Auto : Unter Hochspannung

Hybridfahrzeuge haben viel unter der Haube. Aber worauf fahren Kunden wirklich ab? Ein Testbericht

Tong-Jin Smith
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„Segeln“ fahren. Bevor ein Hybridauto lautlos durch die Landschaft gleitet, sehen sich Fahrer mit grundsätzlichen Fragen...

In Zeiten erhöhter Spritpreise und eines vermehrten Umweltbewusstseins schärft sich der Blick für alternativ angetriebene Fahrzeuge. Neben den japanischen Herstellern Honda, Toyota und Lexus – dessen Vollhybrid-Modell RX 450h jetzt auch in Berlin zu haben ist – wagt sich nun auch Mercedes auf den Hybridmarkt. Mit dem neuen S 400 Hybrid präsentieren die Stuttgarter eine Luxuslimousine, in der erstmals Lithium-Ionen-Batterien zum Einsatz kommen. Sie sollen effizienter und vor allem leichter sein als die von den Japanern verwendeten Nickel-Metallhydrid-Batterien, was sich positiv auf die Umweltbilanz auswirken soll. Dennoch prägt bisher vor allem der Prius von Toyota das Bild des Hybridautos: stromlinienförmig, kompakt und sparsam. Mit dem Insight der zweiten Generation bekommt er seit April allerdings harte Konkurrenz von Honda.

Vergleicht man den Prius mit dem Insight, stellt man schnell fest, dass zwar beide Hybridautos sind, aber zwei völlig verschiedene Philosophien vertreten. Während Toyota auf einen sogenannten Voll-Hybrid setzt, arbeitet Honda mit einem Mild-Hybrid. Mit anderen Worten: Der Toyota fährt mit zwei fast gleichwertigen Motoren, einem 78 PS Benzinmotor und einem 68 PS Elektromotor. Der Honda nutzt hingegen den nur 14 PS starken Elektromotor als Benzinsparhilfe für den 88 PS Benzinmotor. Beiden Autos ist gemeinsam, dass sie beim Verzögern einen Teil der Bremsenergie in elektrische Energie umwandeln und entsprechend in ihren Nickel-Metallhydrid-Batterien speichern. Diese Energie steht dann beim Beschleunigen zur Verfügung und entlastet den Verbrennungsmotor – und vermindert damit den CO2-Ausstoß. Mit der sogenannten Start-Stopp-Automatik, dem automatischen Abschalten des Motors beim Anhalten, etwa an der roten Ampel, kann zusätzlich Energie eingespart werden. Naheliegend, dass sich Hybridautos daher vor allem im Stadtverkehr bewähren. Häufig wechselndes Tempo und längere Stopp-Phasen sind das passende Revier für diese umweltfreundlichen Autos. Bei längeren Strecken auf Landstraßen oder Autobahnen egalisiert sich der Vorteil der Hybridtechnologie gegenüber konventionell angetriebenen Fahrzeugen. Gemeinsam ist den beiden Japanern auch, dass sie jeweils nur in einer Motorvariante erhältlich sind und grundsätzlich nur mit stufenloser Vollautomatik fahren.

Den großen Unterschied merkt man schon beim Anlassen des Motors und beim Anfahren. Während der Honda Insight ganz normal mit dem Benzinmotor startet – wenn auch unterstützt vom E-Motor –, startet der Toyota Prius lautlos. Erst wenn man beschleunigt, schaltet sich automatisch der Benziner dazu. Das ist für den Hybridfahranfänger sicherlich ungewohnt. Doch entgegen allen Befürchtungen rollt der Prius sanft los und fährt sich wie jedes andere Auto. Während beim Voll-Hybrid von Toyota Benzin- und Elektromotor mit einem Planetengetriebe variabel verbunden sind und je nach Ladestand der Batterie der E-Motor zur Unterstützung des Benziners zugeschaltet wird – der Prius sogar über kurze Strecken komplett ohne Benziner auskommt – hat Honda den E-Motor fest mit der Kurbelwelle verbunden. Somit unterstützt der E-Motor den Benziner während der gesamten Fahrt, auch beim Starten. Daher auch das gewohnte Startgeräusch. „Beim Insight wird zuerst auf Komfort und Sicherheit geachtet“, so Thomas Gieche vom Mobil-Center. Wenn also die Klimaanlage angeschaltet ist oder der Defroster für die Frontscheibe, dann läuft der Benziner – ob des höheren Energiebedarfs – trotz Start- Stopp-Automatik. Ist aber der Energiebedarf niedrig, schaltet er sich ab. Man kann dann sogar über kurze Strecken unter 50 km/h komplett nur mit Elektromotor fahren, sofern keine Steigungen anstehen. „Segeln“ nennen eingefleischte Hybridfahrer dieses lautlose Dahingleiten. In der Umweltbilanz schneidet der Honda dabei etwas besser ab als der Toyota. Laut Herstellerangaben verbraucht der Prius zwar nur 4,3 Liter Benzin auf 100 Kilometer und der Honda 4,4 bis 4,6 – je nach Ausstattung. Aber mit einem realen Durchschnittsverbrauch von rund 6 Litern pro 100 Kilometern liegt der Insight gut einen halben Liter unter dem Realverbrauch des Prius – wie auch ein renommiertes Automagazin kürzlich bestätigte. Und das obwohl – oder gerade weil – der Honda ein Mild-Hybrid ist. Auch in puncto CO2-Ausstoß steht der Honda minimal besser da: 101 g/km in der Basisversion gegenüber 104 g/km beim Prius. Sowohl vom Fahrgefühl als auch vom Komfort geben sich die beiden Kompakt-Hybride nicht viel. Auf Kopfsteinpflaster neigen beide Wagen dazu, die kleinen Schläge direkt weiterzugeben. Dennoch sind sowohl der Prius als auch der Insight den üblichen städtischen Lastwechseln gewachsen. Auch der Innenraum passt. Beide Autos bieten vier Erwachsenen bequem Platz. Abstriche müssen auch bei der Übersichtlichkeit gemacht werden. Sowohl im Prius als auch im Insight behindern dicke A- und C-Säulen die Sicht und vor allem im Prius hat man als Fahrer den Eindruck, etwas zu hoch zu sitzen.

Während der Prius in der Basisversion mit 25 550 Euro zu Buche schlägt, unterbietet der neue Insight das um rund 6000 Euro. Schon ist vom „Volkshybrid“ die Rede, aber letztendlich, so Thomas Gieche, sprechen beide Hersteller eine breite Käufergruppe an. „Es sind nicht nur umweltbewusste Familien, sondern eben auch Technikfreaks und Sparfüchse aller Alterskategorien, die sich für Hybridautos interessieren.“

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