Auto : Und jetzt tief Luft holen

Nach neun Jahren muss das Golf Cabriolet noch mal ran, um für VW Frischluft-Fans zurückzugewinnen

Frank Wald

VW fleddert weiter ungeniert seine Modellhistorie und reanimiert einen Klassiker nach dem anderen. Nach New Beetle, Scirocco, Golf GTI und Bulli „Microbus“ rollt am 17. Juni das schon eingemottete Golf Cabriolet erneuert zum Händler. Und das „Erdbeerkörbchen“ hat seinen Henkel verloren, soll heißen, der 4,25 Meter lange offene Viersitzer kommt diesmal ohne den fest stehenden Überrollbügel.

Die Frage ist natürlich erlaubt: Warum auch noch ein Golf Cabrio, wo die Niedersachsen doch mit New Beetle Cabrio und Eos bereits zwei kompakte Open-Air-Karossen im Programm führen? Antwort: Beide verkaufen sich nicht wirklich. Gerade der Eos, das mit großem Aufwand entwickelte Klappdach-Cabrio mit dreigeteilter Blechhaube, steht 2010 mit gerade noch 5298 Zulassungen in der KBA-Liste. Nun muss der einstmalige Bestseller, der von 1979 bis 2002 mit 680 000 Exemplaren sogar dem Käfer Cabrio den Titel des meistverkauften Cabrio der Wolfsburger ablief, noch mal ran und die Frischluft-Fahrer wieder zu VW zurück bringen.

Und wie die Vorgänger fährt auch der neue Golf Cabrio wieder mit klassischem Stoffverdeck vor. Allerdings hat die aufwendig konzipierte Konstruktion nichts mehr mit jener Stoffmütze von einst gemein, die sich bei schneller Fahrt gerne mal wie ein Ballon aufblähte. Das serienmäßige, elektrohydraulische Softtop ist dick und dicht, schützt vor Wind und Wetter, kommt ohne Verdeckkastendeckel aus und lässt damit die Insassen deutlich schneller ins Freie als alle anderen viersitzigen Cabrios auf dem Markt. Per Knopfdruck in der Mittelkonsole faltet sich die schwarze Kappe in weniger als zehn Sekunden fast bündig aufs Heck. Der umgekehrte Weg dauert zwei Sekunden länger. Das reicht für jeden Ampelstopp und Wolkenbruch, zumal das Ganze auch noch bis Tempo 30 funktioniert. Die Klimaanlage schaltet sich automatisch ab und zu, die heizbare Heckscheibe sorgt für ausreichende Sicht nach hinten. „Das macht das Golf Cabrio zu einem Ganzjahresfahrzeug“, sagt VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg.

Allerdings raubt das Verdeck 100 Liter Kofferraum, und die verbleibenden 250 Liter sind, egal ob offen oder geschlossen, durch die kleine Klappe nur umständlich zu beladen. Immerhin können die Rücksitzlehnen, auch per Einhandzug vom Heck aus, hälftig geklappt werden. So gehen nach der Sunshine-Tour zu zweit auch noch die Mitbringsel vom regionalen Winzer oder Bauernhofladen mit. Womit im Übrigen auch die Fondsitze besser genutzt sind als für erwachsene Mitreisende, die sich ohnehin schnell über mangelnde Beinfreiheit beklagen würden.

Der Wolfsburger Entwicklungschef hat aber „alles, was ich über Cabrios weiß, in das Auto einfließen lassen“. Dazu gehörte unter anderem auch, dass es heute keinen fest stehenden Überrollbügel mehr braucht, um die Insassen bei einem Überschlag zu schützen. Wie in New Beetle und Eos schießen jetzt im Notfall zwei Überschlagmodule in Zehntelsekundenschnelle hinter den Fondkopfstützen hervor. Doch der stilprägende Henkel, mit dem das Golf Cabriolet zum „Erbeerkörbchen“ wurde, gab der Karosserie auch Steifigkeit und Stabilität. „Das ist im Prinzip wie bei einem Schuhkarton“, erklärt Ulrich Hackenberg. „Wenn der Deckel drauf sitzt, lässt sich der Karton schwieriger verdrehen als ohne.“

Mit im Wortsinn unerschütterlicher Ruhe und Gelassenheit bügelt der offene Golf damit über unebenen Belag und Verwerfungen und glänzt mit stabilem Geradeauslauf und Spurtreue. Wenn auch zulasten eines recht hart gestimmten Fahrwerks, wie an Querfugen und Abwasserdeckeln deutlich zu spüren ist.

Optik, Technik und Motoren übernimmt das Cabrio von der Limousine. Die sechs Turbo-Direkteinspritzer, vier Benziner und zwei Diesel, mit einem Leistungsspektrum von 105 PS (77 kW) bis 210 PS (155 kW) sind Bekannte aus dem Konzernregal. Zum Start am 17. Juni stehen der 1,2-Liter TSI-Benziner mit 105 PS (77 kW), wahlweise mit der Spritspartechnologie Blue Motion (400 Euro extra), sowie der 1,4-Liter TSI mit 160 PS (118 kW) und 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe im Autohaus. Dazu kommt der Basis-Diesel 1.6 TDI, der mit 105 PS (77 kW) starkem Triebwerk ganz flott beschleunigt und auch bei geöffnetem Verdeck laufruhig und leise bleibt. Tankstellenpächter hingegen werden ihn gar nicht mögen, verbraucht er als Blue-Motion-Ausführung mit Stop-Start-System, Rekuperation, Schaltempfehlung und Aerodynamik-Schliff im Normschnitt doch gerade mal 4,4 Liter (oder 117 g/km CO2) auf 100 Kilometer. Was ausnahmsweise mal gar nicht so weit weg ist von der Realität. Bei unserer Ausfahrt auf schnellen Autobahnetappen und bummeligem Stop-and-Go auf südfranzösischen Küstenstraßen zeigte der Bordcomputer am Ende 4,9 Liter. Im Herbst folgen der 1,4 Liter TSI mit 122 PS (90 kW), die Topversion 2.0 TSI mit 210 PS (155 kW) sowie der 2.0 TDI mit 140 PS (103 kW). Bis auf die jeweiligen Basisversionen sind alle Motoren auch mit DSG zu bekommen.

Die Preise sind leider weniger legendär und nicht ganz so „klassenlos“ wie VW in seinen Presse(v)erklärungen behauptet, wo von „Demokratisierung des Cabriolets“, das „nicht die Welt kostet“, zu lesen ist. Na ja, vielleicht als er Anfang der 80er Jahre noch für knapp 18 000 Mark zu haben war. Wer heute mindestens 23 625 Euro für den Einstieg mit 1,2-Liter TSI-Benziner auf den Tisch legt, lässt dagegen sehr wohl „Rückschlüsse auf das Bankkonto“ zu. Nicht nur kostet das Cabrio so rund fünftausend Euro mehr als die geschlossene Version mit entsprechendem Motor. Anders als diese ist der Frischluft-Golf stets nur in einer Grundausführung zu haben, unter anderem mit Klimaanlage, Einstiegshilfe, ESP, Tagfahrlicht sowie dem elektrischen Verdeck. Dazu können dann diverse Optionspakete („Style“, „Komfort“, „Performance“, „Winter“) geordert werden. Was die Preise in Kombination mit stärkeren Motoren und teils notwendigen Zusatzausstattungen wie Parkpilot (540 Euro), Windschott (315 Euro), CD-Radio (655 Euro) oder Metallic-Lackierungen (500 Euro) schnell an und über die 30 000er-Marke treibt.

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