Traumautos aus den USA : Eine amerikanische Versuchung

Was tun, wenn man sich im Urlaub in ein Auto aus den Staaten verliebt? Der Import ist machbar, aber nicht ohne Tücken.

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Franz Fleck mit seinem Pontiac Solstice (o.). Der „Title“, das amerikanischen Pendant zum deutschen Kfz-Brief (r. o.). Der Innenraum befindet sich noch in recht gutem Zustand (r. M.). Ungewöhnlich für einen US-Sportwagen: Der Pontiac kommt mit einem Zwei-Liter-Vierzylinder und 170 PS aus (r. u.).
Franz Fleck mit seinem Pontiac Solstice (o.). Der „Title“, das amerikanischen Pendant zum deutschen Kfz-Brief (r. o.). Der...

Wird man als Autofahrer vom entgegenkommenden Verkehr angeblinkt, bedeutet das meist nichts Gutes: Was habe ich falsch gemacht? Droht eine Radarfalle? Qualmen die Reifen? All das zuckt durchs Hirn. Als aber Franz Fleck in seinem feuerroten Pontiac Solstice kürzlich von einem BVG-Bus per Lichthupe gegrüßt wurde, hob sich seine Stimmung gleich um einige Prozentpunkte, zumal der Busfahrer ihm auch noch mit hochgerecktem Daumen seine Anerkennung zollte. „Cooler Wagen!“, so könnte man das Licht-Daumen-Signal wohl übersetzen.

Ähnliches passiert dem Vertriebsmanager für Mediensoftware seit einigen Wochen ständig. Selbst Porsche- und SL-Fahrer gucken respektvoll, Fußgänger bleiben mitten auf dem Zebrastreifen erstaunt stehen und lächeln kurz, bevor sie weitergehen, Leute aus der Nachbarschaft, die er zuvor kaum kannte, sprechen ihn auf sein neues Auto an – kurz: Der Ami-Schlitten erweist sich als wahrer Blickfang und Sozialkatalysator.

Kein Wunder, denn auf deutschen Straßen ist ein Pontiac Solstice („Sonnenwende“) ein rarer Exot, vielleicht noch am ehesten den „Transformer“-Fans vertraut: In dem Animationsfilm von 2007 war ein Solstice namens Jazz der kleinste unter den automobilen Verwandlungskünstlern. Hierzulande also ein Nobody, erwies sich der ab 2005 gebaute Wagen in den USA aber als überraschend erfolgreich. Vor der Insolvenz konnte er General Motors freilich nicht retten und wurde 2009 samt der ganzen Marke aufgegeben.

Die Sympathiebekundungen im Straßenverkehr können Franz Fleck umso zufriedener stimmen, als der Weg, bis er mit seinem Cabrio zum ersten Mal über bundesdeutschen Asphalt rollen durfte, recht holperig war. Schon weil sein Traumauto hierzulande kaum zu haben ist, musste er sich zu jener besonderen Autofahrerspezies gesellen, der es nicht allein genügt, einen Wagen „Made in USA“ zu besitzen. Nein, er muss auch dort bereits gefahren und gekauft worden sein. „Für manche Kunde ist es pure Emotion, dass ihr Auto zuvor auf den Straßen von New York rollte“, weiß der 46-jährige Christian Apitz, Inhaber der in Mariendorf ansässigen Firma Berlin Motors. Gemeinsam mit dem zwei Jahre jüngeren Robert Fügert, Chef einer gleichnamigen, rechtlich getrennten, doch eng kooperierenden Firma in Fort Lauderdale, Florida, hat er sich auf den Import vornehmlich von Autos aus den USA nach Deutschland spezialisiert. Auch Franz Fleck konnte er durch die Klippen dieses speziellen Warenverkehrs leiten.

Dessen Leidenschaft für die „Sonnenwende“ begann im Frühjahr 2013 während eines Florida-Urlaubs. Autoaffin war er schon immer, und es dauert eine Weile, bis er alle Modelle, die er schon mal besaß, aufgezählt hat. Unerfüllt blieb jedoch bislang der Traum von einem dieser legendären US-Sportwagen, Corvette, Ford Mustang, etwas in der Richtung. Doch dann stand Fleck plötzlich vor einem Pontiac Solstice, und es war um ihn geschehen. Nun gut, mit 170 PS nicht gerade ein Muscle Car, ohne den dort üblichen, tief röhrenden Motorklang, den er so schätzt, aber diese elegante Form, das typisch amerikanische, mit fast europäischer Eleganz veredelte Design!

Zurück in Berlin, begab er sich auf die Suche nach solch einem Traumauto. Fehlanzeige, jedenfalls hierzulande. In den USA aber, via Internet, wurde er fündig, auf der Seite von Affordable Motors of Brooklyn, einem auf Unfallwagen spezialisierten Händler. Auch der 2006 gebaute Pontiac hat in seinem kurzen Dasein offenbar schon einiges mitgemacht, zwar, soweit erkennbar, keinen Unfall, aber mit bloßem Vandalismus ließen sich seine Beulen und Schrammen nicht erklären. Fleck tippt eher auf Hurrikan Sandy, der im Oktober 2012 auch über den Ort Sandy Hook in New Jersey hinweggefegt war. Dort wohnte der Vorbesitzer.

Für umgerechnet knapp 6000 Euro, inklusive Schiffstransport, wurde Fleck mit dem New Yorker Verkäufer handelseinig, und Mitte Mai kam der Pontiac wie bestellt in Bremerhaven an. Christian Apitz von Berlin Motors versetzte ihn bei der ersten Begegnung gleich mit einer Frage in Schrecken: Wie es denn um den „Title“ bestellt sei? Der US-„Title“ entspricht dem deutschen Kfz-Brief, allerdings werden dort eventuelle Finanzierungen, Schulden des Besitzers also, eingetragen. Sei das der Fall, werde der Zoll den Wagen nicht freigeben, wurde Fleck gewarnt. Doch zum Glück erwies sich der Solstice als schuldenfrei.

Schon das Einraumbüro von Berlin Motors in Mariendorf zeigt, mit was es die Firma zu tun hat: Karten der USA und Deutschlands hängen an der Wand, „Stars and Stripes“-Fähnchen und Fotos amerikanischer Großstädte dekorieren den Rest des Raumes. 1989 hatte Robert Fügert mit dem Autoimport begonnen, damals, noch ohne Internet und nur über Zeitungsannoncen, war schon das Auffinden der Wagen in den USA ein mühsames Geschäft, vom ständigen Hin- und Herfliegen ganz zu schweigen. Vor 17 Jahren wanderte er aus, und seit 1998 gibt es Berlin Motors in der aktuellen Form in Florida mit dem Gegenpart in Berlin. Zwischen 500 und 600 Fahrzeuge werden sie im laufenden Jahr voraussichtlich verschiffen. Zu 70 Prozent sind es Oldtimer, mit steigender Tendenz, doch nicht alle Käufer wollen mit solch einem Auto nur herumfahren: „Oldtimer sind zur Wertanlage geworden“, berichtet Apitz.

Die beiden Händler bieten auf Wunsch einen Komplettservice: Sie suchen das gewünschte Auto, haben dank guter Vernetzung nach eigenen Angaben täglich Zugriff auf 50 000 Fahrzeuge, beauftragen Gutachter, wickeln Kauf oder Ersteigerung ab, die Verschiffung im Spezialcontainer nach Bremerhaven oder Rotterdam, Zollabfertigung, Umrüstung und Zulassung, zu „vorab klaren Endpreisen“. Rund sechs Wochen dauert das in der Regel, vom Kauf bis zu Übergabe an den neuen Besitzer. Und sollte später mal etwas kaputtgehen, wissen sie ebenfalls Rat: Seit 2013 arbeitet Berlin Motors mit dem Oldtimer-Spezialisten Desert Valley Auto Parts in Phoenix, Arizona, zusammen, der seine Schätze korrosionssicher mitten in der Wüste hortet.

Das Technische überlassen er und Fügert aber Spezialisten und raten auch Käufern, ihren US-Import nicht irgendeiner Werkstatt anzuvertrauen. „Es sollte schon eine sein, die regelmäßig mit amerikanischen Autos zu tun hat“, mahnt Apitz. Sie selbst arbeiten mit drei Werkstätten in Berlin zusammen, darunter der A. A. S. American Auto Service in der Niederschönhausener Siegfriedstraße. Dorthin wurde auch Franz Flecks Pontiac überführt, nachdem Berlin Motors den Wagen in Bremerhaven übernommen und durch den Zoll gebracht hatte.

Ein kleiner Schock war es schon, als der stolze Besitzer seinen Solstice erstmals zu Gesicht bekam. Nach den Schilderungen des New Yorker Händlers hatte er ein paar Beulen und Kratzer weniger erwartet. „Aber das verdirbt mir nicht den Spaß“, versicherte Fleck tapfer, zumal die Werkstatt ihm nach gründlicher Inspektion bescheinigte: Alles halb so schlimm, technischer Zustand in Ordnung.

Aber zwei neue Stoßdämpfer, zu beziehen in den USA, und eine neue Batterie mussten es dann doch sein, neben den notwendigen Umrüstungen, der Wagen war schließlich nicht für den deutschen Markt und die Feinheiten der StVZO, der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung, produziert worden. Rund 13 500 Euro hat der Spaß alles in allem bislang gekostet. Die Lackschäden kommen später dran.

Nun stand dem Fahrvergnügen nichts mehr im Wege, dem genießerischen Dahinrollen, für sich und vor Publikum. Zu viel Bequemlichkeit sollte man auch nicht erwarten, auf die hat man bei der Konstruktion des Solstice nicht so geachtet. „Von Fahrkomfort kann man nicht sprechen“, gibt selbst Franz Fleck trotz aller Begeisterung zu. „Es rappelt und quietscht, so dass man permanent die Ölkanne rausholen möchte.“ Auch gebe es bei Bodenwellen ständig Schläge von der Hinterachse in den Rücken. „Man denkt, jetzt muss ich mal die Holzbalken festbinden, die ich transportiere. Oder liegt es daran, dass gleich das ganze Auto in seine Einzelteile zerfällt?“

Nun, das hat es bislang nicht getan, bewältigte die ersten längeren Vollgas-Touren über die Autobahn ohne Probleme, auch die Herausforderungen bei einer lustvollen Kurverei durchs Allgäu hat die „Sonnenwende“ mit Bravour bestanden. Und wenn dann auch noch Busfahrer grüßen und Passanten bewundernd stehenbleiben und das Schmuckstück fotografieren – wen kümmert da eine allzu harte Federung?

Wer für rare Ami-Schlitten schwärmt und sich nicht mit dem Standardsortiment vom Chrysler-, Chevrolet- oder Dodge-Händler um die Ecke zufriedengibt, ist auf Spezialisten angewiesen. Hier eine kleine Auswahl.

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