Tempolimit : Von 0 auf 130: So schnell kann’s gehen

Noch vor zwei Wochen war das Tempolimit kein Thema. Jetzt wird überall darüber gestritten – auch an dieser Stelle.

Zur Frage, was eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung am CO2-Ausstoß verändern würde, sind Zahlen von 0,3 Prozent Einsparung bis vier Prozent Einsparung in Umlauf. Aber bisher ist kaum erforscht worden, wie der Verkehr wirklich im Detail läuft und wie er laufen würde, wenn es ein Tempolimit gäbe. Deshalb sind alle Zahlen, die in der Öffentlichkeit genannt werden, nicht mehr als pauschale Gedankenspiele.

Lassen sich die Effekte in Zahlen ausdrücken, die ein Tempolimit auf den CO2-Ausstoß hätte?

Der VCD hat mit Daten des Umweltbundesamts eine Einsparung von 3,3 Millionen Tonnen CO2 für Tempo 120 errechnet, Umweltminister Siegmar Gabriel nannte 2,5 Millionen Tonnen für 130 km/h. Leider gibt es ein Forschungsloch, weil seit Jahren kein Institut mehr mit Untersuchungen beauftragt worden ist. Aber: Jährlich sterben über 300 Menschen wegen zu hohem Tempo auf der Autobahn, meist auf offenen Strecken.

Ich sehe keine Möglichkeit, auf ein Tempolimit zu verzichten. Denn je schneller gefahren wird, desto mehr Unfälle, desto mehr CO2 . Volkswagen geht im Durchschnitt von zwei Litern Mehrverbrauch bei konstant Tempo 150 statt konstant Tempo 130 aus. Auch die Politik wird handeln müssen, wenn sie international weiter ernstgenommen werden will. Angela Merkel zum Beispiel hat sich in der Klimadiskussion sicher Verdienste erworben. Aber sie macht sich in der Debatte unglaubwürdig, wenn Deutschland weiterhin als einziges Land weit und breit auf eine Geschwindigkeitsbegrenzung verzichtet. Deutschland sollte in diesem Bereich auch endlich in die Gemeinschaft zivilisierter Nationen eintreten.

Man muss einfach intelligentere Ansätze zur Lösung der Probleme finden. Zum Beispiel: 20 Prozent des Kraftstoffs werden völlig unnütz verbraucht, weil der Fahrer gerade im Stau steht. Das kann ich auf null reduzieren: mit besseren Straßen und Start-Stopp-Automatik, die den Motor ausschaltet, sobald der Wagen steht. Außerdem setzen wir uns für einen Emissionshandel für die Autoindustrie ein. Dabei werden dann nur so viele Zertifikate in Umlauf gebracht, wie dem angestrebten Wert von 130 Gramm CO2 pro Kilometer entsprechen. Wenn der Cayenne mehr ausstößt, dann muss Porsche Zertifikate hinzukaufen – von einem Hersteller, dessen Autos noch weniger produzieren als 130 Gramm.

Lassen sich mehr Umweltschutz und besserer Verkehrsfluss auch ohne Tempolimit erreichen? Gibt es Alternativen?

Dynamische Verkehrslenkung ist ein wichtiges Thema. Die meisten haben ja Navigationssysteme im Auto. Die Technik könnte man stärker nutzen, um sie um die Staus herum zu führen und so den CO2-Ausstoß zu senken. Noch wichtiger ist der Straßenausbau, um etwa da zu optimieren, wo auf Autobahnen auf- und abfahrender Verkehr die gleiche Spur benutzt und so für Engpässe sorgt. Mit einem Tempolimit würde man sich willkürlich eine von hundert möglichen Maßnahmen herausgreifen. Stattdessen sollte man ein Ziel definieren und dann prüfen, mit welchen Ansätzen man es zu den geringsten Kosten erreichen kann.

Auf vielen Autobahnen gibt es schon statische oder dynamische Begrenzungen, dazu die Staus: Muss man Tempo 130 da überhaupt noch vorschreiben?

Weit über 50 Prozent der Autobahnen sind ja noch nicht limitiert, das hat selbst der ADAC so errechnet. Und die Erfahrungen, die mit Geschwindigkeitsbegrenzungen gemacht wurden, sind eher Argumente für ein Tempolimit: Auf dem Kölner Ring zum Beispiel ist die Zahl der Verletzten und Getöteten dramatisch zurückgegangen, seitdem dort Geschwindigkeitsbegrenzungen eingeführt wurden. Auch der Verkehr fließt in Stoßzeiten besser. Einmal, weil durch den geringeren nötigen Sicherheitsabstand mehr Autos durch die Strecke geschleust werden können. Zweitens, weil durch die geringeren Geschwindigkeitsunterschiede weniger gebremst werden muss.

Natürlich ist das ein wichtiges Argument für die Autoindustrie. BMW, Porsche, Mercedes, Audi – außer den Deutschen gibt es ja fast keine Premiumhersteller, die erfolgreich sind. Und deren Fahrzeuge sind so beliebt, weil sie auch in Sachen Sicherheit für eine deutsche Autobahn ausgelegt sind. Wenn ich einen Wagen so baue, dass er mit 250 durch eine Kurve kommt, dann habe ich im normalen Betrieb ein größeres Polster als wenn ich ihn auf Tempo 130 auslege und er deshalb bei 140 schon Probleme bekommt.

Wie wichtig sind offene Autobahnen für die Marktchancen der deutschen Hersteller?

Die deutsche Autobahn ist im Ausland ein Mythos. Die Hersteller stellen heraus, dass ihre Autos besonders sicher seien, weil sie für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt sind und glauben, damit den Verkauf fördern zu können. Aber gerade deshalb müssen wir an das Thema heran: Weltweit müssen die Hersteller ihre Wagen so bauen, dass sie auch auf deutschen Autobahnen zurechtkommen. Wissenschaftler schätzen, dass 20 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes von PKW in diesem „ökologischen Rucksack“ stecken.

Ich sehe eine große Gefahr, dass es in den nächsten fünf Jahren ein Tempolimit geben könnte – im Moment scheint so eine Welle heranzurollen, verbunden mit einer Diskussion, die sehr ideologisch gefärbt ist. Allerdings finde ich es auch bedauerlich, dass sich die Industrie mit alternativen Konzepten zur Verringerung der CO2-Belastung sehr zurückhält. Die Hersteller leisten sich in der Debatte viele offene Flanken.

Wird Tempo 130 als Höchstgeschwindigkeit kommen? Und wenn ja, wann?

Der Beschluss des SPD-Parteitags war eine positive Überraschung für uns, auch in der Bevölkerung gibt es seit Jahren eine stabile Mehrheit für ein Tempolimit, die die Politik endlich ernst nehmen sollte. Trotzdem befürchte ich, dass es nach den Aussagen von Merkel und Gabriel in dieser Legislaturperiode schwierig wird. Das Tempolimit kommt definitiv. Wir arbeiten dafür, dass es noch in dieser Legislaturperiode klappt.


Natürlich verbraucht ein Auto bei Tempo 180 mehr als bei 130. Aber wir müssen uns fragen: Was kostet jedes Gramm Einsparung an CO2? Wenn ein Tempolimit da ist, muss es auch kontrolliert werden. Das produziert wieder CO2 und Kosten. Wohlgemerkt: Mir geht es nicht um Raser und Drängler, die einem an der Stoßstange hängen. Die sterben auch durch ein Tempolimit nicht aus. Aber es würde doch auch niemand den ICE auf Tempo 130 begrenzen wollen, obwohl auch der bei 300 km/h das Dreifache an CO2 produziert.

Mal ganz platt gefragt: Warum brauchen wir (k)ein Tempolimit in Deutschland?

Tempo 130 hat deutliche positive Effekte auf den CO2-Ausstoß, dazu gibt es viele Studien. Und auch auf andere Schadstoffe, Stickoxide zum Beispiel, auch wenn das in der Debatte etwas in den Hintergrund geraten ist. Das zweite Argument ist die Verkehrssicherheit. Da geht es vor allem um die großen Geschwindigkeitsunterschiede, die es heute zwischen Fahrzeugen auf der Autobahn gibt. Die erhöhen die Unfallgefahr und sind durch die vielen Bremsvorgänge mitverantwortlich für das Entstehen von Staus aus dem Nichts.

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