Testfahrt : Audi RS 6: Und weg ist er

Der neue RS 6 ist der stärkste Serien-Audi aller Zeiten. Und weil der Zehnzylinder mit seinen 580 PS mehr bietet, als man auf Landstraße und Autobahn brauchen kann, haben wir ihn da probiert, wo er sich wohlfühlt – auf einem Rennkurs

RS 6
Und, Tschüss.Foto: promo

Was für einen wunderbaren Unsinn könnte man mit diesem Auto anstellen. Auf der Autobahnauffahrt den Porsche abhängen. Nach Hamburg und zurück schon vorm Frühstück. Im Autobahntunnel mit Kickdown die Wände wackeln lassen. Knapp 15 Sekunden braucht der Kombi für die Beschleunigung - auf Tempo 200. Man stelle sich vor, ein schöner Sonntagmorgen, fünf Uhr früh, die Autobahn frei bis zum Horizont ...

Nun gut, heißt es bei Audi. Das könnte man natürlich machen. Aber dazu sei der neue RS6 Avant eigentlich nicht da. Die hochgezüchtete Variante des A6 sei ein Business-Sportwagen, kein Bürgerschreck. Der eilige Geschäftsmann habe nun die Alternative zum BMW M5 oder dem AMG-Mercedes E 63, ein Utensil zum gepflegten Gasgeben sozusagen. Aber weil die Technik mittlerweile Sachen erlaube, über die der Mensch nur noch staunen könne, stehe der schnellste Serienwagen der Firmengeschichte für ein paar Probekilometer bereit. Ein Auto mit einem Fünf-Liter-Kraftwerk, das aus zehn Zylindern 580 PS hole, sei schon ein Erlebnis – und es gebe da ja noch was anderes als die öffentlichen Straßen.

Kurze Zeit später: Südfrankreich, Le Castellet, Rennstrecke Paul Ricard, Boxengasse. Audi hat einen gut dreieinhalb Kilometer langen Rundkurs auf dem ehemaligen Formel-1-Kurs abgesperrt. Vor mir steht Martin Weisbrodt, der Chef-Testfahrer des Unternehmens. Er hat hier das Sagen und gibt die Regeln mit auf den Weg. Die lauten zum Beispiel: Der Wagen darf an seine Grenzen gebracht werden, aber Vorsicht mit dem Gaspedal, die sei schon geboten.

Der Bolide glänzt in der Wintersonne, Sepangblau die Lackierung, silberfarben die Außenspiegel, dezent verbreiterte Kotflügel, große Lufteinlässe an der Front, schwarzes Wabengitter im Kühlergrill. Auch die mächtigen 20-Zoll-Räder verraten, dass mit diesem A6 irgendetwas nicht stimmt. Am Heck lugen zwei ovale Endrohre hervor, dazwischen ein Diffusor. Ich öffne die Fahrertür, lasse mich in einen Ledersitz fallen, der mich fest in seine strammen Polster schließt. Ein unten abgeflachtes Drei-Speichen-Lenkrad vermittelt Rennfahrer-Feeling. Und der Rest? Edle schwarze Klavierlackapplikationen, Aluminiumeinrahmungen, klassische Rundinstrumente. Eine Mischung aus Luxuslimousine und Streetfighter – Einstiegspreis übrigens 106 900 Euro. Dann drehe ich den Schlüssel – und das Grollen des Höllenfeuers erwacht.

Martin Weisbrodt, ein freundlicher, sportlicher Typ im besten Alter, nickt mir kurz zu. „Ich hab hier nur den kleinen RS 4 mit 420 PS“, sagt er, „wenn ich mit dem jetzt in der Einführungsrunde vorwegfahre, bitte nicht überholen. Spitze bleibt erst mal 200.“ Sagt’s, steigt ein, gibt Gas und ist weg.

Ich halte noch eine Sekunde inne. Soll ich oder soll ich nicht? Ich soll! Mit einem beherzten Tritt aufs Gaspedal katapultiere ich den Kombi in nullkommanix auf Tempo 160. Mein Magen fühlt sich an, als würde er in die Rücksitzlehne gequetscht. Markierungen am Streckenrand schießen an mir vorbei. Ein Schild zeigt an, dass es noch 100 Meter bis zur ersten 90-Grad-Kurve sind. Ich trete auf die Bremse und die packt zu wie Conan, der Barbar nach seinem Eisenschwert. Ich werde nach vorn in den Gurt gepresst und verliere viel zu viel Geschwindigkeit. Also, Fuß runter vom Bremspedal, wieder rauf aufs Gas. Der Zweitonner schießt weiter, durch die nächste Kurve geht’s fast ohne Bremse, die Reifen quietschen, aber der Wagen klebt auf dem Asphalt. Kann ich also noch ein bisschen mehr riskieren?

Jetzt kommt eine Schikane, links, rechts wedel ich hindurch, raus auf eine Gerade. Der Tacho zeigt plötzlich 210, da vorne ist der RS4. Ich halte das Tempo, komme in eine langgezogene leichte Rechtskurve. Da springen die Bremsleuchten des RS4 an, ich trete auf die Bremse, sehe die 180-Grad-Kurve vor mir. Meister Weisbrodt im RS4 ist längst durch, ich lenke scharf ein, bin zu schnell, das Heck bricht aus, ich lenke gegen – und der Wagen fängt sich wie von Zauberhand. Gelobt seien die elektronischen Helferlein, die im Verborgenen ihren Dienst tun, ESP, EDS, DRC und wie sie alle heißen.

Weiter geht es durch eine doppelte Links-Rechts-Kombination. Ich jage den Audi reflexartig hindurch, das Sportfahrwerk, die Sechs-Gang-Tiptronic und der Quattroantrieb schenken mir nicht die geringste Verzögerung und schon lege ich wieder ein schönen Drift hin, Gegenlenken, einfangen. Ist das ein Lachen, das mir gerade mit einem lauten „Jaaaa“ entfährt? Oh, nein, die Boxengasse liegt direkt vor mir. Schon vorbei?

Ein paar Runden später muss ich dann aber wirklich aussteigen, mittlerweile sind die Techniker dazugekommen und bei mir macht sich das schlechte Gewissen breit: Also mal ehrlich: Sind wir denn noch ganz bei Trost? 14 Liter Verbrauch schon auf dem Papier, 333 Gramm Kohlendioxidausstoß pro Kilometer. Wir leben doch nicht mehr in den 80ern. Auf die Frage haben sie bei Audi offensichtlich schon gewartet. Und die Antwort: Erstens heben die wenigen großen Autos den Durchschnittsverbrauch der Gesamtflotte nicht erheblich. Zweitens kann man mit der Technik, die in den Hochleistungsvarianten eingeführt wird, hinterher auch bei den kleinen Modellen profitieren.

Natürlich will ich auch wissen, wie sich der rasende Transporter außerhalb eines Grand-Prix-Kurses fährt. Über Landstraßen, auf Autobahnen. Hier werden die Käufer dieses Autos in Zukunft wohl in der Regel unterwegs sein. Der Kombi grummelt leise vor sich hin – und ich werde zum Dauerbremser! Ein Bruchteil der unendlichen Kraft reicht schon aus, um schneller als der restliche Verkehr zu sein. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ununterbrochen aufzupassen, dass ich den legalen Bereich nicht verlasse. Einhundertdreißig. Dabei würde doch ein kurzer Kick genügen… Nein, für Unsinn dieser Art gibt’s die Rennstrecke – und das wird hoffentlich der einzige Platz sein, an dem sich der Geschäftsmann mit RS-Logo künftig austobt.

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