Telematiksystem eCall wird 2018 Pflicht : Big brother oder Lebensretter?

Das Notrufsystem eCall wird in drei Jahren verpflichtend für Neuwagen. Wer sich freiwillig eine Telematik-Box einbauen lässt, kann in manchen Ländern schon heute Gutschriften von der Versicherung kassieren. Die anfallenden Daten sollen dabei regelmäßig gelöscht werden. Doch ist darauf Verlass?

Lorenz Steinke
Bei einem schweren Verkehrsunfall entscheiden oft Minuten über Leben und Tod. Das Notrufsystem eCall alarmiert im Notfall ganz von allein die nächste Rettungsleitstelle.
Bei einem schweren Verkehrsunfall entscheiden oft Minuten über Leben und Tod. Das Notrufsystem eCall alarmiert im Notfall ganz von...Foto: dpa

Das Jahr 1970 mit 21.332 Unfalltoten gilt unter deutschen Verkehrsforschern als „annus horibilis“. In keinem Jahr seit Bestehen der Bundesrepublik starben mehr Menschen auf deutschen Straßen. Seitdem hat sich die Zahl der motorisierten Fahrzeuge von 15 auf 44 Millionen fast verdreifacht, zugleich ist die Zahl der Unfalltoten auf heute rund 3400 zurückgegangen. Zurückzuführen ist dies vor allem auf sicherere Fahrzeuge: 1976 wurden die Anschnallpflicht auf Vordersitzen und die Helmpflicht für Motorradfahrer eingeführt, ab 1980 bot Daimler-Benz die ersten Fahrer-Airbags an. Parallel dazu wurden die Prüfverfahren für Crashtests immer wieder verschärft. 2007 ließ der ADAC einen 20 Jahre alten Ford Sierra mit einem aktuellen Ford Fiesta zusammenstoßen und zog das Fazit: „Obwohl die Mittelklasse-Limousine Sierra deutlich größer ist, fällt das Verletzungsrisiko drastisch höher aus.“ Dank aktiver Systeme und verbesserter passiver Sicherheit konnten die Unfallfolgen erheblich eingedämmt.

Telematik-Überwachung lockt mit Versicherungsprämien

Aber nicht nur die Autos selbst, sondern auch das früher in der Bundesrepublik äußerst lückenhafte Rettungswesen wurde verbessert: Anfang der 1970er Jahre wurde eine Sanitäter-Ausbildung für Fahrer von Rettungswagen zur Pflicht, 1973 wurden auf Drängen der Björn-Steiger-Stiftung die bundesweiten Notrufnummern 110 und 112 eingeführt, die es bis dahin nur in Großstädten gab, und an deutschen Fernstraßen Notrufsäulen aufgestellt. Die sogenannte „Hilfsfrist“ bis zum Eintreffen der Rettungsdienste am Unfallort verkürzte sich so von oft mehr als einer Stunde in den 60er-Jahren auf heute zwischen 8 und 10 Minuten in Stadtstaaten wie Hamburg und 14 bis 17 Minuten in Flächenländern wie Thüringen.

Per Knopfdruck Hilfe: Bald gibt es in allen Neuwagen einen Notrufknopf, der den Rettungsdienst alarmiert.
Per Knopfdruck Hilfe: Bald gibt es in allen Neuwagen einen Notrufknopf, der den Rettungsdienst alarmiert.Foto: dpa

Nach der Optimierung von Fahrzeugtechnik und Rettungsdiensten setzen Verkehrsforscher nun beim wohl komplexesten System an, das am Unfallgeschehen beteiligt ist: dem Autofahrer selbst. Ihr Ziel: Vorausschauendes und sicheres Fahren soll Schule machen, gute Fahrer belohnt und riskante Fahrzeuglenker zum Überdenken ihres Fahrstils gebracht werden. In den USA und Italien bieten deshalb bereits zahlreiche Versicherungen sogenannte Telematik-Boxen an: Einbaugeräte, die während der Fahrt unter anderem Beschleunigungswerte oder das Beachten von Tempolimits erfassen und daraus am Jahresende einen Gesamtwert bilden. Ist dieser Wert positiv, ist der Fahrer vorausschauend und defensiv gefahren und hat somit nur ein geringes Unfallrisiko. Dafür gibt es dann eine Gutschrift von der Versicherung. Die Erfahrungen mit der neuen Technik sind positiv: In den USA gingen die Unfallzahlen bei Telematik-Nutzern um bis zu 40 Prozent zurück. In Italien sind Versicherungen per Gesetz verpflichtet, mindestens einen Telematik-Tarif anzubieten.

Rettungsdienst kommt oft zu spät

Gleichsam als Nebeneffekt verfügen die Telematik-Systeme über eine eingebaute Notruf-Funktion, die bei einem Unfall automatisch oder auf Tastendruck über das Mobilfunknetz Hilfe herbeiruft: schneller als ein Mensch das könnte und auch dann, wenn der verunfallte Fahrer selbst dazu nicht mehr in der Lage ist - etwa weil er bewusstlos ist. Professor Michael Schreckenberg, Verkehrsforscher an der Uni Duisburg, sieht den Nutzen von eCall daher besonders im ländlichen Raum: „Ich kenne im persönlichen Umfeld viele Fälle, wo ein solches System denjenigen das Leben gerettet hätte. Insbesondere wenn Sie auf dem Land oder nachts im Wald verunfallen, ist das oft die einzige Möglichkeit, gefunden zu werden.“

Bereits seit 2007 laufen in Deutsachland Übungsdurchläufe und Tests für das eCall-System, das nach einem Unfall automatisch via Satellit einen Rettungsruf absetzt und damit Hilfe holt.
Bereits seit 2007 laufen in Deutsachland Übungsdurchläufe und Tests für das eCall-System, das nach einem Unfall automatisch via...Foto: dpa

Auch die Björn-Steiger-Stiftung, die ihre Notrufsäulen an Bundes-, Land- und Kreisstraßen mittlerweile fast überall wegen sinkender Nutzerzahlen abbauen lässt, setzt große Hoffnungen auf die neue Technik: „Wir sind der Ansicht, dass eCall zu einer Reduktion der Zahl der Unfalltoten beitragen kann, weil durch eCall die Rettungskette deutlich beschleunigt werden kann. Mit eCall wäre der eine oder andere Unfalltote vielleicht nicht gestorben“, mahnt Manolito Leyeza, Technik-Chef der Steiger-Stiftung. Das wäre auch im Interesse der Rettungsdienste, die per eCall zusammen mit der Notruf-Meldung auch eine genaue Standortangabe des Fahrzeuges erhalten. Das ist nicht nur auf verlassenen Landstraßen wichtig, sondern auch auf Autobahnen. Denn „oft erfahren die Retter nicht, in welcher Fahrtrichtung ein Unfall stattgefunden hat und müssen daher erst an der nächsten Anschlussstelle drehen um zum Unfallort zu gelangen“, weiß Leyeza.

SOS-Knopf könnte 2500 Leben retten

Besonders in Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern ist das bitter. Der dortige Landtag hat erst kürzlich eine Verlängerung der Hilfsfristen für die Rettungsdienste beschlossen. Auch Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall musste einräumen, dass die Rettungsdienste in seinem Bundesland oft später am Unfallort eintreffen, als gesetzlich vorgeschrieben. Fachleute fürchten, dass auch andere Bundesländer ihre Rettungsfristen verwässern, denn Rettungsdienste sind aus Sicht von Politikern nicht zuletzt ein Kostenfaktor.

Vorbild für das eCall-System: Die Notrufsäule 15723 auf der Autobahn A1 wurde 2014 nach Betreiberangaben 237 mal betätigt und war damit die meistgenutzte Autobahn-Notrufsäule Deutschlands.
Vorbild für das eCall-System: Die Notrufsäule 15723 auf der Autobahn A1 wurde 2014 nach Betreiberangaben 237 mal betätigt und war...Foto: dpa

Auch die EU sorgt sich um die Hilfsfristen und hat die Fahrzeughersteller deshalb zum Einbau von eCall in alle neu entwickelten Fahrzeugmodelle ab 2018 verpflichtet. Doch hinter vorgehaltener Hand wird bereits über eine neuerliche Verschiebung oder Übergangsregelungen nachgedacht. Denn noch fehlt beispielsweise in Rettungsleitstellen die Infrastruktur, um automatisierte Notrufe überhaupt anzunehmen. Dabei ist der Nutzen des eCall auch unter Fachleuten unbestritten. Die EU geht davon aus, dass mit der neuen Technik europaweit rund 2500 Menschenleben jährlich gerettet werden können.

Zielgruppe für Telematik-Lösungen und eCall sind insbesondere Fahranfänger. Sie sind nicht nur unter allen Verkehrsteilnehmern die Personengruppe mit dem höchsten Unfallrisiko. Laut einer Statistik des ADAC haben sie auch besonders häufig Unfälle auf einsamen Landstraßen, sogenannte „Discounfälle“. Oft sind die Verunfallten auf einsamer Landstraße in ihrem Fahrzeug eingeklemmt oder verlassen desorientiert das Auto um dann hinter der nächsten Leitplanke bewusstlos zusammenzubrechen, wie Rettungskräfte berichten. Gerhard von Bressensdorf, Vorsitzender des Bundesverbandes der Fahrlehrerverbände wünscht sich, dass Fahranfänger dank Telematik aus ihren Fahrfehlern lernen.

Skepsis beim Datenschutz

Viele Autofahrer in Deutschland sind mittlerweile an der neuen Technik interessiert. Laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom können sich 35 Prozent der Autofahrer in Deutschland grundsätzlich vorstellen, Fahrzeugdaten etwa an Versicherer zu übermitteln. Unter den 14- bis 29-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 54 Prozent.

Notruf von morgen: Mit einem Klick übermittelt eCall die Position des Autos an die nächste Rettungsleitstelle. Verlieren die Insassen bei einem Unfall das Bewusstsein, arbeitet das System auch automatisch.
Notruf von morgen: Mit einem Klick übermittelt eCall die Position des Autos an die nächste Rettungsleitstelle. Verlieren die...Foto: dpa

Größte Sorge unter Skeptikern: Mit den ermittelten Daten könnten Versicherer Reiseprofile ihrer Kunden erstellen und diese an Dritte verkaufen. Fachleute halten diese Befürchtung für wenig stichhaltig. Denn die Assekuranzen wollen mit einer flächendeckenden Einführung von Telematik-Tarifen vor allem die Unfallzahlen senken, um weniger Schäden regulieren zu müssen. Zudem profitieren sie davon, Unfallfahrzeuge in ihre eigenen Werkstätten zu lenken. Denn dank eCall wissen die Versicherer bereits im Moment des Unfalls, wo gerade ein Schaden entsteht und können entsprechend disponieren. Für Versicherer würde die flächendeckende Einführung der Telematik somit ein großes Sparpotenzial bedeuten. Dafür aber brauchen sie das Vertrauen ihrer Kunden, und das erlangen sie nur, wenn sie deren Daten schützen.

Die mobile Zukunft

Eine andere Sorge von Autofahrern: Nach Unfällen könnten die Telematik-Boxen von der Polizei ausgelesen werden. Doch die setzt bei der Ermittlung von Unfallhergängen lieber auf handfestere Quellen, etwa auf die Handys der Unfallbeteiligten. Seit einigen Monaten werden diese nach schweren Unfällen routinemäßig eingesammelt und ausgewertet. Darauf installierte Apps verraten der Polizei meist schon, mit welchem Tempo die Fahrer zuletzt unterwegs waren. Vor allem aber prüfen die Ermittler so, ob die Unfallbeteiligten gerade durch Schreiben von Emails oder SMS am Steuer abgelenkt waren. Denn seit 2008 nimmt die Zahl unerklärlicher Unfälle stark zu. Surfen und Mailen während der Fahrt gelten als möglicher Hauptgrund.

Langfristig geht der Trend daher zum fest installierten Internet im Auto mit auf der Windschutzscheibe eingeblendetem Internet-Bildschirm. Der mitunter tödliche Sekundenblick auf das Handy auf dem Beifahrersitz entfällt so. Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), rechnet damit, dass 2016 bereits rund 80 Prozent aller Neuwagen einen Internetanschluss an Bord haben werden. Ohne den werden Gebrauchtwagen bald ähnlich schlechte Wiederverkaufswerte haben wie PKW ohne Klimaanlage oder Zentralverriegelung. Telematik und eCall werden dann nur zwei von hunderten mobilen Anwendungen für Autofahrer sein. Für Fahranfänger aber vielleicht die wertvollsten.

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