Auto : Totgesagte leben länger

Opel spendiert seinen Modellen endlich moderne Motoren – und entlockt unserem Autor nach Testfahrten im Zafira ungeahnte Begeisterung.

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Direkt stark.
Direkt stark.

Opel hatte es in der Vergangenheit nicht leicht. Auch im übertragenen Sinne: Die Autos aus Rüsselsheim waren im Vergleich zur jeweiligen Konkurrenz zu schwer, und sie sind es noch. Und zu allem Überfluss waren die Motoren zu schlapp, zu durstig und auch zu unkultiviert. Das konnte nicht so bleiben. Die meisten Autos mit dem Blitz im Grill leiden zwar nach wie vor unter Übergewicht. Doch mit den komplett neu entwickelten und nun im ungarischen Szentgottard produzierten Triebwerken (Benziner mit 1,6 Liter und Diesel mit 1,6 Liter Hubraum) hat Opel die Konkurrenz nicht nur eingeholt, sondern gleich überholt. Die Opel-Motoren sind besser als die entsprechenden Triebwerke von VW! Das war in den Sechzigern übrigens schon mal so.

Vor allem der neue 1,6 Liter große Diesel, den wir jetzt erstmals im Zafira Tourer fahren konnten, überzeugt in der Summe seiner Qualitäten so wie bislang noch kein Selbstzünder zuvor. Gewiss, eine gewagte Behauptung, doch der Autor steht nach ausgiebiger Testfahrt dazu. Denn wenn man sich auf seine Qualitäten einlässt, kann man gar eine neue Art des Fahrens entdecken: Haben Sie schon mal im Reisebus in der ersten Reihe gesessen und dem Fahrer interessiert über die Schulter geschaut? Und dabei festgestellt, dass der Bus bei Drehzahlen zwischen 1000 und 1500 Umdrehungen pro Minute schnell unterwegs ist? Genauso geht das im Opel Zafira Tourer mit dem neuen, relativ leichten Wunderdiesel, der das klassenbeste Leistungsgewicht bietet. Diesen Diesel-Van zu fahren, ist wie Bus fahren, nur auf viel höherem Niveau. Das Beeindruckendste an diesem neuen Vierzylinder in Vollalu-Bauweise ist nämlich seine feine Fahrbarkeit. Opels Chefentwickler spricht von einem „entschleunigten Motor“. Der Maximalwert des Drehmoments von klassenüblichen 320 Nm liegt zwar erst bei 2000 Touren an, doch bereits knapp über Leerlaufdrehzahl legt sich der 136-PS-Diesel ruckfrei ins Geschirr, bockt nicht so wie andere Selbstzünder bekannter Marken.

Passt man sich der souveränen Gelassenheit dieses Triebwerks an, stellt man beim Fahren schnell Erstaunliches fest: Tempo 40 in der Stadt? Einfach im vierten Gang bei gut 1000 Touren. Bei knapp 60 darf es bereits der fünfte, ja sogar schon der sechste sein. Wer sich umstellt und nun auch bei niedrigeren Touren schnell hoch schaltet, schwimmt dennoch locker im Verkehr mit. Wie im Bus. Und vor allem verbraucht der 1,7-Tonner überraschend wenig: Opel verspricht 4,1 Liter. Einen geringeren Normverbrauch weist keiner in dieser Klasse auf. 5,6 Liter waren es bei unserer Testfahrt. Als noch beeindruckender indes erweist sich der Geräuschkomfort des Triebwerks – dank aufwändiger Maßnahmen wie beispielsweise Zehnfach-Einspritzung, spielfreie Zahnräder im Nockenwellenantrieb, in die Ölwanne integrierte Vakuum- und Ölpumpe und Zweimassenschwungrad. Der Motor läuft so gut wie vibrationsfrei; das Dieselnageln ist so gut wie nicht mehr zu hören. Als gelungen darf auch die Abstimmung der serienmäßigen Start- Stopp-Automatik angesehen werden.

Opel reklamiert für sich, den ersten Euro-6-Diesel in einem Van anzubieten. Dafür wird großer Aufwand betrieben, und auch da gibt es wieder Parallelen zum Bus: Der Diesel benötigt einen besonderen SCR-Kat, um diese strenge Norm zu erfüllen, die erst ab September 2014 gilt. Acht Liter AdBlue – die feine Umschreibung für eine künstlich erzeugte Harnstoff-Wasserlösung – hat der Zafira Tourer extra an Bord. Diese Menge reicht für bis zu 15000 Kilometer. Dann zeigt eine Warnleuchte an: bitte auffüllen. Mit 60 Cent pro Liter eine verkraftbare Investition. Nur 136 PS für 1,7 Tonnen Gewicht? Der 1,6er Diesel erweist sich mit seiner harmonischen Kraftentfaltung und steten Durchzugskraft der Aufgabe mehr als gewachsen. Spitze 193 km/h und 11,2 Sekunden für den Sprint von Null auf Tempo 100 reichen doch wohl aus. Ab 28 250 Euro kostet der Opel Zafira Tourer mit dem neuen 136-PS-Diesel. Der sparsamste Van mit Euro-6-Selbstzünder kann ab sofort bestellt werden.

Das ist erst der Anfang. Opel will bis 2016 mit drei komplett neuen Motorenfamilien insgesamt 13 neue Triebwerke sowie drei neue Getriebe auf den Markt bringen. Und so folgen auf der gleichen Grundbasis der 136-PS-Version eine stärkere mit 175 PS sowie eine schwächere mit gut 100 PS. Hinzu kommt, dass dieser rund zu fahrende Diesel auch in andere Baureihen übernommen wird. Ab 2014 bekommt ihn der leichtere Astra. Das hat den Vorteil, dass die aufwändige und teure Harnstoff-Nachbehandlung wegfallen kann und ein einfacherer und günstigerer LNT (Lean NOx Trap)-Kat ausreichen wird. Das Triebwerk ist übrigens so kompakt, dass es selbst in noch kleinere Baureihen passen könnte. Womöglich in den Mokka?

Zurück zum Zafira Tourer. Den gibt es für 28 155 Euro nun auch mit einem anderen erstklassigen Triebwerk zu kaufen - dem brandneuen 1.6 SIDI Turbo mit 170 PS (SIDI steht für Spark Ignition Direct Injection). Bislang war bei den Benzinern ja bei 140 PS Schluss. Auch der neue Benzindirekteinspritzer-Turbo ist laut Opel der leiseste Motor seiner Klasse. Nach der Testfahrt glauben wir es den Rüsselsheimern. Der Vierzylinder klingt zwar sonor, wird jedoch nie dröhnig, so wie andere, und er besitzt auch nicht einen solch rauen Grundton wie die VW-Aggregate. Einfach angenehm, dieser eigene Opel-Ton. Als angenehm und zugleich ungewöhnlich erweist sich auch die Leistungsentfaltung. Der neue Benziner lässt sich ebenso untertourig fahren wie der neue Diesel, ohne zu mucken. Bereits ab 1650 Umdrehungen pro Minute stehen 280 Newtonmeter Drehmoment (50 mehr als beim Vorgänger) zur Verfügung. Bei Bedarf sprintet er jedoch voller Vergnügen. Auch beim Benziner haben die Opel-Entwicklungsingenieure viel Hirnschmalz verwandt, um bei Leistung, Verbrauch und Komfort gleich an die Spitze zu stoßen. Das ist gelungen.

Beispiele für den getriebenen Aufwand? Als erster seiner Klasse hat er zwei Ausgleichswellen für verbesserte Laufruhe, dazu kommen zweistufig schaltbare Ölpumpe, elektronisch geregelte Kolbenkühldüsen, motornaher Kat, Abgaskrümmer mit integriertem Single Scroll-Turbolader. Der nur 41 Millimeter große Turbo spricht extrem schnell an; in nur 1,9 Sekunden kommt der Vierzylinder auf 90 Prozent des Drehmoments. Folge: kein Turboloch und das subjektive Gefühl, dass der Motor so spontan auf das Gas reagiert wie in seligen Zeiten, da Elektronik im Auto noch ein Fremdwort war. Der Benziner, der mit Normal, Super, Superplus und E10 betrieben werden kann, reagiert noch feinfühliger als der Diesel, zieht geschmeidiger an und gibt sich konstruktionsbedingt viel drehfreudiger. Doch er kann nicht über seinen Schatten springen; sprich das hohe Gewicht des Zafira Tourer und das Verbrennungsprinzip. Am Ende des Tages stehen 8,8 Liter zu Buche. Sparsamer und flotter agiert er im gut 200 Kilogramm leichteren Astra Sports Tourer, der sofort ab 24 485 Euro (Fünftürer ab 23 385 Euro) zu haben ist. Da weckt er die Geister, die man Fahrspaß nennt – , ohne zum Trunkenbold zu werden. Da passt er optimal rein. Reale 6,3 Liter sind eine Ansage. 5,9 Liter beträgt der Normwert.

Dieses Triebwerk bekommt noch in diesem Jahr einen stärkeren Bruder, der 200 PS leistet und 300 Newtonmeter Drehmoment bietet – sehr viel für einen 1,6-Liter-Vierzylinderbenziner. Diesen Motor werden wir im GTC sehen, möglicherweise auch im sehr feinen Cabriolet Cascada, das bereits mit der 170-PS-Verrsion des 1.6 SIDI-Motors angeboten wird.

Nach oben ist sowieso noch Luft bei den Opelanern. Der angekündigte überarbeitete Insignia startet im Herbst mit dem überarbeiteten 140-PS-Turbo als neues Basistriebwerk, das die Euro-6-Norm schafft. Dieser Basis-Insignia kostet 24 325 Euro (2025 Euro günstiger als bisher. Es gibt ihn auch in einer Autogas-Version. Neu bei den Benzinern sind der 1.6 SIDI mit 170 PS und der 2.0 SIDI mit 250 PS und 400 Newtonmeter Drehmoment. Bei den Selbstzündern kommt der neue Zweiliter-Diesel in zwei Varianten (mit 120 oder 140 PS) inklusive Start-Stopp- Automatik zum Einsatz. Mit der 140-PS-Version avanciert der Insignia zum sparsamsten Auto seiner Klasse: nur 3,7 Liter Verbrauch pro 100 Kilometer. Zum Vergleich: Der VW Passat mit 140-PS-TDI steht 4,6 Liter in der Liste.

Und auch im unteren Leistungsbereich geht es munter weiter. Es folgen Dreizylinder-Benzindirekteinspritzerturbos mit einem bis zu 1,5 Liter Hubraum. Den ersten werden wir 2014 im neuen Corsa sehen. Und später vielleicht auch in einer Sparvariante des Astra. Ford hat es ja vorgemacht: mit dem 1,0-Liter EcoBoost-Benziner mit 100 oder 125 PS, der zu Recht Engine of the year wurde. Ein toller Motor. Die Opel-Techniker werden das genau registriert haben. Und so werden morgen die Kleinsten die Größten sein – und wir ürfen uns an der Tanksäule freuen.

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