SUVs : VW Tiguan: Alles auf die Sechzehn

Wer sich bislang nicht getraut hat, hat jetzt einen Grund, schwach zu werden. Der Tiguan beweist, dass ein echter SUV nicht riesig sein muss. Warum die Nr. 16 in der Modellpalette von Volkswagen das Zeug zum Erfolg hat

Eric Metzler
VW Tiguan Foto: Volkswagen
VW Tiguan. -Foto: Volkswagen

Manche Erfindungen findet man mindestens so lange hanebüchen, bis das Gegenteil bewiesen ist. Der Tiguan hat derer eine an Bord: Das neu entwickelte Navigationssystem ist auf Knopfdruck in der Lage, eine nicht kartografierte Strecke zu erkennen und sich 500 Wegpunkte zu merken. Was das soll? „Damit finden Sie aus jedem Dschungel, in den Sie reingefahren sind, auch wieder raus“, sagte Konzernchef Martin Winterkorn bei unseren ersten Probefahrten in Budapest. Aus jedem Dschungel! Das hat Volkswagens Vorlenker nett formuliert. Nett übertrieben. Was Winterkorn botschaften will, ist dies: Unser neues Auto ist perfekt für die Stadt und fürs Gelände.

Nun wird man nach so einer Ansage mit dem Tiguan nicht gleich Tarzan besuchen. Fürs Querfeldein durch Brandenburg aber taugt der Neuling allemal: Anders als ein reiner Stadtindianer wie der Nissan Qashqai gibt es den Tiguan auf Wunsch mit einem respektablen Technikpaket fürs Gelände. Allrad, Differentialsperren, Bergabfahrhilfe – all das steckt unter dem verstärkten Bodenblech, wenn man das Kreuzchen auf dem Bestellzettel hinter die (zweitteuerste) Ausstattungslinie „Track & Field“ setzt. Neben den elektronischen Helfern bietet diese Variante eine veränderte Front; der Übergang zum Fahrzeugboden ist deutlich flacher. Das erhöht den sogenannten Böschungswinkel, bei Hindernissen und Steigungen setzt das Auto vorne nicht so schnell auf.

Querbeet bestätigt sich tatsächlich schnell: Mit den Zugaben für Wald und Wiese ist der Tiguan ein Auto, das abseits befestigter Straßen primstens zurecht- kommt. In den ersten Spots für den Tiguan spielen die Offroad-Qualitäten daher eine Hauptrolle. VW weiß, was in den Köpfen der potenziellen Käufer abgeht. Aber in Wirklichkeit? Wer nicht Förster, Jäger oder Gejagter ist, darf den Grunewald bestenfalls über die Avus durchqueren. Nein, Track hin und Field her: Passend zu den unzähligen X3 und RAV4 dieser Stadt wird man auch den Tiguan vornehmlich ohne Staub-, Schlamm- und Grasspuren zu Gesicht bekommen.

„Sauber“ – so werden es wohl viele sehen: Das Auto ist Volkswagen optisch gelungen. Da dürfte selbst der ein oder andere SUV-Gegner konvertieren. Natürlich erinnert die Figur gleich an den großen Bruder Touareg. Breit, hochgebockt, weit ausgestellte Radkästen. Das macht den Tiguan maskulin und rustikal. Im Unterscheid zu nahezu allen Artgenossen wirkt das Ganze hier aber harmonisch. Vermutlich liegt es daran, dass dem Tiguan was fehlt: Das Übermaß, wegen dem andere SUV so mächtig, so grobschlächtig wirken. Der Tiguan heißt nicht nur kompakt, er ist es, jedenfalls von außen.

Im Inneren nämlich wirkt der Wagen groß, viel größer als erwartet. Die Ingenieure haben es verstanden, die 4,45 Meter Länge mal 1,81Meter Breite optimal nutzbar zu machen. Selbst, wenn man die verschiebbare Rückbank ganz nach hinten fährt, bleibt ein Kofferraum manierlicher Größe. Wie bei allen SUV ist die Ladekante höher als bei einem Kombi. Wer häufig in den Winterschnee oder zu Obi hamstern fährt, freut sich über den Durchlass in der Rückbank; geht es mal richtig sperrig zur Sache, legt man auch den Sitz des Beifahrers flach. Die Lehnen der Rücksitze sind in der Neigung verstellbar, an der Kopffreiheit gibt es auf keinem Stuhl etwas zu meckern. Ablagen, Fächer und Becherhalter gibt es reichlich.

Im Grunde genügen drei Minuten, dann hat man einen Plan. Alles hat den erwarteten Platz. Wie immer hat VW auf Spielereien verzichtet. Die Armaturentafel ist sachlich, fast schon langweilig gezeichnet; das enorm verbesserte Navi sitzt vorbildlich weit oben. Unspektakulär das, solide, unkompliziert. Dieses unverwechselbare Golf-Feeling kennzeichnet den Tiguan auch unterwegs – von Überraschungen bleibt man auf jeder Straße verschont. Das Fahrwerk ist straff, bietet aber ausreichenden Reisekomfort; trotz seiner Höhe bleibt der Tiguan auch bei flotter Kurvenfahrt in stabiler Seitenlage. Anders als in einem Kia Sorrento verfällt hier kein Mitfahrer auf den Vergleich mit einem wankenden Schiff. Unser einziger Kritikpunkt: Die elektromechanische Servolenkung ist für einen SUV zu leichtgängig.

Beim Marktstart im Oktober müssen sich die Käufer zwischen einem 150 PS-Benziner und einem 140 PS-Diesel entscheiden. Beide Motoren (wie auch alle später folgenden) sind aufgeladen, bieten also auch bei kleinem Hubraum eine ansehnliche Leistung. Vor allem der Zweiliter-Turbodiesel, bei dem VW erstmals Common-Rail-Einspritztechnik nutzt, punktet mit ordentlichem Anzug, allerdings ist er lauter als erwartet und versprochen. Der 1.4 TSI will etwas getreten werden, wenn man mehr als mitschwimmen will. Der Verbrauch des Benziners kratzt dann schnell an der Zehn-Liter-Marke. Für ein kompaktes Auto ist das zu viel.

Unterm Strich: Auch wenn der Innenraum flottere Bezugsstoffe und mehr Freches vertragen könnte: Optisch und technisch ist der Tiguan kein Schlechter. Mit Solidität gleicht VW die eigene Behäbigkeit aus. Wie schon beim Cabrio Eos und beim Van Touran hat sich VW mit dem Marktstart seines Kompakt-SUV länger Zeit gelassen, als es den Fans lieb war. Aber, jede Wette, an die Verkaufsspitze wird der Tiguan trotzdem fahren.

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