Toyotas neuer Land Cruiser : Der macht seinen Weg

Mit dem neuen Land Cruiser produziert Toyota ein Komfort-Wunder fürs Gelände – doch in der Preisliste lauern für den Kunden schwere Brocken.

Rainer Ruthe
Toyota
Felsenreiter. Auch wenn er hier eins mit der Welt da draußen ist: Der Land Cruiser vierter Generation setzt bei den Offroadern...Foto: promo

Diese Sandabfahrt schreckt Leute, die noch nie mit einem Geländewagen in richtig schwerem Gelände unterwegs waren. Der Land Cruiser kippt nach vorn, der Blick fällt in die Tiefe auf die 40-Grad-Neigung der Gefällestrecke: Das kann ja heiter werden. Wird es auch! Aber anders als befürchtet: Stoisch, als handele es sich um eine schnöde Garagenabfahrt, rollt der Toyota talwärts – mit konstant 1,8 Kilometer pro Stunde und begleitet vom dumpfen Knallen der Bremseingriffe.

Dabei muss der Fahrer weder Bremse noch Gas betätigen. Er hat lediglich zu lenken. Die Lösung für diesen Zauber heißt Crawl Control, stammt aus dem V8-Topmodell und wird erstmals im Land Cruiser eingesetzt. Die schlaue Elektronik bremst bergab und gibt bergauf Gas, hält so automatisch die vorgegebene Geschwindigkeit zwischen 1,8 und 5,4 Kilometer pro Stunde. Die verbesserte Traktionskontrolle verteilt die Kraft stets optimal auf alle vier Räder. So wird das Fahren selbst im schweren Gelände zur kinderleichten Übung. Stundenlang könnte es auf diese wundersame Weise über Stock und Stein gehen.

Und wenn mal nicht? Dann funktioniert Crawl Control auch rückwärts und führt die Fuhre wieder problemlos in sichere Gefilde zurück. Dumm nur, das Toyota den Schalter für diese Elektronik ganz unten in der Mittelkonsole versteckt hat. Aber vielleicht haben die Japaner nur Bammel gehabt, dass sich der Fahrer vor noch mehr Knöpfen rund ums Lenkrad erschreckt. Denn der neue Land Cruiser ist ein tonnenschweres Playmobil, ja ein fahrbarer Computer, der vor dem Spaß erst aufwendig programmiert sein will.

Über das Multi-Terrain-Select-System kann der Fahrer zwischen vier Geländearten wählen: Matsch und Sand, Schotter, Buckelpiste und Fels. Die Geländeuntersetzung und zwei zuschaltbare Sperren für das Verteilergetriebe und die Hinterachse werden über andere Schalter gesondert aktiviert, und separat darf der Fahrer sogar noch für alle Fälle den Multi-Terrain-Monitor zuschalten – ein System von vier Kameras (Front, Heck und in den Außenspiegeln), mit denen der große Wagen millimetergenau durchs Gelände gezirkelt werden kann. Dank langer Federwege lässt sich die Natur (aber nur dort, wo erlaubt!) so komfortabel abenteuermäßig erkunden wie in kaum einem anderen Geländewagen. Und das im Extrembereich. Denn auch der Neue hat die Offroadtugenden des alten geerbt: Er kippt nicht bis 42 Grad Seitenneigung, und er schafft Steigungen sowie Abfahrten bis hin zu abenteuerlichen 42 Grad. Da kann sich einem Ungeübtem schon mal die Magengrube umdrehen, wenn er gen Himmel fährt, ohne die Kuppe zu sehen und wenn er inständig hofft, die Sache möge nicht kippen.

Toyota hat in die vierte Generation seines Offroad-Urgesteins – ab sofort beim Händler – alles an elektronischen Helferlein hineingesteckt, was derzeit technisch machbar ist. Aber, und das ist leider die Kehrseite: Zum Wunderwühler wird der neue Land Cruiser erst dann, wenn der Kunde tief in die Tasche greift. All die feinen Dinge gibt es nicht für das 36 950 Euro teure Basismodell mit drei Türen. Da muss man zumindest zur Version Executive greifen, und die gibt’s nur als Fünftürer und mit Fünfstufenautomatik für mindestens 58 350 Euro. Da sind jedoch die 1550 Euro für das Gelände-Paket für all die netten „Gelände-Fahrerleichterungs-Systeme“ noch gar nicht drin. Wählt man dann außerdem die dritte Sitzreihe für schlappe 2250 Euro, steht unter dem Kaufvertrag gleich eine Summe von 62 150 Euro. Uff! Dafür allerdings gibt es den meistverkauften Geländewagen der Welt in bislang ungekannter luxuriöser Ausstattung. Eine eben, die dieser Preisregion angemessen ist: Der völlig überarbeitete Innenraum hat nichts mehr von dem eher rustikalen Charme früherer Generationen: Leder, Festplatten-Navi, DVD-Wechsler, JBL-Soundsystem mit 605 Watt, 14 Lautsprechern und 2000-Lieder-Musikarchiv sind beim Topmodell serienmäßig an Bord. Und da sich nun das Lenkrad endlich weit genug in der Tiefe und Höhe verstellen lässt, finden auch Kleinere eine optimale Arbeitsposition auf den großen und bequemen Ledersesseln. Apropos bequem: Die optionale dritte Reihe (mit ordentlichen Einzelsitzen) lässt sich auf Knopfdruck erstmals elektrisch in den Ladeboden versenken. Neu ist ebenfalls die separat zu öffnende Heckscheibe. Die Hecktür als Ganzes ist unverändert rechts angeschlagen, öffnet hierzulande also zur falschen Seite.

Apropos falsche Seite. Bislang war der Land Cruiser der überragende Geländebulle mit eher schwacher Performance auf der Straße. Enge Autobahnkurven wurden bei höherem Tempo angesichts heftiger Seitenneigung zur Mutprobe; bei Vollbremsungen stellte sich in dem fast 1,90 Meter hohen Auto das ungute Gefühl ein, die Fuhre habe vor, einen Handstand zu machen. Und die Arbeit am Lenkrad erinnerte eher an die Tätigkeit eines Kapitäns: rechtzeitig drehen und dann mal schauen ... Und nun? Es hat sich viel geändert. Aber so richtig gut funktioniert das alles nur beim neuen Topmodell Land Cruiser TEC-Edition. Das hat nämlich außer den verbesserten Radaufhängungen auch die variable Dämpferkontrolle mit Wankneigungsminderung sowie die elektronisch gesteuerte Luftfederung an der Hinterachse an Bord. Damit lässt sich das Dickschiff spürbar handlicher als früher bewegen, knickt in schnellen Kurven nicht mehr so über das vordere äußere Rad ein. Damit kommt der Kult-Offroader der famosen Handlichkeit eines Porsche Cayenne oder der Souveränität eines Mercedes GL ein ganzes Stück näher. Hinzu kommt beim Japaner aber eine exzellente Geräuschdämmung, welche die laute Welt außen vor lässt. Auch den Motorsound.

Beim Antrieb hat der solvente Kunde keine Wahl mehr: Es gibt nur noch den (überarbeiteten) Vierzylinder-Diesel mit drei Liter Hubraum und 173 PS. Der durstige Benziner wurde für Deutschland gestrichen. Der sparsame Selbstzünder (nur 8,1 Liter Diesel pro 100 Kilometer, aber derzeit nur Euro-4-Abgasnorm, wird erst 2010 auf Euro 5 umgestellt) müht sich redlich, die ungeheure Masse (Leergewicht 2045-2475 kg, Gesamtgewicht 2600-2990 kg!) in Schwung zu bringen. Das gelingt jedoch besser als erwartet, unterstützt vom exakt zu schaltenden Sechsganggetriebe oder der optionalen, sanft waltenden Fünfgangautomatik. Doch bis zur angegebenen Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h ist es zumeist ein weiter Weg. Da wünscht man sich in diesem Trumm doch einen stärkeren Motor, wie ihn andere im Programm haben. Dann würden die neuen Qualitäten des Land Cruiser auf der Straße noch besser zur Geltung kommen.

So reist man jetzt wie in einem Erster-Klasse-Wagen, der an einen Regionalzug angekoppelt worden ist. Nicht sehr schnell, aber entspannt.

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