Umweltplakette : Weniger Feinstaub - auch ohne Umweltzone

Bald produzieren Raucher so viel Feinstaub wie Automotoren. Im Abrieb von Reifen und Bremsen steckt mehr Feinstaub als im Auspuff. Kaum zu glauben? Das alles steht in einer neuen Studie des Umweltbundesamtes.

Ingo von Dahlern,Kai Kolwitz

Nur noch zweimal schlafen, dann ist sie da. Die Umweltzone soll zunächst in Berlin, Hannover und Köln dafür sorgen, dass nur noch Autos die Innenstadt befahren können, die Mindeststandards in Sachen Abgasverhalten erfüllen. Doch ausgerechnet das Umweltbundesamt hat jetzt eine Studie veröffentlicht, die Kritiker wieder nach der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen fragen lässt.

„Emissionen und Maßnahmenanalyse Feinstaub 2000–2020“ nennt sich das Papier. In diesem analysiert und prognostiziert das Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung im Auftrag des Amts die Feinstaubbelastung in Deutschland – und kommt dabei zu erfreulichen Ergebnissen: Haben die Emissionen aus dem Auspuff im Jahr 2000 noch gut 29 Kilotonnen und damit 13 Prozent der gesamten Feinstaubpartikel betragen, die in Deutschland in die Luft emittiert werden, so war dieser Wert bereits 2005 auf 21,4 Kilotonnen und 10,6 Prozent gesunken. 2010, so die Fortschreibung des Szenarios, werden die Autoabgase noch 11,7 Kilotonnen und damit gerade einmal 6,9 Prozent aller Feinstaubemissionen ausmachen. Und bis 2020 werden aus dem Auspuff der Autos nur noch 5,1 Kilotonnen und damit 3,3 Prozent der Gesamtemissionen stammen.

Das Kuriose an dieser Hochrechnung: Die Einrichtung von Umweltzonen haben die Macher der Studie in ihr Szenario nicht eingerechnet – sind also davon ausgegangen, dass jeder weiterfahren darf, wie und womit er will. Selbstreinigungskräfte gibt es trotzdem, sagt Hans-Joachim Hummel, der die Studie als Leiter des Fachgebiets Grundsatzfragen Luftreinhaltung des Umweltbundesamts betreut hat: „Alte Fahrzeuge mit ihren schlechten Emissionswerten werden kontinuierlich durch neue ersetzt, das ist ganz normal“, erklärt er die Ergebnisse der Studie. „Und moderne Autos sind wesentlich schadstoffärmer als noch vor fünf oder zehn Jahren. Wenn man lange genug warten dürfte oder könnte, dann würde es auch ohne Umweltzone gehen.“ Ohnehin wäre – rein juristisch – genug Zeit. Denn die EU wird erst 2011 Sanktionen gegen Städte verhängen, die die Feinstaubvorgaben nicht umsetzen.

Dennoch: Hummel will seine Studie nicht als Argument gegen die Zonen verstanden wissen. Zum einen beschleunigten die Aussperrungen für Altfahrzeuge den Austausch von alten gegen neue Autos, zum anderen milderten sie die Belastungsspitzen, die über dem Grundlevel dafür sorgen, dass Grenzwerte überschritten werden. „Man kann sich das grafisch vorstellen wie ein umgedrehtes Euter.“ Mit 15 bis 20 Tagen weniger pro Jahr rechnet der Fachmann, an denen es Überschreitungen gebe. Vollständig greifen werden die Effekte erst ab 2010, wenn nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette in die Innenstadt dürfen – und sich die durch Abgas bedingten Feinstaubwerte bereits auch ohne Zone gedrittelt hätten.

Allerdings ist Feinstaub, auch wenn er im Zusammenhang mit den Umweltzonen als Hauptbegründung dient, nicht der einzige Schadstoff, dessen Konzentration verringert werden soll: Ab 2010 gelten neue EU-Grenzwerte für die Stickoxide in der Luft. Diesem Aspekt aber widmet sich das Bundesumweltamt in seiner Studie nicht. Doch auch hier hat die Fahrzeugtechnik von Euronorm zu Euronorm in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht. Anzunehmen ist deshalb, dass sich durch den normalen Austausch von älteren durch neuere Fahrzeugen auch in diesem Fall Verbesserungen ergeben werden. Aber zurück zum Feinstaub – hier bietet die Studie Überraschendes: Schon 2010 machen, so die Prognose, Grillen mit 1,35 Kilotonnen, Feuerwerk mit 2,87 Kilotonnen und Zigarettenrauch mit 6,16 Kilotonnen Feinstaub insgesamt fast gleichviel aus wie die gesamten Emissionen aus dem Auspuff. 2020 werden die drei Faktoren sogar gut das Doppelte aller Abgase aus Pkw-Auspüffen zum Feinstaubaufkommen beitragen.

„Irgendwo muss man ja anfangen“, kommentiert Hummel diese Zahlen. Unstrittig ist allerdings, dass sich im Verfahren zur Umweltzone einige Passagen finden, die sich für Unternehmen zur existenziellen Bedrohung auswachsen können – und zwar nicht nur die, die mit Altfahrzeugen unterwegs sind: So wurden noch bis ins Jahr 2006 hinein neue Reisebusse ausgeliefert, die nur die gelbe Plakette erhalten und damit ab 2010 laut Regeln nicht mehr in die Innenstädte dürfen – lange bevor die bis zu 500 000 Euro teuren Fahrzeuge abbezahlt und abgeschrieben sind. Zwar gibt es für solche Fälle Ausnahmegenehmigungen. Doch sind die Zonen Sache der einzelnen Kommunen. Das heißt: Die Ausnahmen müssen für Berlin, Köln, München, Stuttgart und jede weitere Stadt einzeln beantragt und bezahlt werden. Die Gebühren für die auf 18 Monate befristeten Genehmigungen liegen zwischen 500 und 1000 Euro pro Stadt und Fahrzeug – für Reisebusunternehmen, die naturgemäß meist nicht nur in einer Stadt unterwegs sind, eine immense Belastung und gerade für kleinere Firmen akut existenzbedrohend. Wie die Kommunen mit Taxis umgehen werden, die die Werte nicht erfüllen, lässt sich noch nicht absehen.

Dazu kommt, dass die Studie des Umweltbundesamts noch einen weiteren Wert ausweist, der Straßenverkehr und Feinstaub verbindet. Denn Autos, Lkw und Busse produzieren die winzigen Partikel nicht nur durch die Verbrennung von Kraftstoff – Feinstaub entsteht auch durch das Bremsen und den Abrieb der Reifen. Mit steigender Tendenz: Schon im Jahr 2005 lagen die Belastungen durch den Abrieb mit 19,6 Kilotonnen fast gleichauf mit denen aus dem Auspuff. Bis 2020, so die Berechnungen des Umweltbundesamts, werden sie auf 22,37 Kilotonnen steigen – mehr als das Vierfache des Feinstaubs im Abgas. Doch Bremsen und Reifen finden sich auch an neuen Fahrzeugen. Wer hier den Hebel ansetzen will, muss dafür sorgen, dass insgesamt weniger Fahrzeuge weniger Kilometer auf den Straßen zurücklegen – alte Fahrzeuge auszusperren, die dann durch neue mit gleicher Fahrleistung ersetzt werden, wird an diesem Teil des Problems nichts ändern.

Hintergrund: Feinstaub

Etwas Positives vorab: Nicht jeder Feinstaub ist schlecht. „Wenn Sie zum Beispiel an der Küste reines Seesalz einatmen, das von der Partikelgröße her die Definition erfüllt, dann ist das sogar gesund“, erklärt Hans-Joachim-Hummel, Leiter des Fachgebiets Grundsatzfragen Luftreinhaltung beim Umweltbundesamt. Das Problem ist allerdings, dass die Staubpartikel vom Wind über große Distanzen transportiert werden – und dass sich während der Reise auch auf an sich unschädlichen Teilchen Schadstoffe wie Kohlenwasserstoffe oder Schwermetalle ablagern. Für diese Gifte bilden die maximal ein Hundertstel eines Millimeters kleinen Teilchen damit das perfekte Vehikel, um in den menschlichen Körper zu gelangen. Generell gilt, dass für die Definition des Feinstaubs nur die Größe der Teilchen entscheidend ist und nicht, aus welchem Stoff sie bestehen – der Begriff umfasst also genauso Dieselruß, das per se schon schädlich ist, wie harmlose Stoffe, die nur als Transportmedium für anderes dienen. Angst vor dem Spaziergang am staubigen Acker oder dem Kick auf dem trockenen Bolzplatz im Sommer muss man aber trotzdem nicht haben: Die Partikel, die dort durch die Luft stauben, sind in aller Regel so groß, dass sie die Definition nicht mehr erfüllen.kko

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