Triumph Scrambler : Wie einst mit Steve McQueen

Scrambler – das war der Sportlook der Sechziger. Triumph hat sich wieder daran erinnert.

Thilo Kozik

Hat hier jemand Retro gesagt? Fast wie eine Neuauflage der TR 6 aus den 1960er Jahren, mit Chromteilen und klassischer Silhouette äußerst authentisch gehalten, steht die aktuelle Triumph Scrambler vor uns. Der flache Sitz, der schmale Rundscheinwerfer und natürlich die beiden hochgezogenen Schalldämpfer samt markanten Hitzeschutzschildern könnten aus der Hinckley-Mottenkiste stammen – kurz poliert und dann angebaut. Ein breiter Lenker und die gerade Sitzbank betten den Fahrer so bequem wie anno dazumal, und schon beim Aufsitzen stellt sich Retrofeeling ein.

Über die Lenkstange genießt der Pilot beste Fahrzeugkontrolle, das stabile Fahrwerk sorgt für einen Vertrauen erweckenden Auftritt auf Landstraße wie Autobahn. Überallhin wird sie ihre Besatzung aber nicht transportieren wollen, da täuscht der robuste Eindruck ein wenig. Auf den typischen Speichenrädern in den Dimensionen 19 x 2.50 vorn und 17 x 3.50 hinten sind moderate Stollenpneus in 100/90-19 vorn, beziehungsweise 130/80-17 hinten, aufgezogen, mit denen alles andere als eine Schotterstraße zum echten Abenteuer wird.

Aber ob allein oder zu zweit, die Scrambler kommt auf schlechten wie guten Strecken gleichermaßen gut zurecht. In den Federelementen – eine Telegabel mit 41 Millimeter Standrohrdurchmesser vorn und zwei verchromte, in der Federbasis verstellbare Federbeine hinten – bleibt eine Menge Untergrund-Unbill hängen. Doch die Dämpfung von Gabel wie Federbeinen fällt ziemlich lasch aus. Ein Parforceritt über gewundene Hinterlandstraßen, die nicht den besten Asphalt aufweisen, macht aus dem Klassiker ein Rührstück.

Wie ihre Vorbilder, so vertraut die Britin auf einen waschechten Paralleltwin. Doch so originalgetreu die 50er-Jahre- Optik, so modern geht's im Innern zu: Im Gegensatz zu den Ahnen gibt sich der 865 Kubikzentimeter große Zweizylinder völlig domestiziert, von Plomben zerrüttelnden Vibrationen ist der Twin dank zweier Ausgleichswellen völlig geheilt. Dabei stellt das sanftmütige Aggregat ein fein abrufbares Potenzial mit viel Drehmoment im unteren und mittleren Drehzahlbereich bereit. Wie bei einem Vergaser-Triebling lässt sich der Motor weich und ohne Ruck ans Gas nehmen. Die elektronische Kraftstoffeinspritzung sogt dafür, dass der Paralleltwin die Grenzwerte der Euro-3-Abgasnorm einhält. Der Einspritzmotor produziert weniger Abgase als die Vergaserversion, läuft sanfter und springt bei Kaltstart leichter an. Sein klassisches Styling bleibt von dieser technischen Neuerung völlig unberührt – die Einspritzdüsen werden von Drosselklappenkörpern im Vergaserlook geschickt kaschiert. Und der Chokeknopf ist kein Fake, mit ihm lässt sich tatsächlich die Leerlaufdrehzahl im Warmfahrmodus anheben. Im Teillastbetrieb outet lediglich ein leichtes Konstantfahrruckeln den Einspritzmotor.

Zum Abbau überschüssigen Vortriebs kommen moderate Doppelkolbenzangen zum Einsatz, die vorn eine 310-mm-Scheibe sehr defensiv, hinten eine mit 255 Millimeter Durchmesser schon vehementer in die Mangel nehmen. Das reicht aus angesichts der Spitzenleistung von 58 PS bei 6800 U/min und eines maximalen Drehmoments von 69 Newtonmeter, mit dem die Scrambler natürlich keine Bäume ausreißt.

Das braucht sie aber auch nicht, denn sie definiert sich nicht über pure Fahrdynamik. Sie wendet sich mit ihrem klassischen Auftritt an Individualisten, denen das Motorradfahren in erster Linie Genuss verschafft. Diesen optimiert eine ganze Zubehörpalette, die BMW-like den Preis für das Modell gehörig nach oben treiben kann. Angefangen vom Motorschutz über das Scheinwerfergitter, Startnummerntafeln für die Seiten und eine Lenkerstrebe gibt es zahlreiche Optionen. Fast ein Muss ist jedoch die Flyscreenverkleidung, die dem Fahrer selbst bei Höchsttempo auf der Autobahn einen erstaunlichen Windschutz gewährt. Etwas funzelig und bei Sonnenschein kaum auszumachen sind die Kontrollleuchten, weitere Kritik erntet die schöne Krümmerführung auf der rechten Fahrzeugseite: Nicht nur im Sommer wird die Beininnenseite ziemlich warm.

Die unverwechselbare Optik und ihr eigenständiger Stil sind herausragende Merkmale der knapp 9000 Euro teuren Britin, doch noch wichtiger ist ihre Fähigkeit, einfach das alltägliche Einerlei hinter sich zu lassen: Schon beim Losfahren versetzt sie die Besatzung mit ihrem beruhigenden, entspannenden Gesamtauftritt zurück in die fünfziger und sechziger Jahre, in Zeiten also, in denen Stress noch ein englisches Fremdwort war und sich Weltstars wie Steve McQueen zwischendurch das Vergnügen gönnten, auf ihrem eigenen Motorrad einfach ein bisschen Spaß zu haben.

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