Auto : Starkes, Leichtes und die Rückkehr einer alten Liebe

Europas größte Motorradmesse EICMA zeigte Licht und Schatten der Branche: Die großen Hersteller brannten ein Neuheitenfeuerwerk ab. Doch von kleinen Firmen reichte es gerade noch für ein paar Lebenszeichen. Die Fans dürfen sich dennoch auf spannende Bikes freuen.

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Goldene Zeiten, die sind in der Motorradbranche lange her. Die Wirtschaftskrise in zweiradverrückten Ländern wie Italien, Spanien oder auch Frankreich hat dem europäischen Markt im letzten Jahr einen weiteren herben Dämpfer verpasst. Wie schwierig die Lage wirklich ist, wurde am vergangenen Wochenende auf Europas größter Motorradmesse EICMA deutlich. Wo einst das bunte und rauhe Leben der Branche in voller Pracht zu bewundern war, herrschte an der ein oder anderen Stelle fast schon Tristesse. Bei Piaggio zum Beispiel, wo der Stand von Aprilia beheimatet ist. Der renommierte italienische Hersteller reist ohne nennenswerte Neuheiten zur Heimmesse. Der nicht minder ruhmreiche Hersteller Moto Guzzi fristete nebenan ein ähnliches Gnadenbrot. Oder auch Piaggio selbst, die mit den Vespas so etwas wie ein italienisches Heiligtum in Händen halten. Die einzige Neuheit ist allerdings die Retro-Vespa Primavera, die eine Rollerlegende wiederbelebt und, wie einst, mit Stahlblech daherkommt. Schön anzusehen, Innovation geht allerdings anders.

Dass es in Mailand nicht zur Trauerfeier kam, ist den wenigen Herstellern zu verdanken, die noch in der Krise ordentliche Zahlen vermelden können. BMW etwa versetzte der Konkurrenz mit einer Modelloffensive geradezu Nackenschläge. Dafür haben die Bayern vier Neuheiten in die Lombardei mitgebracht, die tatsächlich die Kassen klingeln lassen könnten. Einen Donnerschlag gab es schon vor der Messe mit der BMW R nineT, die bereits statisch gezeigt wurde. Zum 90. Geburtstag von BMW schenkte man sich ein topmodernes Custombike mit Potenzial zum Klassiker. Der luftgekühlte 1200 Kubik große Boxermotor leistet 110 PS (81 kW) und bietet zahlreiche Möglichkeiten zur werksseitigen Individualisierung. Bereits zum kommenden Frühjahr wird die R nineT zum Preis von 14 500 Euro auf die Straße rollen. Noch spektakulärer zeigt sich allerdings der Roadster S 1000R, der hausintern neue Maßstäbe setzt. Das fahrfertige Leergewicht von 207 Kilogramm in Kombination mit einer Leistung von 160 PS ergibt ein prickelndes Leistungsgewicht. So viel Kraft wird von reichlich Technik im Zaum gehalten. Das teilintegrale ABS arbeitet mit einer Stabilitätskontrolle und einem halbaktiven Fahrwerk zusammen. Aggressiv ist vor allem der Preis, den BMW für den Power-Roadster angesetzt hat. Die 12 800 Euro, die für die S 1000 R angesetzt sind, dürften der Konkurrenz ernste Kopfschmerzen bereiten.

Neben diesen aufsehenerregenden Neuheiten gibt es aus dem Werk in Berlin Spandau noch zwei solide Umsatzbringer in Neuauflage. Der Komforttourer R 1200 RT wird nun von einem 125 PS starken Vierventilboxer angetrieben, der künftig mit Wasser statt Luft gekühlt wird. Bei der R 1200 GS Adventure haben die Ingenieure allerdings vor allem an den Details getüftelt und versprechen eine erhöhte Geländetauglichkeit bei gleichzeitig verbessertem Komfort.

Auch Ducati, das im letzten Jahr unter die Fittiche von Audi geschlüpft ist, arbeitet an seinen Standards. Dazu gehört sicher die Monster, die sich in Mailand von Grund auf erneuert den Besuchern präsentierte. Und die zeigt die ganze Innovationskraft der Marke. Die Motorenpalette wird kräftig ausgedehnt und reicht mit dem Topmodell 1200 S auf bis zu 145 PS (107 kW). Zwischen den zwei Rädern arbeitet ein 1198 Kubikzentimeter großer, wassergekühlter Zweizylinder, dessen V-Form durch seine Einbaulage an ein L erinnert. Vor allem aber ist der Doppelzündungsmotor als vollständig tragendes Element in den neu entwickelten Gitterrohrrahmen integriert. Vermisst wurde allerdings das lang ersehnte Retrobike Scrambler in Mailand. Für Superlative sorgt vor allem die 1199 Panigale Superleggera. Einmal beim Leistungsgewicht, wo 177 Kilogramm (vollständig fahrbereit!) auf 200 PS treffen. Aber auch beim Preis von satten 65 000 Euro für ein Modell der auf 500 Einheiten begrenzten Auflage. Ducati hätte da preislich fast noch höher greifen können, denn die Serie ist bereits vollständig ausverkauft.

Ein großes Comeback feierten in Mailand besonders die japanischen Hersteller, die in den Jahren zuvor zwar immer was Neues, aber selten was Spannendes dabei hatten. Vor allem die Yamaha SR400 dürfte zahlreichen Motorradfans Freudentränen in die Augen treiben, denn viele von ihnen dürften einst auf der SR500 ihre ersten Kilometer abgespult haben. Nun kommt sie ganz im klassischen Look wieder zurück, und selbst technisch gibt es wenig Neues. Nur eine Benzineinspritzung statt dem lästigen Vergaser hat sie abbekommen, während der Motor immer noch über einen Kickstarter in Gang gebracht wird. Mit der MT-07 hat Yamaha aber auch ein ganz modernes Naked Bike mit zwei Zylindern am Start. 75 PS treiben hier die 179 Kilogramm Leergewicht an. Einen Topf mehr haben die Japaner der MT-09 gegönnt, die mit einem Dreizylinderantrieb vorfährt. Direkt in Mailand war auch die verschärfte Version Street Rally zu sehen, die mit Supermoto-Eigenschaften bei der Kurvenfahrt glänzen kann.

Bei Honda hingegen kündigt sich gleich eine ganze Generation neuer Motorräder an, die auf einer neuen, vereinfachten Modellplattform aufsetzt. Die Darin werkelt vornehmlich ein 650 Kubikzentimter großer Reihen-Vierzylinder. Damit möchte Honda bei den Preisen wettbewerbsfähiger werden. Als erste Ergebnisse waren das Naked Bike CB650F sowie die vollverkleidete Rennversion CBR650F in Mailand zu sehen. Beide sollen bereits im Frühjahr bei den Händlern stehen.

Bei KTM geht man die kommende Saison erst mal klein an. Das bedeutet aber keineswegs, dass die neuen Baureihen um die drei in Mailand vorgestellten RC-Modelle jetzt langweilig wären. Die RC 125 will vor allem mit trockenen 135 Kilogramm Gewicht überzeugen, und auch die große RC 390 soll es ohne Benzin auf lediglich 147 Kilo bei 44 PS bringen. Es gibt aber auch noch was auf die Ohren, denn mit dem Super-Streetfighter 1290 Super Duke R haben Österreicher ein 180 PS (132 kW) starkes Pfund im Ärmel.

Im Gegensatz dazu setzt Triumph eher auf die klassische Note. Die bringt auf jeden Fall die Thunderbird LT mit, die mit klassischen Weißwandreifen, einem Windschild mit Schnellverschluss, besonders komfortablem Sitz und extra Trittbrettern für den Sozius daherkommt. Wer es nicht ganz so dick mag, könnte es mit der Thunderbird Commander versuchen, die als Custom-Bike ausgelegt ist und schon von Werk ab einen 17 Zoll großen Reifen auf der Hinterachse montiert hat. Beide werden von knapp 1,7 Liter großen Zweizylindern mit 94 PS angetrieben.

Triumph und KTM gehören neben den Japanern zu denen, die im Abwärtssog zumindest ihre Marktanteile halten können. Gute Zahlen gibt es sonst höchstens noch von Ducati. Einzig BMW sieht derzeit wie ein Sieger in der Krise aus.

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