Auto : So schnell kann’s gehen

Wenn Porsche in den USA beim weltgrößten Grand Prix auftaucht, hat das nicht nur mit dem Rennen zu tun – es geht um „Kundensport“

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Was für eine Leistung.
Was für eine Leistung.

Sonne, Wasser, Palmen, platinblonde Frauen mit unglaublichen Ausschnitten und goldbehängte Typen mit dunklen Sonnenbrillen: Welcome in Long Beach, Kalifornien. Mindestens einmal im Jahr ist die 500 000-Einwohner-Stadt komplett überdreht, wenn 300 000 motorsportbegeisterte Fans zu einem der weltweit größten Grand-Prix-Events anreisen. Das Rennen auf dem 3,1 Kilometer langen Kurs in Long Beach gilt als das „Monaco der USA“. Und da ist alles, was Superlative hat, drei Tag lang am Pazifik zu bestaunen: der berühmteste Stadtkurs der USA, Stars und Sternchen aus Hollywood, die PS-stärksten Rennwagen der American Le Mans Series (ALMS) und der „irreste Porsche-Fan Amerikas“, wie Giorgina von sich sagt. Die Amerikanerin schaut ehrfurchtsvoll auf den Porsche 911 GT 3 RSR des Teams Flying Lizard Motorsports im Fahrerlager. „Wow, how cool is that!“, ruft die 75-Jährige.

Bei den Lizards wuseln Mechaniker um den Porsche, wechseln Reifen, vermessen Millimeter um Millimeter und justieren wieder neu. Ein paar Stunden vor dem Rennen wird jedes Teilchen des 350 000 Euro teuren und 450 PS starken Rennwagens noch einmal überprüft. Es geht um den Sieg. Und um viel Geld. Seth Neiman hat das Team Flying Lizard Motorsports 2003 g3gründet. Neiman ist passionierter Rennfahrer, Geschäftsmann und Porsches wichtigster amerikanischer Kunde. Der 57-Jährige verdiente seine Millionen mit Venture Capital. Jährlich gibt der scheue Amerikaner schätzungsweise sechs Millionen Euro für den Motorsport einschließlich Rennwagen und Team aus. Mittlerweile sind die Flying Lizards das weltweit professionellste GT-Team.

„Wir verkaufen den Teams die Autos und unterstützen dort, wo wir können“, sagt Oliver Hilger, Sprecher von Porsche-Motorsport. Die Philosophie des Zuffenhausener Automobil-Herstellers heißt Kundensport. Porsche unterstützt Kunden wie Neiman mit dem Know how firmeneigener Ingenieure und stellt Werksfahrer. Das Unternehmen hat auch ein Interesse daran, dass die Marke konkurrenzfähig bleibt. Deshalb bietet das Unternehmen einen Teileverkauf in riesigen Trucks direkt an der Rennstrecke an. „Die Teams sind eigenverantwortlich. Das, was sie benötigen, rechnen wir nach einem Rennwochenende ab“, sagt Uwe Brettel, Leiter Motorsportvertrieb. Er betreut weltweit 300 Teams.

Gerade die USA ist für Porsche ein enorm wichtiger Markt. Porschefahrer John Lemann etwa ist 600 Kilometer nach Long Beach zum Rennen gefahren. „Es ist schön hier die Profifahrer zu sehen und mit ihnen direkt zu sprechen“, sagt der 42-jährige Jurist. Je näher der potenzielle oder langjährige Porsche-Fahrer seinem Traumauto ist, umso stärker soll es in seinen Fingern kribbeln, sich in einen neuen Porsche zu setzen und loszufahren. Auf dieses Feeling setzt Porsche. Und dass ein GT-Car schon mal ein paar Hunderttausend Euro kosten kann, spielt bei Spitzenverdienern keine Rolle.

Die American Le Mans Series ist perfekt auf motorsportbegeisterte Menschen zugeschnitten. Zum Anfassen nah sind die Autos, die Fans können mit Mechanikern und Fahrern sprechen und fachsimpeln. „For the fans“ lautet das Motto der Rennserie. Aber auch die, die das nötige Geld für einen Porsche nicht haben, kommen an den Renntagen in Long Beach auf ihre Kosten. Ein „tag cool towel“, ein kühlendes Handtuch, verspricht die Körpertemperatur um 20 Grad zu reduzieren; armlange Truthahnkeulen mit zentimeterdicker Ketchupschicht werden als Snack durch die Menschenmengen balanciert. Im Hintergrund brüllt „Like a sex machine“, während muskelbepackte Typen lautstark ein Erektionsstimulans anbieten. „Work hard, play harder“ steht auf dem angebotenen "Naturprodukt". Und überall stehen die Fans vor den Schildern mit den Autogrammstunden ihrer Motorsport-Helden.

Die beiden Porsche-Werksfahrer Jörg Bergmeister, 35, aus Langenfeld und der Kalifornier Patrick Long, 29, sind seit Jahren ein eingefahrenes Team. Sie gehören quasi zum Kundenprogramm ihres Arbeitgebers und fahren in Long Beach für die Lizards. Bergmeister und Long sitzen nebeneinander und schreiben unentwegt ihre Namen auf Autogrammkarten, T-Shirts, Helme, Schirme, posieren vor den Kameras und strahlen. „Die Fans gehören hier dazu. Und Motorsport ohne Fans geht gar nicht“, sagen die beiden Profis. In einer Stunde schreiben sie 800 Unterschriften.

In diesem Jahr tritt das Team Flying Lizards mit zwei Porsche 997 (Nachfolger des 911er) GT3 RSR an. Jörg Bergmeister und Patrick Long fahren im Wagen Nummer 45. Der 911 GT3 RSR war im Vorjahr in den USA das erfolgreichreichste GT-Fahrzeug. Bergmeister und Long gewannen den Meistertitel der GT2-Klasse auf dem traditionellen 1000-Meilen-Kurs Road Atlanta. Beim Start der diesjährigen American Le Mans Series in Sebring in Florida kamen die beiden nur auf Platz sechs. Long Beach, der zweite von insgesamt neun Rennen, soll nun den Sieg bringen.

Patrick Long, für den der Stadtkurs ein Heimspiel ist, steht kurz vor dem Start an seinem Auto, atmet tief durch und starrt konzentriert auf den Boden. Das Rennen beginnt und Long fährt zunächst zur Höchstform auf. In einer spannenden Aufholjagd schiebt er sich vom vierten auf den zweiten Platz vor. Jörg Bergmeister verfolgt gebannt auf einem Monitor das Rennen, beobachtet die Messdaten, isst einen Schokoriegel und hört den Funk mit. Er knetet seine Hände, als Patrick Long den führenden BMW überholt. Dann blockiert ein aus der Box zurückgekehrter Ferrari das Verfolger-Duo. Long will überholen, verlässt die Ideallinie und holt sich Dreck auf die Reifen. In Kurve acht passiert es: Der Porsche kommt auf den inneren Randstein, untersteuert und kracht in die Mauer. Noch weiß niemand, was mit dem Wagen passiert ist. Long steuert den Porsche in die Boxengasse, Jörg Bergmeister zerrt sich seinen Rennoverall zu und macht sich startklar. Hektik im Team, die Mechaniker wuchten das Auto hoch. Doch der Teamchef winkt schnell ab: Die Vorderaufhängung ist gebrochen. Das Rennen ist gelaufen. „Fuck man“, sagt ein niedergeschlagener Patrick Long. Sein Freund und Teamkollege klopft ihm auf die Schulter. „Das ist ein Rennen“, sagt Jörg Bergmeister, „da fährt man auf Anschlag."“

Enttäuscht sind nach dem Rennen Fahrer, Mechaniker, Angehörige, die gesamte Rennfamilie. „Sorry, man“, sagt Patrick Long zu Jörg Walther, Chef von Porsche Motorsport Nordamerika. Die Verantwortlichen haben außer dem Fahrfehler aber noch ein anderes Übel ausgemacht: die „Balance of performance“, ein Reglement, das verhindern soll, dass immer nur eine Marke gewinnt. Das funktioniert so: Ein Unternehmen beantragt für sein Auto einen anderen Restriktor. Restriktoren sind Luftmengenbegrenzer, durch die der Motor atmet. Je mehr Luft, je größer die Leistung lautet die Formel. In Long Beach gewinnt der BMW M 3, ein Auto, das auf Antrag einen anderen Restriktor eingebaut hat. Im Vergleich zum Porsche macht das einen Leistungsunterschied von rund 50 PS aus.

„Wir arbeiten weiter wie bisher“, sagen Porsche-Motorsportchef Hartmut Kristen und Jens Walther nach dem Aus. Walthers Vorgänger Alwin Springer ärgert sich dagegen laut über die Balance of performance. „Das ist sozialistischer Motorsport“, sagt er. Die für das Le-Mans-Reglement zuständigen Verantwortlichen des Automobile Club de l’Ouest in Frankreich haben wichtige Vertreter nach Long Beach geschickt. Mit denen wird nun gesprochen. Wie in der Politik gehört im Motorsport Diplomatie und Strippenziehen hinter den Kulissen dazu.

Nächste Woche, am 9. Juli, geht dann der Kampf in der ALMS weiter. Die Teams starten zum dritten Lauf in Lime Rock. Das Unternehmen Titelverteidigung 2011 hat Porsche noch längst nicht aufgegeben.

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