Auto : Schön über alles

An diesem Sonnabend startet der DS4: Citroen versucht, den Luxus zu sozialisieren – leider ist dabei manch anderes auf der Strecke geblieben

Frank Wald
Selbstfindung.
Selbstfindung.

Heute kaum noch vorstellbar, aber Citroen zählte mal zur Avantgarde im Automobilbau. Nach Traction Avant, 2CV („Ente“) und Ami6 schuf die Marke mit dem Doppelwinkel spätestens mit dem legendären DS (siehe Info-Kasten) ein Auto, gegen das die Wettbewerber urplötzlich uralt aussahen. Denn „la déesse“ (die Göttin), wie die Buchstabenkombination DS im französischem bald huldvoll ausgesprochen wurde, begeisterte nicht nur mit ihrer radikal neuen Form. Hydropneumatische Federung, Scheibenbremsen, Servolenkung, automatische Kupplung, später sogar noch mitlenkende Scheinwerfer, ermöglichten einen bis dahin unerreichten Fahrkomfort, den nicht nur der damalige Staatspräsident Charles de Gaules schätzen lernte. Citroen war in den automobilen Olymp aufgefahren – und stürzte danach in die Beliebigkeit ab.

Nach Jahrzehnten der faden Formen wollen die Franzosen zurück zu filigraner Finesse mit einer Renaissance der DS-Modellreihe. Allerdings „nur“ als jeweils sportlich schicke Exklusivausgabe ihrer Volumen-Baureihen. Einen erfolgreichen Start legte im vergangenen Jahr der DS3 als dreitürige Interpretation des C3 hin. Jetzt soll der DS4 auf C4-Basis Life & Style in die Golf-Klasse bringen. Und soviel schon mal vorweg: der DS4 ist sicher kein Vernunft-Auto. Er ist knapp geschnitten, bietet eine schlechte Sicht nach hinten, hat wenig Knie- und Kopffreiheit auf den Rücksitzen und ist dazu auch nicht ganz billig. Doch für Menschen mit Sinn für Ästhetik und Originalität hat er viel zu bieten.

Schon die Form ist etwas Besonderes. Citroen selbst spricht von einem „höher gelegtem Coupé mit vier Türen“ – mit einem Schuss SUV, könnte man mit Blick auf die muskulösen Kotflügel, den groß ausgeschnittenen Radhäusern und dem wuchtigen Kühlergrill hinzufügen. Die spitz zulaufenden chromgerandeten Seitenfenster und die hinteren integrierten Türgriffe betonen zusammen mit dem langen Dachbogen die Coupé-Form.

Innen ist der 4,27 Meter lange und 1,53 Meter hohe Wagen leider nicht so geräumig wie er aussieht. Vorne sitzt es sich sehr bequem und die variable Panorama-Frontscheibe sorgt für weitwinklige Aussichten auf Himmel und Hochampel. Im Gegensatz dazu fällt der Blick nach hinten durch eine arg schmale Heckscheibe sowie auf eng kauernde Mitreisende, deren Köpfe unter der abfallenden Dachlinie wenig Spielraum genießen. Dafür werden diese schnell bemerken, dass die Scheiben weder zu öffnen noch zu versenken sind. Und der 359 Liter große Kofferraum entspricht zwar Golf-Niveau, ist aber genau um die 50 Liter kleiner, die sein konventionelles Brudermodell C4 noch als Klassenbesten auszeichnen.

Aber groß Gepäck soll der DS4 ja auch nicht transportieren, sondern Image und Lifestyle. Im Gegensatz zum DS3, der noch mit bunten Zweifarb-Lackierungen, Tattoo-Klebefolien fürs Dach und verschiedenen Armaturen-Dekos individualisiert werden konnte – und deshalb in Deutschland anfangs bis zu 20 Wochen Lieferzeiten hatte – setzen die Franzosen beim DS4 stärker auf innere Werte, angefangen bei fünf Lederkombis, teils zweifarbig und genarbt, dezentem Ambientelicht und glänzende Chromapplikationen bis zu einstellbaren polyphonen Warntönen und farblicher Instrumentenbeleuchtung. Ab Werk ist der DS4 man je nach Ausstattungslinie Chic, SoChic und SportChic (die heißen tatsächlich so) mit sechs Airbags, ESP, Tempomat, allerlei elektrischen Funktionen für Türen, Fenster, Spiegel, Sitze, Scheibenwischer und Scheinwerfer, Klimaautomatik und Massagesitzen sicher und komfortabel unterwegs.

Citroen spricht dabei von einem „neuartigen Fahrerlebnis“, das man nach den ersten Probefahrten mit „für einen Franzosen“ ergänzen möchte. Tatsächlich ist der DS4 etwas straffer abgestimmt, wie man es von Autos jenseits des Rheins weniger, diesseits aber sehr wohl kennt. Auch die elektrohydraulische Lenkung reagiert direkt und liefert eine gute Rückmeldung. Was jedoch auch im DS4 gar nicht passen will, ist das automatisierte 6-Gang-Schalt-Getriebe EGS6, das die Insassen zu autistischem Kopfnicken zwingt. Besser man nimmt die sechs Gänge mit der kurz und knackig gestuften Schaltung selbst in die Hand.

Als Antrieb dient der mit BMW entwickelte 1,6-Liter-Benziner in drei Leistungsstufen mit 120, 156 und 200 PS sowie zwei hauseigene Diesel mit 112 und 163 PS. Mit den beiden Top-Motorisierungen geht es naturgemäß am flottesten zur Sache. Wobei der Zweiliter-Diesel seine 340 Nm Drehmoment in wuchtigen Antritt und bulligen Durchzug überträgt und dabei mit rund fünf Litern im Schnitt glänzt. Nicht weniger beeindruckend der 200 PS-Turbo, der den 1,4 Tonnen schweren Wagen in knapp acht Sekunden auf Tempo 100 scheucht und erst bei 235 km/h vor dem Luftwiderstand kapitulieren muss. Subjektiv geht’s sogar noch einen Tick schneller durch einen eingebauten Soundgenerator, der mittels vibrierender Membran einen kernigen Klang im Innenraum erzeugt.

Doch wer den hören will, sollte schon mindestens 28 400 Euro auf den Verkaufstisch legen. Und auch der Einstiegsbenziner DS4 VTi 120 ist mit 20 700 Euro kein Schnäppchen. Zum Vergleich: ein Golf GTI kostet aktuell 27 275 Euro – aber darin fährt jetzt auch nicht gerade die Avantgarde herum.

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