Technik für Autofahrer mit Behinderung : Mobilität ohne Handicap

Auch behinderten Menschen muss das Autofahren nicht verwehrt bleiben. Moderne Technik macht dabei vieles leichter.

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Helfende Hand aus dem Kofferraum: Es gibt immer mehr Mobilitäts-Lösungen für Menschen mit körperlichem Handicap.
Helfende Hand aus dem Kofferraum: Es gibt immer mehr Mobilitäts-Lösungen für Menschen mit körperlichem Handicap.Foto: dpa

Mobilität bedeutet Freiheit – das gilt gerade und sogar umso mehr für Menschen mit körperlichem Handicap. Dank moderner Technik gibt es heute Möglichkeiten, die noch vor Jahren kaum vorstellbar waren. Der Grund ist die Elektronik, die bei modernen Autos mittlerweile in nahezu alle Bereiche eingreift. Selbst wichtige, früher mechanisch und hydraulisch betriebene Funktionen, wie etwa Lenkung oder Bremsen, werden heute in der Regel elektronisch gesteuert. Daraus ergeben sich für behindertengerechte Umbauten vielfältige Möglichkeiten. Umgekehrt gibt es aber auch Grenzen, die das Gesetz vorgibt.

Besonders die Entwicklung der Fahrassistenzsysteme kann für Menschen mit körperlichem Handicap von großem Vorteil sein. „Viele der Assistenten, die in den letzten Jahren in Automobile eingezogen sind, wirken sich für Menschen mit Behinderung sehr positiv aus“, bestätigt Welf Stankowitz vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Der Experte für Fahrzeugtechnik zieht als Beispiel die mittlerweile weit verbreiteten Warnsysteme für den so genannten Toten Winkel heran: „Behinderte Menschen haben oft Probleme mit dem Schulterblick, weil sie sich schlechter umdrehen können. Ein Assistent der die beiden seitlichen Fahrspuren selbsttätig überwacht, ist hier eine ganz große Hilfe.“ Auch die Notbremsassistenten seien sehr hilfreich. „Diese Systeme erleichtern eine Notfallbremsung sehr“, sagt Stankowitz. Die Notbremsassistenten erkennen eigenständig eine Gefahrensituation, erhöhen bereits im Vorfeld den Bremsdruck und führen sogar teilweise, bis zu gewissen Geschwindigkeiten, selbsttätig eine Notbremsung durch.

Assistenten: Petri+Lehr bietet verschiedene Ausgaben von Drehknöpfen für Lenkrad und mehr.
Assistenten: Petri+Lehr bietet verschiedene Ausgaben von Drehknöpfen für Lenkrad und mehr.Foto: Petri+Lehr GmbH

Möglichkeit: Erlaubnis von teilautomatisiertem Fahren

Allerdings betont Welf Stankowitz, dass moderne Fahrassistenzsysteme kein Ersatz für den Fahrer darstellen können. „Der Fahrer muss für sich immer in der Lage sein ein Fahrzeug zu führen.“ Das umfasst die körperlichen und geistigen Fähigkeiten, die dazu vonnöten sind ein Fahrzeug im Straßenverkehr sicher zu bewegen. Das ergibt sich auch aus der aktuellen Gesetzeslage. Die Straßenverkehrsordnung sieht nämlich vor, dass ein Fahrzeugführer zu jeder Zeit die Kontrolle über sein Fahrzeug ausüben muss. Daher müssen Fahrassistenten immer so ausgelegt werden, dass sie vom Fahrer stets übersteuert werden können. Sprich, wenn das Auto bremst, der Fahrer aber Gas gibt, muss das Auto dem Menschen folgen.

„Daran wird sich kurzfristig auch nichts ändern“, sagt Stankowitz. Auf lange Sicht sei es aber denkbar, dass diese Regelung aufgeweicht wird und in einigen Jahren ein teilautomatisiertes Fahren erlaubt sein könnte. Bis zum vollautomatisierten Fahren ist es aber noch ein weiter Weg, sowohl technisch als auch von der Gesetzeslage her. Daher bietet sich hier für Menschen mit schwerer Behinderung, die das Autofahren verhindert, auf Sicht eher keine Lösung.

Maßgeschneiderte Lösungen

Dennoch kann moderne Technik Menschen mit Handicap das Autofahren ermöglichen. Damit hat Frank Tetzlaff von der Berliner Firma Kienzle Reha reichlich Erfahrung. Der Kraftfahrzeugtechnik-Meister kümmert sich als Berater um Interessenten, die ihre individuelle Mobilität trotz Handicap verwirklichen wollen. „Gut die Hälfte unserer Kunden möchten selbst hinters Steuer“, sagt Tetzlaff. Fast schon Pflicht sei dabei ein Automatikgetriebe, das dem Fahrer die komplizierten Schaltvorgänge abnimmt. In der Regel kommen zu seiner Firma Menschen, die im Rollstuhl sitzen. „Am Anfang steht eigentlich immer eine Beratung, denn in unserem Bereich gibt es fast nur maßgeschneiderte Lösungen“, erklärt der Techniker. Das macht schon deshalb Sinn, weil das Angebot an Hilfsmitteln schwer zu überschauen ist. Es reicht von der einfachen Verlängerung der Blinker und Wischerhebel bis zur hochkomplexen Joysticksteuerung für Autos.

„Gut die Hälfte unserer Kunden möchte selbst hinters Steuer“, sagt Frank Tetzlaff.  Das Gros der Interessenten seien Rollstuhlfahrer. Für diese gibt es von der kleinen Lenkhilfe bis zum großen Umbau des Hecks alle  Sorten an maßgeschneiderten Lösungen. Ein einfacher Gasring etwa, der auf dem Lenkrad montiert wird, kann schon genügen, um das Autofahren zu ermöglichen. Das Mobilcenter Zawatzky aus Meckesheim hat mit dem Handgerät Heidelberg RS dagegen eine Hilfe im Angebot mit der mit einer Hand Gas und Bremse bedient werden. Zum Bremsen wird der Hebel nach vorne gedrückt und beim Beschleunigen wird er nach unten gezogen. Dadurch ermüdet der Arm auch bei längeren Autofahrten nicht so schnell.

Einfach: Die Bedienung der Drehknöpfe von Petri + Lehr am Lenkrad soll betont unkompliziert sein - hier der MFD1.
Einfach: Die Bedienung der Drehknöpfe von Petri + Lehr am Lenkrad soll betont unkompliziert sein - hier der MFD1.Foto: Petri+Lehr GmbH

Die geeignete Fahrerlaubnis ist wichtig

Mit dem MFD1 von der Firma Petri und Lehr aus Dietzenbach in Hessen lassen sich dazu noch Funktionen wie Hupe oder Scheibenwischer über einen Drehknopf mit Tasten am Lenkrad bedienen. Dadurch ist es möglich beim Lenken den Blinker zu setzen oder sogar Lichthupe zu geben. Das Gerät arbeitet mit Infrarot zu Übermittlung der Befehle an das Auto  und wird so montiert, dass auch der Fahrerairbag noch problemlos auslösen kann. Wie auch immer die Lösung aussehen mag, eines haben alle Umbauten gemeinsam. „Die Autos müssen immer in einer Einzelabnahme vom Tüv geprüft werden“, sagt Tetzlaff. Alleine schon deshalb empfiehlt es sich die notwendigen Maßnahmen von einem der zahlreichen spezialisierten Unternehmen durchführen zu lassen.

Wer sich aber mit Handicap hinters Steuer setzen möchte muss neben den technischen Voraussetzungen auch die geeignete Fahrerlaubnis mitbringen. Das Gesetz ist dabei grundsätzlich auf der Seite der Behinderten. Denn keinem Erwachsenen darf aufgrund körperlicher Einschränkungen die Fahrerlaubnis verwehrt werden. Aber es muss auch eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr möglich sein. Deshalb sollten sich Interessenten auch in einem ersten Schritt mit der Führerscheinbehörde in Verbindung setzen. Dort wird entschieden, ob für die Einschätzung der Fahrfähigkeit ein medizinisches Gutachten beauftragt werden soll. Dieses wird vom Amtsarzt oder Fachärzten mit spezieller Zusatzausbildung vorgenommen. Manchmal wird auch ein medizinisch-psychologisches Gutachten angeordnet. Etwa bei Schlaganfall-Patienten oder umfangreichen medikamentösen Therapien.

Nur in einer spezialisierten Fahrschule

Die Führerscheinausbildung selbst sollte in einer spezialisierten Fahrschule durchgeführt werden. Diese halten auch bereits umgebaute Fahrzeuge vor, mit denen gehandicapte Menschen ihre praktischen Fahrstunden absolvieren können. Namen und Adressen können über die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände ermittelt werden. Ein anderer Fall liegt vor, wenn der Führerschein bereits vorhanden ist und die Behinderung erst später, zum Beispiel durch einen Unfall, eintrat. Dann können die Umbauten am Fahrzeug direkt vorgenommen und von einem technischen Sachverständigen angenommen werden. Sie werden auch in Fahrzeugbrief eingetragen. Der Gang zur Führerscheinbehörde und das Gutachten sind dann nicht zwingend vorgeschrieben.

Aber die Sache hat einen Haken: Geschieht ein Unfall, dann wird es kompliziert. Unter Umständen muss ein Nachweis erbracht werden, dass das Fahrzeug sicher geführt werden kann, um nicht automatisch eine Teilschuld zu bekommen. Wurde zuvor alles über die Führerscheinstelle geregelt, dann gibt es im Fall der Fälle keine Probleme. Ohnehin ist ein Gutachten erforderlich, wenn die Umbauten am Fahrzeug von einem Kostenträger, in der Regel einer Krankenkasse, bezuschusst werden soll. Eine Klassenbeschränkung, zum Beispiel nur auf Pkw, gibt es hingegen nicht. Entsprechend den Umbauten und den Voraussetzungen können auch Krafträder oder sogar Lkw von Menschen mit Handicap gesteuert werden. So bleibt selbst der Rausch der Geschwindigkeit auf potenten Zweirädern Menschen mit körperlichem Handicap grundsätzlich nicht verwehrt.

Steuerliche Förderung

Bei der Kfz-Steuer wird zwischen zwei Gruppen unterschieden, die unterschiedlich stark begünstigt werden:

Vollständige Steuerbefreiung: Menschen, die als Schwerbehinderte gelten und einen orangenen Ausweis mit dem Vermerk „H“ (Hilflos), „Bl“ (Blind) oder „aG“ (Außergewöhnlich gehbehindert) haben, werden zu 100 Prozent von der Kfz-Steuer befreit.

Halbe Kfz-Steuer: Menschen mit dem organgefarbenen Ausweis ohne Vermerk oder mit dem Zeichen „G“ (gehbehindert) zahlen nur die Hälfte der Kfz-Steuer. Allerdings müssen sich Menschen mit solchem Handicap entscheiden. Die Steuerbefreiung wird nur dann gewährt, wenn die Person auf das Recht zur unentgeltlichen Beförderung in öffentlichen Verkehrsmitteln verzichtet. Die Entscheidung zwischen niedriger Kfz-Steuer oder unentgeltlicher Beförderung ist aber nicht langfristig bindend. Durch das Wahlrecht kann jederzeit zwischen den beiden Optionen gewechselt werden. Um Missbrauch zu verhindern wird die Entscheidung aber von den Zollbehörden in den Behindertenausweis eingetragen.

Wer sich für die steuerliche Begünstigung entscheidet sollte aber folgende Auflagen beachten:

Fahrzeugwahl: Die Steuerermäßigung oder –befreiung gilt immer nur für ein Fahrzeug. Dabei kann es sich aber auch um Kraftrad oder auch ein Wohnmobil handeln. Wird das Fahrzeug gewechselt, dann gilt eine Karenzzeit von einem Monat, bis das alte Fahrzeug ab- oder umgemeldet werden muss.

Steuerschädliche Nutzung: Durch die Befreiung oder steuerliche Begünstigung darf das Fahrzeug allerdings nicht zweckentfremdet werden. Urlaubsfahrten von nichtbehinderten Dritten müssen den Zollbehörden angezeigt werden und dann muss für mindestens ein Monat Kfz-Steuer bezahlt werden. Auch das Pendeln zur Arbeitsstätte oder das Erledigen eigener Angelegenheiten durch nichtbehinderte Dritte ist nicht erlaubt und entspricht einer steuerschädlichen Nutzung.

Autor

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
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