. Vorbei ist es mit dessen unverbindlicher Niedlichkeit. Der Neue will mit fast schon aggressiv-männlichem Design auf Kundenfang gehen. Die unverkleideten Scheinwerfer im Motoradlook sind ein ebenso willkommener Auffallelement wie die ebenfalls frei liegenden Hecklampen. Das sieht mal ganz anders aus. Die versteckten Fondtürgriffe, die man sich von Alfa abgeschaut hat, sieht man ebenfalls selten in dieser Klasse. Das macht schon mal neugierig.

Doch dann kommt die Enttäuschung: Was ist denn das?! Das Gaspedal klebt am Bodenblech – und es tut sich so gut wie nichts unter der Motorhaube. Zäh klettert der Vierzylinder aus dem Drehzahlkeller: Bis das Auto wirklich Fahrt aufnimmt, scheint es endlos lang zu dauern. Wir fahren den Chevrolet Aveo 1.2 LT - mit einem zwiespältigen Eindruck. Die 86 PS glaubt man der durchzugsschwachen 1,2-Liter-Maschine nicht wirklich. Sie läuft zwar schön leise, aber nur so lange man sich nicht über die 4000er Marke auf dem analogen Drehzahlmesser begibt. Doch erst dann wacht sie auf. Ein Dilemma. In der Stadt geht das Ganze noch, über Land, zumal mit vier Leuten an Bord, muss man sich jeden Überholvorgang reiflich überlegen.

Gut, dass wenigstens die Fünfgangschaltung exakt und leichtgängig funktioniert; man benötigt sie sehr häufig. Bei unserer eher geruhsamen Fahrt verbrauchte diese lethargische Maschine 6,2 statt der vom Werk versprochenen 5,1 Liter Super. Weiterhin im Angebot: ein 1,4-Liter-Benziner mit 100 PS und ein 1,6 Liter mit 115 PS. Den mittleren sind wir mit der neuen 1400 Euro teuren Sechsgangautomatik gefahren (im Modell Aveo 1.4 LT Plus ab 17 090 Euro). Leider eine sehr unharmonische Paarung. Der Automat schaltet bei Kickdown (etwa zur Zwischenbeschleunigung) gleich zwei Stufen runter und bleibt dann viel zu lange im hohen Drehzahlbereich, in welchem der Motor dröhnt. Die Elektronik schaltet viel zu spät in den höheren Gang. Verbrauch laut Bordcomputer: hohe 9,1 Liter. Keiner der Benziner (die Rumpfmotoren stammen von Opel, die bei GM abgestimmt werden) verfügt über eine spritsenkende Start-Stopp-Einrichtung oder über eine Direkteinspritzung.

Der neue Aveo, der in diesen Tagen eingeführt wird, kommt übrigens nicht mehr aus Polen, sondern aus Korea. Er basiert auf einer ganz neuen Plattform, ist quasi ein Weltauto. Der Neue ist 12 Zentimeter länger als der Vorgänger, und hat vier Zentimeter mehr Radstand. Die Platzverhältnisse sind gut; auch im Fond sitzt man keineswegs kleinwagenmäßig. Der Kofferraum fasst 290 Liter, 20 mehr als der des VW Polo. Gut gemacht. Das gilt auch für die Federung, die Geräuschdämmung und die großen bequemen Sitze. Minuspunkte gibt es für die Anmutung und die Verarbeitung des kratzempfindlichen Hartplastikcockpits: unterschiedliche Spaltmaße, sieben verschiedene Kunststoffarten und Oberflächen. Da kommt wenig Freude auf. Auch das weitgehend aus dem kleineren Spark übernommene flippige Anzeigegerät im Motorradlook will nicht so richtig zum ernsthaften Charakter des Aveo passen. Weder mit der Mischung aus digitalen Tacho und analogen Informationen noch mit der Bedienlogik konnten wir uns anfreunden.

Und die Preise? Die sind so selbstbewußt wie die Modellpolitik unverständlich: So ist das Basismodell 1.2 LS mit 70 PS-Benziner für günstige 11 990 Euro eine Mogelpackung! Es wird ohne Klimaanlage geliefert. Nicht nur angesichts immer heißer werdender Sommer ein Unding. Eine Gebrauchter ohne Klima ist nahezu unverkäuflich. Wer die Klimaanlage haben will, muss die Version 1.2 LT mit 86 PS für 14 690 Euro kaufen, die also gleich 2700 Euro teurer ist.

Ein vergleichbarer Opel Corsa mit 87 PS, Klima und CD-Radio, aber ohne Tempomat, ist 480 Euro billiger. Und für nur 660 Euro mehr bekommt man einen sogar etwas besser ausgestatteten VW Polo mit 70 PS, vergleichbaren Fahrleistungen sowie dem besserem Wiederverkaufswert. Fiat bietet seinen 69-PS-Punto mit Klima, Radio und Tom-Tom-Navigationsgerät gar für nur 9990 Euro an. Auch ungewöhnlich: Den Aveo gibt es nur in weiß ohne Aufpreis; Metallic kostet 390 Euro. Noch verrückter wird es beim Topmodell, dem 115 PS starken Benziner mit der unharmonischen Sechsstufenautomatik und Schiebedach für stramme 19 290 Euro. Für diesen Preis liefert VW einen fünftürigen ordentlich ausgestatteten Golf mit lebendigem 105-PS-Turbobenziner, nur ohne Automatik. Neben dem 4,04 Meter langen Schrägheckmodell hat Chevrolet auch noch eine 4,40 Meter lange viertürige Stufenhecklimousine anzubieten, mit einem großen Kofferraum von 502 Liter Volumen. Mit dem kleinen 70-PS-Benziner in der besseren LT-Ausstattung inklusive Klima ist sie jedoch erst ab 15 090 Euro zu haben. Und ab Oktober ergänzt ein 1,3 Liter großer Diesel mit Start-Stopp-System die Motorenpalette. Dieses 95 PS starke Triebwerk arbeitet bereits im Opel Corsa.

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