Test: Audi RS7 mit Autopliot : Auf eine schnelle Runde mit AJ

Ein autonom fahrendes Auto auf der Rennstrecke? Klar geht das. Aber kann es auch schnell sein? Im Audi RS7 Piloted Driving Concept soll das funktionieren - der Prototyp namens AJ gibt seine Antwort.

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Pilotiertes Fahren: Der Prototyp Audi RS7 Piloted Driving Concept zeigt sein Können.
Pilotiertes Fahren: Der Prototyp Audi RS7 Piloted Driving Concept zeigt sein Können.Foto: Promo

Das Rendezvous mit AJ beginnt mit strahlendem Sonnenschein an der Motorsport Arena in Oschersleben. AJ, das ist der Spitzname eines der beiden Prototypen, die sich an diesem Nachmittag in Sachsen-Anhalt zu einem ungewöhnlichen Vergleich eingefunden haben. Der Technikträger von Audi mit dem etwas sperrigen Namen RS7 Piloted Driving Concept möchte nämlich schnelle Runden auf dem Kurs hinlegen und sich mit Menschen messen. Das hat sich bisher noch kein autonom fahrendes Auto so getraut. Aber Horst Glaser, Projektleiter für pilotiertes Fahren und Leiter der Fahrwerksentwicklung bei Audi ist sich seiner Sache recht sicher: „AJ wird eine gute Rundenzeit hinlegen.“

Der Prototyp befindet sich schon auf der Strecke und dreht mit Kollegen an Bord bereits seit dem frühen Vormittag seine Runden. Da war es noch nass und das mag AJ gar nicht. Wenn der Asphalt feucht ist wird es schwierig mit der Haftung. Das ist immer noch eine der ungelösten Aufgaben beim pilotierten Fahren. „Reibungswerte sind nicht messbar, schon gar nicht im Voraus“, erklärt Glaser. Im normalen Straßenverkehr ist das kein Problem, da ein normal fahrendes Auto nicht in den Grenzbereich kommt. Auf der Rennstrecke schon. Einer der wenigen Punkte, wo der Mensch mit seinen Fähigkeiten, Situationen zu antizipieren, immer noch einen bisher unschlagbaren Vorteil hat.

Hände hoch. Im Innern von AJ.
Hände hoch. Im Innern von AJ.Foto: Promo

AJ? "Wow!"

Jetzt, bei trockenen Bedingungen, kann der Prototyp aber sein Können zeigen. Die Kollegen sind mit einem handelsüblichen RS7 auf der Strecke und legen Rundenzeiten von knapp über zwei Minuten vor. Und AJ zieht nach. Wir steigen ein beim Prototypen, wo zur Sicherheit noch ein Entwicklungsingenieur hinter dem Steuer sitzt. Das System wird gestartet und AJ prescht mit Vollgas die Start-Ziel-Gerade hinunter. Kleine Korrekturen am Lenkrad, uns wird leicht mulmig. Erst recht als das Hütchen, das den Bremspunkt für die erste Kurve anzeigt, an uns vorbeifliegt.

Kurz danach bremst das Auto hart ein und das Lenkrad dreht sich wie von Geisterhand nach links und in der Kurve gleich wieder nach rechts. Ok, AJ kennt die Strecke, aber das Auto fährt auch wirklich Ideallinie. Sogar noch mehr, denn in der dritten Kurve nimmt AJ auch die Curbs mit, in der vierten kommt sogar das Heck leicht quer. AJ reagiert mit einer kurzen Korrektur und gibt wieder Gas auf die Gegengerade hinaus. Bis zur Ziellinie gibt das selbstständig fahrende Auto alles und legt ebenfalls eine Zeit von knapp über zwei Minuten auf die Strecke. Alle Insassen steigen mit einem bewundernden „Wow“ aus dem Auto. AJ hat es uns wirklich gezeigt.

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Audi RS7 concept: Rennauto ohne Fahrer
Audi RS7 concept: Rennauto ohne Fahrer

Sensorik identisch mit normalem Audi RS7

Horst Glaser verrät uns, dass das System derzeit auf 92 Prozent eingestellt ist. Das bedeutet, AJ könnte sogar noch ein bisschen schneller. Aber mit Passagieren an Bord möchten die Entwicklungsingenieure kein Risiko eingehen. Auch wenn sie sicher sind, dass AJ keinen Abflug hinlegen würde. Nach dieser Vorstellung stellen sich natürlich viele Fragen. Wurde der Prototyp besonders genau auf diese Strecke vorbereitet? Hat er spezielle Technik an Bord? Horst Glaser zeigt uns das Hirn von AJ, ein Steuergerät, dass vor uns auf dem Tisch liegt. „Die Sensorik ist die gleiche wie bei einem normalen RS7“, sagt der Ingenieur.

(Noch) ungewohnt: Bei kleinen Korrekturen am Lenkrad wird uns anfangs leicht mulmig.
(Noch) ungewohnt: Bei kleinen Korrekturen am Lenkrad wird uns anfangs leicht mulmig.Foto: Promo

Der Prototyp hat aber noch einen zusätzlichen Lasersensor vorne in die Schürze integriert. Daneben hat er noch eine zweite Kamera an Bord, deren Bilder mit Aufnahmen von der Rennstrecke abgeglichen werden. So weiß das Auto genau, wo es sich gerade befindet. Und es hat ein besonders exaktes GPS-System an Bord, mit dem die zentrale Steuereinheit ebenfalls stets die eigene Position bestimmen kann. Alle anderen Systeme, wie etwa die elektromechanische Lenkung stammen aus dem aktuellen Serienmodell.

Tests in Nevada

„Solche Anwendungen sind natürlich nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Glaser. „Wir wollen zeigen, was mit pilotiertem Fahren möglich ist.“ Die eigentlichen Anwendungen für autonom fahrende Autos sind viel banaler, wenn auch weitaus nützlicher. Es geht um selbst parkende Automobile, autonomes Fahren im Stau und irgendwann in ferner Zukunft das pilotierte Fahren im Straßenverkehr. Dazu forschen Horst Glaser und sein Team schon seit einigen Jahren. In Deutschland schiebt derzeit noch die Gesetzgebung einen Riegel vor. Offiziell ist es nicht erlaubt, ein Fahrzeug automatisiert fahren zu lassen. Das Auto darf dem Mensch nur assistieren. In Nevada ist das anders, dort hat Audi die Erlaubnis mit zehn Prototypen die Technik im ganz normalen Straßenverkehr zu testen. Wertvolle Erkenntnisse, die natürlich auch AJ zugute kommen.

Bis pilotierte Autos auf die Straße kommen, muss aber hüben wie drüben noch einiges passieren. „Die Technik, die Infrastruktur und die Gesetzgebung müssen passen“, sagt Glaser. Dann könnte es irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft dazu kommen, das wirklich ein fahrerloses Auto neben einem an der Ampel steht. Im Stau die Zeitung lesen ist hingegen gar nicht mehr so weit entfernt. Die neuen Stauassistenten werden schon bald das Übel auf der Straße bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h selbst ausbaden können. Für AJ, der schon einige Rennstrecken kennt, wäre das eine ziemlich langweilige Aufgabe. Schließlich drehte er auch schon beim Vorprogramm zum DTM-Finale auf dem Hockenheimring auch seine schnellen Runden. Im Gegensatz zum Menschen bekäme AJ im Stau aber keine schlechte Laune. Schließlich ist er immer noch eine Maschine, wenn auch eine sehr schnelle.

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