Toyota Prius : Gut gemacht, aber…

Leise, sauber und sparsam: Der neue Prius hätte das Zeug zum Renner. Doch mit seinem Design steht er sich selbst im Wege.

Sven Jürisch
Toyota_Prius
Im vergangenen Jahr wurden 3500 Prius in Deutschland verkauft. -Foto: Toyota/ddp

Damals, der kratzende Rollkragenpulli, den Mutter uns für kalte Tagen anzog. Häßlich. Aber vernünftig und warm. Oder diese neuen Gesundheits-Sportschuhe gegen Wehwehchen an der Bandscheibe. Nicht stylish. Doch gut für den Rücken. Was sagt uns das? Vieles, was schlau und gesund ist, sieht leider uncool aus. Ähnlich verhält es sich mit dem Toyota Prius. Seit nunmehr zwölf Jahren versuchen die Japaner, das Hybridauto salonfähig zu machen. Zumindest hierzulande mit mäßigem Erfolg. Die erste Version wurde offiziell erst gar nicht nach Deutschland importiert. Der Nachfolger – ein streng nach der Kammschen Lehre entwickelter Kompakter mit Schrägheck – erreichte zwar unsere Fernstraßen, aber nicht unsere Herzen.

BRAV-BIEDER: DIE OPTIK

Mit der neuesten Ausgabe des Prius wird sich an diesem Dilemma vermutlich kaum etwas ändern. Dabei waren die Designer durchaus bemüht. Doch der niedrige cw-Wert von 0,25 erfordert offenbar mehr Zugeständnisse ans Design, als zu bewältigen ist. Kein netter Augenaufschlag, kein sympathischer Schwung, keine Emotion. Gewiss, Schönheit ist eine subjektive Angelegenheit. Aber trotz der erstmals lieferbaren 17-Zoll-Felgen finden wir objektiv keine Perspektive, aus der dieser Toyota wirklich Charme versprüht. Das gilt auch für den Innenraum. Auch hier trotzt Toyota den Zeichen der Zeit und verzichtet auf Farbe und Schick: Bei soviel grauem Hartplastik, gleichsam grauem Velourspolster und billig imitiertem Aluriffel-Kunststoff hält sich der Wohlfühlfaktor in Grenzen. Immerhin: Das serienmäßie Headup-Display sorgt für Luxus am fernen Horizont der Windschutzscheibe – und im Kombiinstrument tobt sich Captain Future aus.

KOMFORTABEL: DER HYBRID-ANTRIEB

Dabei wäre gerade die dritte Ausgabe des Prius geeignet gewesen, die Generation Golf in den Toyota Showroom zu locken. Noch nie war diese Zielgruppe empfänglicher für die Lehren von Nachhaltigkeit und Effizienz. Mit überarbeiteter Technik zeigt sich der nun auf 136 PS Gesamtleistung erstarkte Japaner fahrdynamischer denn je – ein guter Diesel macht dennoch mehr Spaß. Der Prius beschleunigt binnen 10,4 Sekunden auf Tempo 100 und schafft bei Bedarf gute 180 km/h in der Spitze. Das Fahrwerk ist sehr weich abgestimmt und eindeutig auf Komfort ausgelegt – das passt zum Wesen des alternativen Antriebs. Selbst Zweifler müssen anerkennen, dass zwischen dem Elektrobetrieb und dem automatischen Zuschalten des Vierzylinder-Benzinmotors kein Ruckler stört. Das trifft auch zu für die aus einem ausgeklügelten Planetenradsystem bestehende Kraftübertragung. Mit ihr wird der Einsatz eines Schalt- oder Automatikgetriebes überflüssig. Die Beschleunigung vollzieht sich komplett ohne Zugkraftunterbrechung und ähnelt der eines Elektroautos. Dabei bleibt dem Fahrer der hohe technische Aufwand vollständig verborgen. Denn bis auf einen Betriebsmodus-Schalter im Armaturenbrett wird die Hybridtechnik wie von Geisterhand gesteuert.

KOMPAKT: DIE NEBENAGGREGATE

Mit der gleichen Gründlichkeit widmeten sich die Ingenieure Toyotas den Nebenaggregaten. So kommt erstmals ein bedarfsgesteuerter elektrischer Klimakompressor zum Einsatz, der (ein Nebeneffekt!) den Innenraum kühlen kann, während der Fahrer noch im Café sitzt. Ein Druck auf die Fernbedienung genügt und der Innenraum wird vor Fahrtantritt deutlich abgekühlt. Ebenfalls elektrisch und damit wesentlich effizienter, ist neben der Servopumpe auch die Wasserpumpe ausgeführt. Zusätzlich hat Toyota viel Arbeit in die Optimierung der Hybridbauteile gesteckt, die nun ein reales Mehrgewicht von nur noch 70 Kilo erreichen. Die leistungsstarke Nickel-Metallhybrid-Batterie ist mittlerweile so kompakt, dass sie ihren Platz völlig unbemerkt hinter der asymmetrisch klappbaren Rückbank des immerhin 425 Liter großen Kofferraums findet. Und auch von der restlichen Technik sieht und hört man nichts, denn zum einen sind sämtliche Aggregate kompakt im Motorraum untergebracht. Zum anderen ist der Toyota derart leise, dass besorgte Verbraucherschützer bereits künstliche Lärmquellen am Wagen fordern, um Unfälle mit lautlos heranrollenden Autos á la Prius zu vermeiden.

SPITZE: VERBRAUCH UND CO2

Beim Verbrauch gibt es einen Fortschritt gegenüber dem Vorgänger von 0,4 Litern: 3,9 Liter Benzin schluckt der Neue laut Liste. Damit ist er der sparsamste Otto auf dem Markt – es sei denn, man bewegt ihn vornehmlich auf der Autobahn. Dann bringen die Rückgewinnung der Bremsenergie und das Ausgehen des Motors beim Ausrollen keine Vorteile gegenüber herkömmlichem Antrieb. Bei einer ersten Ausfahrt erreichten wir den Prospektwert naturgemäß nicht; auf der Landstraße und bei normaler Fahrt scheinen viereinhalb Liter aber realistisch. Ob das 24 950 Euro wert ist, muss jeder selbst kalkulieren: Ein Golf 1.6 TDI kostet (bei schlechterer Ausstattung) 4000 Euro weniger, verbraucht nominal aber einen halben Liter mehr. Dafür ist der Diesel zur Zeit deutlich günstiger. Zum Star wird der Prius beim Thema CO2. Mit 89 g/km emittiert er gerade mal ein Gramm mehr als der Smart Diesel. Zudem pustet er viel weniger Stickoxide in die Lande.

SO UND SO: DAS FAZIT

Was bleibt unterm Strich? Der Prius ist leise und sauber unterwegs. Und er ist nicht unerreichbar teuer. Trotzdem werden wohl nur wenige so charakterstark sein, sich mit dem Auto von morgen in die Welt von heute zu verirren. Der Prius ist einfach nicht schön genug. Trotz Klima- und Wirtschaftskrise entscheidet der Autofahrer vor allem nach optischen Gesichtspunkten. Da sind sich alle Studien einig – ob es einem gefällt oder nicht.


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