Selbst fahrendes Auto von Bosch : Autonom aus der Deckung

Beim automatisierten Fahren spielen Zulieferer die entscheidende Rolle. Durch ihre Technologien können die Fahrzeuge überhaupt erst "sehen". Bosch will eine Art "Autopilot" auf der Autobahn schon innerhalb der nächsten fünf Jahre zur Serienreife bringen.

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Automatisiert unterwegs auf der A81: Bosch demonstriert in einem Tesla Model S den technologischen Stand der Dinge in Sachen selbst fahrendes Auto.
Automatisiert unterwegs auf der A81: Bosch demonstriert in einem Tesla Model S den technologischen Stand der Dinge in Sachen...Foto: Hersteller

Vermutlich werden sich noch einige an die 1990er Jahre und den berühmt berüchtigten José Ignacio López erinnern. Der Manager war Ende des vergangenen Jahrhunderts so etwas wie Pest und Cholera in Personalunion für die Zulieferer in der Automobilindustrie. Seine kompromisslose Verhandlungsführung um weitestgehende Zugeständnisse der angeschlossenen Konzerne brachten ihm wenig schmeichelhafte Spitznamen wie der „Würger von Wolfsburg“ ein und sorgten für den nicht minder berüchtigten „López-Effekt“, bei dem durch Kostendruck immer mehr Fehler und Qualitätsmängel zu verzeichnen waren. Die Zulieferer waren dem skrupellosen Manager nahezu hilflos ausgesetzt.

Diese Zeiten sind längst vorbei. Firmen wie Bosch, Schäffler oder Continental sind milliardenschwere Konzerne, die heute Kompetenzen aufgebaut haben, ohne die fast alle hochwertigeren Modelle der Autoindustrie gar nicht mehr denkbar wären. Erpressen lassen müssen sich solche Unternehmen schon lange nicht mehr. Vielmehr scheint es, dass sich die Hackordnung in manchen Bereichen umgedreht hat. Nicht zuletzt durch die Vorgaben des EuroNCap-Sicherheitstest, bei dem heute Modelle ohne wesentliche Assistenzsysteme die so wichtigen fünf Sterne nicht mehr erreichen können, sind die Autobauer auf die Hightech-Kompetenz der Zulieferindustrie angewiesen.

Autonom unterwegs im Tesla Model S

Szenenwechsel: Die A81 bei Stuttgart. Es ist Mitte Juli und wir sitzen in einem Tesla Model S von Bosch. Noch herrscht auf der stark frequentierten Urlaubstangente in Richtung Süden mäßiger Verkehr. Ferien gibt es bis dato nur in einigen östlichen Bundesländern und Nordrhein-Westfalen. Der Tesla ist an sich schon ein interessantes Stück Technik, doch das Projektfahrzeug kann viel mehr als elektrisch fahren. Das Fahrzeug ist auf der Autobahn vollständig autonom unterwegs. Und zwar nicht irgendwo, sondern mitten auf der Sonnenautobahn Baden-Württembergs im noch nicht ganz so dichten Ferienverkehr.

Auf dem Zusatz-Monitor rechts lässt sich "durch die Augen des Steuergeräts blicken. Die gelben Blöcke sind andere Fahrzeuge oder Hindernisse in der Umgebung. Auch die Leitplanke ist zu erkennen.
Auf dem Zusatz-Monitor rechts lässt sich "durch die Augen des Steuergeräts blicken. Die gelben Blöcke sind andere Fahrzeuge oder...Foto: Hersteller

„Das autonome Fahren ist im Grunde nur die logische Weiterentwicklung moderner Assistenzsysteme“, sagt Dirk Hoheisel, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH. Schon in drei Jahre werde es die ersten integrierten „Cruise Pilots“ geben, die dem Fahrer phasenweise das Lenken abnehmen – zwar bei höheren Geschwindigkeiten und nicht nur im Stau. Für 2020 plant Bosch bereits „Highway-Piloten“, die auf der Autobahn dann Lenkrad, Gaspedal und Bremsen bereits vollständig übernehmen können. Ab 2022 soll dann das Auto in immer mehr und diffizileren Verkehrssituationen selbst Regie führen. Ab wann das in der Stadt der Fall sein wird lassen Hoheisel und seine Entwickler offen. Deutlich wird aber, dass darin das übergeordnete Ziel der Forschung liegt. Solche Prognosen gibt kein geknebelter Zulieferer sondern ein selbstbewusster Weltkonzern mit fast 50 Milliarden Euro Umsatz jährlich. Damit liegt Bosch nur knapp hinter einem Unternehmen wie Audi.

Bosch setzte letztes Jahr rund 50 Millionen Umfeldsensoren ab

Zurück auf die A81: Der Tesla Model S bereitet einen Überholvorgang vor. Vor dem Innenspiegel sind zwei zusätzliche Radarsensoren angebracht, welche die „Sicht“ der Systeme verbessern. Ebenso wie die vier Lasersensoren, die vorne und hinten seitlich aus dem Fahrzeug lugen. Traut Bosch seinen eigenen Sensoren nicht? Immerhin hat das Unternehmen alleine im vergangenen Jahr mehr als 50 Millionen Umfeldsensoren verkauft. Für das laufende Jahr wird sich der Absatz an Radar- und Videosensoren ziemlich sicher nochmals verdoppeln. „Schon für den Cruise Pilot werden alle wichtigen Systeme, wie Lenkung, Bremsen und die gesamte Stromversorgung, redundant ausgelegt sein“, sagt Michael Fausten, Projektleiter Automatisiertes Fahren bei Bosch. Bedeutet: Jedes der sicherheitsrelevanten Systeme wird es zweimal geben. Fällt eines aus, dann greift das Ersatzsystem und gleichzeitig wird eine Warnung ausgegeben. Dabei ist offen, welche Technologien dazu miteinander verknüpft werden. Die Lasersensoren etwa hat Bosch derzeit noch nicht im Programm. Man lässt sie sich von Ibeo zuliefern. So ändern sich die Zeiten.

Das Herz des autonom fahrenden Prototypen von Bosch: Die zentrale Recheneinheit sitzt im Heck des Tesla Model S.
Das Herz des autonom fahrenden Prototypen von Bosch: Die zentrale Recheneinheit sitzt im Heck des Tesla Model S.Foto: Hersteller

Eine spezielle Infrastruktur benötigt der Bosch-Tesla übrigens nicht. „Wir schaffen uns über dynamische Schichten unser eigenes Bild von der Umwelt“, erklärt Michael Strugala, der technische Direktor für Telematik und vernetzte Fahrzeuge. Die Daten kommen aus klassischen Karten, Verkehrsinformationen, aktuellen Assistenzsystemen, wie etwa der Verkehrszeichenerkennung, die sich heute schon massenhaft in modernen Automobilen finden. Die Zukunft, da ist sich der Entwickler sicher, liegt dabei in der Kommunikation zwischen den Fahrzeugen. Die Vernetzung von Autos wird vor allem die Sicherheit auf den Straßen signifikant erhöhen. Schon heute gehen Experten von einem Potenzial von einem Drittel weniger Unfälle durch moderne Assistenten aus. Mit vernetzten Fahrzeugen dürfte dieser Anteil noch mal erheblich steigen.

Aber wer wird sich das leisten können. Solche Hightech-Autos? Selbst darauf hat man Bosch eine Antwort. Fausten nennt einen Zielpreis von drei bis viertausend Euro für einen Highway-Piloten als Sonderausstattung im Jahr 2020. Das wären nicht mal zehn Prozent des Durchschnittspreises eines BMW 5ers, Audi A6 oder einer Mercedes E-Klasse. Auch hier drückt sich das neue Selbstbewusstsein der Zulieferindustrie aus. Spätestens da zeigt sich: Selbst Typen wie López hätten heute keine Chance mehr.

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