Selbstfahrende Autos auf der CES : Mit eingebautem Zebrastreifen

Auf der CES in Las Vegas spielen die Autobauer Zukunft. Es geht besonders zukunftsweisend mit dem selbstfahrenden Mercedes F015 oder schon ganz konkret mit Audis pilotiertem RS7. Aber auch Volkswagen und BMW zeigen, wie sie sich Zukunft vorstellen.

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In der Lounge unterwegs: Der Mercedes F015 überrascht mit einigen neuen Idee zur Kommunikation des Autos mit seinen Passagieren und der Umwelt. In den Türen sind Bildschirme eingelassen, die über Berührung oder Gesten gesteuert werden können.
In der Lounge unterwegs: Der Mercedes F015 überrascht mit einigen neuen Idee zur Kommunikation des Autos mit seinen Passagieren...Foto: dpa

Auf dem Weg ins Büro die Zeitung lesen, während des Staus noch die verpasste Sitcom vom gestrigen Abend schauen oder während der Fahrt einfach mal zurücklegen und die Augen für eine viertel Stunde ausruhen – An solchen Visionen arbeiten die Autohersteller derzeit intensiv. Das selbstfahrende Auto ist derzeit das große Thema in den Forschungsabteilungen der Automobilkonzerne, wie die Consumer Electronics Show zeigt. Der Grund ist recht simpel, glaubt Stefan Bratzel vom Center of Automotive der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach: „Schon in den kommenden fünf Jahren birgt der Bereich des teilautonomen Fahrens ein enormes wirtschaftliches Potenzial.“ Audi hat bereits angekündigt im kommenden Jahr erste Elemente des pilotierten Fahrens im neuen Q7 in Serie zu bringen und auch bei Mercedes sollen erste Modelle in den kommenden Jahren in der Lage sein phasenweise ohne die Aufmerksamkeit des Fahrers auszukommen.  

Wie nahe die Technik schon an der Vision dran ist, ließ sich diese Woche auf der CES in Las Vegas beobachten. Volkswagen zeigt mit „Trained Parking“, wie ein Elektro-Golf lernen könnte sich selbst zu parken und dabei in Zukunft auch induktiv laden würde. Der BMW i3 sucht sich sogar schon selbst die Parklücke und kommt auf Zuruf vom Smartphone auch wieder selbstständig heraus.

Spektakulärer Auftritt des Mercedes F015

Über solche Ansätze geht die Forschung von Audi und Daimler weit hinaus. Beide Hersteller sind schon mit autonom fahrenden Autos in Bundesstaat Nevada unterwegs gewesen und haben ihre Technik auf der Straße gezeigt. Einen besonders spektakulären Auftritt hatte der F015 von Mercedes. Das Konzeptfahrzeug ist innen wie eine Lounge mit vier Sitzen aufgebaut, die auch gegenläufig ausgerichtet werden können. Über Touchscreens und Gestensteuerung, ebenfalls eine großer Trend auf der CES, kommuniziert das Fahrzeug mit den Passagieren. Fährt das Auto autonom, so können die vorderen Sitze gegen die Fahrtrichtung gedreht werden. Nimmt der Fahrer das Steuer selbst in die Hand, dann sitzt er ganz normal vor dem Lenkrad und den Pedalen.

Das Konzeptfahrzeug von Mercedes geht allerdings auch ausgesprochen kommunikativ mit seiner Umwelt um. Der Kühlergrill ist flächig mit blauen LEDs bestückt, die gleich mehrere Funktionen erfüllen. Hier lässt sich etwa erkennen, ob das Auto gerade autonom fährt oder von einem Menschen gesteuert wird. Möchte ein Fußgänger vor dem Fahrzeug über die Straße gehen, so kann das Auto ihm über einen Schwarm wandernder LEDs anzeigen, dass es ihn gesehen hat. Ähnliche „LED-Schwärme“ in Rot am Heck des Fahrzeugs zeigen dann, dass sich vor dem Auto etwas bewegt und warnen so den folgenden Verkehr.

Der Zebrastreifen für Fußgänger wird projiziert

Darüber hinaus will Mercedes mit dem Konzeptfahrzeug auch neue Kommunikationsformen etablieren. So soll der F015 mit anderen Verkehrsteilnehmern, wie etwa Fußgängern sprechen. Hält das Auto an, dann könnte es Passanten verbal zum Überqueren der Straße auffordern. Um es ganz deutlich zu machen kann der F015 dann auch per Laser einen Zebrastreifen auf die Fahrbahn projizieren.

Der Kühlergrill als Kommunikationsfläche: Der Mercedes F015 gibt über LEDs in der Front und am Heck Signale an seine Umwelt.
Der Kühlergrill als Kommunikationsfläche: Der Mercedes F015 gibt über LEDs in der Front und am Heck Signale an seine Umwelt.Foto: dpa

Im Rennen um die technologische Vorreiterschaft beim selbstfahrenden Auto zeigt auch Audi starke Präsenz in Nevada. Die Ingolstädter haben im Vorfeld der CES Jack auf die Reise vom Silicon Valley nach Las Vegas geschickt. Das Versuchsfahrzeug auf Basis eines Audi RS7 fuhr mit Journalisten an Bord rund 900 Kilometer bis ins Spielerparadies. Allerdings nicht durchgehend selbstständig. Auf den Überlandstraßen und den Highways übernahm das Auto das Steuer, in städtischen Gebieten musste der Mensch ran. Dennoch spricht Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg von einem großen Erfolg: „Die Ergebnisse der Testfahrt untersteichen unsere Kompetenz im pilotierten Fahren.“

Plausibilisierung per Laser

Neben der normalen Sensorik, die bereits Serienfahrzeuge für ihre Assistenzsysteme wie etwa Notbrems- oder Spurhaltesysteme benutzen, bekam „Jack“, so der Name des Versuchsfahrzeugs, spezielle Radarsensoren mit höherer Reichweite, sowie auf jeder Seite zwei Radar-Sensoren mit mittlerer Reichweite, die für eine 360-Grad-Rundumsicht sorgen. Zwei Laserscanner vorne und hinten, sowie eine w in der Frontscheibe gewährleisten eine ständige Plausibilisierung der von den übrigen Sensoren erfassten Daten. Tatsächlich ist Audi beim Konzept des pilotierten Fahrens auf gutem Wege. Ein anderes Entwicklungsfahrzeug aus Ingolstadt hatte im vergangenen Herbst bereits schnelle Runden in Oschersleben und vor dem DTM-Finale in Hockenheim gedreht. Audi betont, dass es sich bei der eingesetzten Sensortechnik um seriennahe Produkte handelt, die mit vernünftiger Kosten-Nutzen-Relation schon bald in Serienfahrzeug einfließen können.

Auf dem Weg zur Show: Audi chauffierte Journalisten mit einem selbstfahrenden A7 zur CES. Weite Strecken der 900 Kilometer fuhr das Auto selbstständig.
Auf dem Weg zur Show: Audi chauffierte Journalisten mit einem selbstfahrenden A7 zur CES. Weite Strecken der 900 Kilometer fuhr...Foto: dpa

So ruhmreich derzeit die Forschung am „Roboterauto“ auch sein mag, auf lange Sicht möchten die Autobauer damit auch Geld verdienen. Deshalb ist die Seriennähe so wichtig. Technisch ist bereits vieles machbar, wie die jüngsten Präsentationen zeigen. Viel Arbeit gibt es jedoch beim rechtlichen Rahmen und auch bei anderen ungelösten Fragen. In Deutschland etwa gestaltet sich der gesetzliche Rahmen so, dass der Lenker eines Fahrzeugs stets die Kontrolle behalten muss. Das verbietet direkt das autonom fahrende Auto, noch. Denn in diversen Arbeitskreisen beim Verkehrsministerium wird bereits über eine Neugestaltung der Straßenverkehrsordnung debattiert. Eine Änderung ist wohl nur eine Frage der Zeit, geht es doch auch im die technologische Führerschaft der deutschen Autoindustrie.

Disruptive Veränderungen der Branche

Es geht aber natürlich auch um Geld. Stefan Bratzel vom Center Automotive der FH Bergisch-Gladbach sieht ein enormes Umsatzpotenzial: „Zunächst wird sich die Gewinnschöpfung im Bereich der Assistenzsysteme abspielen, wo die Autobauer schon heute viel Geld verdienen.“ Die nächsten Teilschritte hin zum selbstfahrenden Auto könnten für die Konzerne neue Erlösquellen erschließen. Egal ob selbst parkende Autos oder teilweise autonom fahrende Fahrzeuge, zum Beispiel mit Stauassistenten, dürften einen Umsatz von Milliarden bringen. Und selbst das ist erst der Anfang. „Autonom fahrende Fahrzeuge werden wahrscheinlich disruptive Veränderungen für die Branche bringen. Neue Akteure werden auf den Markt kommen und Grundlagen werden sich verändern“, sagt der Experte.

Der Internet-Gigant Google forscht bereits seit längerem in Feldversuchen in Kalifornien am Roboterauto, das in dieser Variante nicht mal mehr Lenkrad und Pedale hätte. Andererseits könnte zum Beispiel für Carsharing auf lange Sicht kein Führerschein mehr nötig sein, weil die Autos eben selbstständig fahren. Damit würde sich völlig neue Kundenkreise für die Autohersteller erschließen, wovon auch Daimler-Chef Dieter Zetsche überzeugt ist: „Wir sehen ein riesiges Potenzial für Carsharing mit autonomen Autos“, sagte er am Rande der CES. Damit dürfte er nicht alleine sein, wie eitle Wettkampf zwischen den deutschen Premiumherstellern Audi, BMW und Mercedes zeigt. Die Entwicklung der letzten Monate und jüngst die Auftritte der Autohersteller auf der CES haben jedenfalls gezeigt, dass ein selbst fahrendes Auto nicht mehr eine Frage der Machbarkeit, sondern nur noch eine Frage der Zeit ist.

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Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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