Touran-Konkurrent Kia Carens : Schön – und gut?

Der neue Kia Carens sieht gut aus. Vor allem im Vergleich zum eher unansehnlichen Vorgänger. Doch bei ersten Ausfahrten leistet er sich einige Schwächen. So wird er es gegen den VW Touran schwer haben.

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Optischer Gewinn: Gegenüber dem Vorgänger hat der Kia Carens deutlich an Attraktivität gewonnen.
Optischer Gewinn: Gegenüber dem Vorgänger hat der Kia Carens deutlich an Attraktivität gewonnen.Foto: Hersteller

Wenn der neue Kia Carens Anfang Mai erscheint, ist das eine kleine Revolution. Denn er ist ein „Pampersbomber“, sieht aber gar nicht danach aus. Mit seinem nur 1,61 Meter hohen Scheitel unterbietet er den Marktführer VW Touran um sechs Zentimeter: Der neue Kia Carens ist der flachste Familienvan. Er sieht schnittig aus, fast wie eine XXL-Version des Ceed Sportwagon. Obwohl er sogar zwei Zentimeter kürzer als der pummelige Vorgänger geworden ist, bietet er dank des um fünf Zentimeter längeren Radstandes (nun 2,75 Meter) erstaunlich viel Platz.

Und dieser ist von den Kia-Entwicklern intelligent aufgeteilt worden. Wie in dieser Klasse üblich, lassen sich die drei Einzelsitze in Reihe zwei einzeln längsverschieben und zusammenklappen, aber nicht ausbauen. Vorbildlich: Die Beifahrerlehne in der ersten Reihe lässt sich bereits ab Basismodell umklappen. So können bis zu 2,70 Meter lange Gegenstände verstaut werden. Gegen 750 Euro Aufpreis kann der Kia Carens zum Siebensitzer aufgerüstet werden; für Erwachsene taugen die hinteren Plätze allerdings nur zur Fahrt bis zum Supermarkt.

Dicke Säulen versperren die Sicht

Im Innenraum haben die Koreaner die Einfachheit der Vergangenheit ausgeräumt. Stattdessen gibt es jetzt gute Materialien, tolle Armaturen und hochwertig wirkende Schalter. Diese Mischung passt. Als praktisch erweisen sich zudem die vielen Ablagen im Van, so unter anderem vor den Sitzen der zweiten Reihe im Boden. Da können die Kids Versteck spielen. Vorn sitzt man bequem sowie etwas höher – und ist dennoch irritiert. Die sportliche Form fordert ihren funktionalen Tribut. Beim Abbiegen nach links stören die schrägen dicken A-Säulen ebenso wie beim Blick nach rechts auf die Ampel. Das kann ein VW Touran besser.

Während die Mittelkonsole erfreulich aufgeräumt ist, wirkt das Lenkrad etwas überfrachtet.
Während die Mittelkonsole erfreulich aufgeräumt ist, wirkt das Lenkrad etwas überfrachtet.Foto: Hersteller

Beim Antrieb haben die Koreaner ebenfalls noch Luft nach oben. Gelingt es dem 1,6 Liter großen Benzindirekteinspritzer im kompakten Ceed noch, seine Arbeit anständig zu verrichten, so hat er im schwereren Van hörbar mehr zu schuften. Die 135-PS-Maschine müht sich sehr, die gut 1,6 Tonnen Leergewicht – nicht gerade wenig für eine Neukonstruktion – einigermaßen flott in Schwung zu bringen. Vor allem in bergigem Gelände ärgert man sich über sich das lang übersetzte neue Sechsgang-Schaltgetriebe, das als zusätzliches Bremselement fungiert. Oft muss sogar zwei Gänge runtergeschaltet werden, um den Vierzylinder nicht im Drehzahlkeller verenden zu lassen.

Großer Kleiner mit schwachem Herz
So klein und macht schon auf Sportwagen. Im vergangenen Jahr hat der Kia Rio ein Facelift bekommen, das den Wagen klar aus der Sparmobil-Ecke heraushebt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 20Foto: Markus Mechnich
18.12.2012 14:39So klein und macht schon auf Sportwagen. Im vergangenen Jahr hat der Kia Rio ein Facelift bekommen, das den Wagen klar aus der...

Getriebeabstufung als Hemmschuh

Wer mehr will, muss – diese Erkenntnis wächst mit dem neuen Selbstbewusstsein von Kia – gleich viel tiefer in die Tasche greifen. Der nur 30 PS stärkere Zweiliter-Benziner kostet 3000 Euro mehr als der Basismotor, weil es ihn erst ab der nächst höheren Ausstattungslinie Edition 7 gibt. Und so viel besser agiert auch der nicht. Er ist nur durstiger. Als derzeit beste Wahl erweist sich der neue 1,7 Liter große Diesel mit 136 PS sowie einem ansehnlichen Drehmoment von 331 Newtonmetern, für den Kia nochmals 1000 Euro mehr verlangt als für den großen Benziner. Doch selbst dieser Selbstzünder leidet etwas unter der für einen niedrigen Verbrauch gewählten langen Getriebeabstufung.

Baby-Bomber: Der VW Touran ist Vorbild und Gegner für den Kia Carens.
Baby-Bomber: Der VW Touran ist Vorbild und Gegner für den Kia Carens.Foto: Hersteller

Auch bei der Abstimmung der neuen elektrischen Servolenkung haben die Kia-Techniker kein gutes Händchen gehabt. Es gibt zwar – wie auch in den anderen neuen Modellen – drei Einstellungen. Aber keine davon kann recht überzeugen: zu indifferent, zu eckig. Da ist Kia noch weit entfernt von den Deutschen. Besser gelungen ist dieses Mal die Abstimmung des Fahrwerks, das sich auf die komfortable Seite geschlagen hat. Das passt zu den Antrieben und ist gut für eher geruhsames und entspanntes Reisen.

So offenbart der neue Carens zwei Gesichter: Über Land als angenehmer Familienreisewagen, in der Stadt als Van mit gewöhnungsbedürftiger Übersicht. Das Basismodell Attract weckt ebensolche, zwiespältigen Gefühle: Für 19 990 Euro – damit gut 3000 Euro günstiger als ein VW Touran oder ein Opel Zafira – ist es ordentlich ausgestattet. Doch beim genauen Blick in die Preisliste entdeckt man die Fußangeln: Wer mehr will, muss gleich die 1500 Euro teurere Version Edition7 wählen, denn nur bei der kann man entsprechende, sinnvolle Extras ordern.

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