Unterwegs mit dem BMW X6 : Das etwas andere Dreiliter-Auto

Dieser Wagen polarisiert: Schnell, breit, auffällig. Man kann ihn toll finden - oder voll daneben. Unser Autor erlebte bei seinem Test ein Auto, das sich manchmal selbst im Wege steht.

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Kind of the Road. Dank serienmäßigem Allradantrieb ist der X6 im Winter gut zu fahren. Doch die Technik erhöht Gewicht und Verbrauch.
Kind of the Road. Dank serienmäßigem Allradantrieb ist der X6 im Winter gut zu fahren. Doch die Technik erhöht Gewicht und...Foto: Peter Schätzl

Für Viagra-Großpackungen obskurer Herkunft gibt es doch gar keinen Markt, habe ich früher beim Leeren des Spamfilters gedacht. Als ich dann zum ersten Mal einen BMW X6 sah, war ich mir nicht mehr so sicher: Für die einen ein Geländewagen, für die anderen die dickste Potenzpille der Welt. Dem Äußeren nach hielt ich ihn für das Transportmittel Neuköllner Rotlichtunternehmer, amerikanischer Waffenlobbyisten und russischer Oligarchen. Dass das Modell in den USA und in Russland gebaut wird, sprach für diese Annahme. Ansonsten kam er in meiner von Fahrrad, Kleinwagen und BVG am Laufen gehaltenen Welt nicht vor. Bis ich das Angebot bekam, ihn zu testen. Ich habe ihn drei Tage lang geliehen und ihm drei Nächte lang einen Garagenplatz überlassen, weil er draußen am Straßenrand zu rufen schien: Zünd! Mich! An! Außerdem hätte am nächsten Morgen die Müllabfuhr nur mit Mühe an ihm vorbei gepasst.
Die Eroberung des Garagenplatzes gelang dank der optionalen drei Rückfahrkameras „mit Top View“. Zusätzlich zu den Parkpiepsern in beiden Stoßstangen, wohlgemerkt. Die sahen schon beim Anblick der vielen Betonsäulen rot. Ohne „Top View“, die Live-Schaltung vom Heck zum Armaturenbrett, gibt es nach hinten fast gar kein View.

Wir schliefen also eine Nacht darüber, und als ich am nächsten Morgen in die Garage komme, guckt der BMW zwar ein bisschen grimmig aus seinem Pferch, aber längst nicht so ordinär böse wie mancher Audi. In der Hoffnung, dass über Nacht keine Waschbärenfamilie in die Auspuffrohre eingezogen ist, drücke ich den Startknopf. Fürs Protokoll: Es ist das Modell 40d, das ab etwa 69.000 Euro in der Liste steht und im konkreten Fall – LED-Scheinwerfer, Superduperledersitze, Klimaautomatik für alle vier Plätze und allerlei später noch zu erwähnender Heinzelmännchen – eher 80.000 kostet. Ein Dreiliter-Auto, vom Hubraum her. Die 306 PS sollen für 236 km/h Spitze reichen und sich in Kombination mit dem serienmäßigen Allradantrieb eignen, die Freiheit Deutschlands auch am Hindukusch zu verteidigen.

Das Auto ist mit 4,88 Meter so lang wie eine Mercedes E-Klasse, mit 1,69 Meter etwas höher als ein VW Touran und mit 1,98 Meter Breite (zuzüglich Außenspiegel) so breit wie ein Straßenkreuzer. Laut Prospekt soll er mit 7,5 Liter Diesel auf 100 Kilometer auskommen, was 198 Gramm CO2 pro Kilometer bedeutet und dank 2185 Kilogramm Leergewicht die gar nicht mal schlechte Effizienzklasse C, denn Masse gilt nach der Norm als mildernder Umstand. Im Fahrzeugschein steht außerdem: „Bei Bereifung größer 20 Zoll zusätzliche Radabdeckung erforderlich.“ Wahrscheinlich, damit sich im Fall eines seitlichen Crashs kein Kleinwagen in den Speichen der Felge verfängt. Ein Kleinwagen wie der, den ich an den übrigen 362 Tagen des Jahres fahre.

Schmaler Grat zwischen Sicherheitsgewinn und Raserei

Breitensportler. Parkhäuser und Tiefgaragen sind teilweise nur mit den optionalen Kameras zu erobern. Sonst fehlt schlicht der Überblick.
Breitensportler. Parkhäuser und Tiefgaragen sind teilweise nur mit den optionalen Kameras zu erobern. Sonst fehlt schlicht der...Foto: Stefan Jacobs

Mit ziemlichem Getöse rollen wir auf die Piste. Mächtig gewaltig grollt der Motor, eifrig schaltet die Achtgangautomatik, um beim beherzten Druck aufs Gaspedal mehr Dampf abzuholen oder bei sanfter Fahrt die Drehzahl zu senken. Das Auto ist nie laut, aber immer akustisch präsent. Und überraschend übersichtlich sowohl beim Abbiegen über Radwege als auch nach vorn und hinten, solange es nicht ans Rangieren geht. Die Höhe erleichtert vorausschauendes Fahren, solange kein gleich hoher Artgenosse vor mir fährt. Auch mein Lieblingsextra steht bald fest: Das 1390 Euro teure Head-Up-Display, das mein Tempo und Anweisungen des Navis (3180 Euro) über den Armaturen in die Frontscheibe spiegelt. Dort sind die Infos einerseits stets im Blick und andererseits nie im Weg – brillant. Dank kamerabasierter Verkehrszeichenerkennung (320 Euro) erfahre ich dort auch das aktuelle Tempolimit, das zumindest in 95 Prozent der Fälle stimmt. Die restlichen fünf Prozent sind Schilder mit Zusatzzeichen wie Zeitangaben sowie die auch fürs menschliche Auge nur bedingt lesbaren Lamellenschilder auf der Berliner Stadtautobahn.

Überholverbote werden leider nicht angezeigt, obwohl das angesichts der Leistung Sinn hätte: Der starke Motor lädt zu spontanen Sprints ein – und führt auf einen schmalen Grat zwischen Sicherheitsgewinn und Verlockung zur Raserei. Zumal auch Straßenschäden dem hochbeinigen Auto mit seinen Riesenrädern weitgehend egal sind.

Ecke über der Hecke. Der Kofferraumdeckel würde sich als Picknicktisch eignen - wenn er nur nicht so hoch wäre.
Ecke über der Hecke. Der Kofferraumdeckel würde sich als Picknicktisch eignen - wenn er nur nicht so hoch wäre.Foto: Stefan Jacobs

Nachdem ich mich selbst an den X6 gewöhnt habe, besuche ich ein paar Verwandte und Bekannte. Im Sommer wären sicher auch Milieustudien in radlerdominierten Innenstadtkiezen reizvoll gewesen, aber jetzt ist das Wetter nicht danach. Ich hatte vorher nur erwähnt, dass es ein BMW ist. Als sie ihn dann sehen, ist es jedes Mal, als hätte ich von einem Haustier gesprochen und wäre dann mit einem Tyrannosaurus aufgetaucht. Die Reaktionen reichen von „Ach du Scheiße“ über „Wow!“ und „Schon schick“ bis zur Ansage, es handele sich „um den hässlichsten BMW aller Zeiten“. Für die Nase gibt es sogar mehrfach Lob, dem ich mich mit besonderem Verweis auf die als Tagfahrlicht glimmenden Scheinwerferränder anschließen würde. Die gefühlte Problemzone beginnt stets auf Höhe der hinteren Türen, von wo die Dachkante abfällt, um sich im weiteren Verlauf mit der aufsteigenden Gürtelline zu einem Heckschrank zu vereinigen, der bis auf Brusthöhe reicht. Das Ende des Kofferraumdeckels ist selbst als Stehtisch ungeeignet, weil zu hoch. Ein Picknick wird deshalb nach drinnen verlegt, wo es dank reichlich Leder zwar gediegen zugeht, aber im konkreten Fall – alles schwarz vom Dachhimmel über die Sonnenblenden bis zu den Polstern – auch so düster wie in einem 80er-Jahre-Wohnzimmer mit einem Baum vor dem Fenster.

Der Normverbrauch ist nur im Vakuum zu schaffen

Aber für Stilfragen hat man ohnehin keinen Blick, wenn man mit Tempo 190 relativ entspannt über die Autobahn fegt und sich dann wundert, wenn man mal bremsen muss. Wahrscheinlich merkt man es auch beim Tanken, aber dafür ist man ja Oligarch. Unter dem Drehzahlmesser sitzt ein Analoginstrument für den Momentanverbrauch, dessen Nadel schon bei mäßigem Gasgeben sofort am 20-Liter-Ende klebt. Weiter kann sie nicht. Eine Schmach für mich als einen, der sonst selbst die angeblich unrealistischen Normverbräuche kleinerer Autos reproduzieren kann und am liebsten ein Hybridauto führe, mit dem ich lautlos davonschleichen könnte. Den Rest der Wahrheit liefert der Bordcomputer: Nach 500 insgesamt defensiv gefahrenen Kilometern steht er bei knapp zehn Litern im Schnitt. Acht waren es bei sehr ruhiger Landstraßenfahrt, zwölf in der Stadt, dreizehn bei Tempo 170. Ein kleiner Schluck davon mag Winterluxus wie Sitz- und Lenkradheizung geschuldet sein, aber die von BMW behaupteten 7,5 Liter Diesel dürften nur im Vakuum zu schaffen sein. Zwar sind selbst die realen Werte im Verhältnis zu den Fahrleistungen und der Größe des Autos akzeptabel. Aber ein Auto, das so viel schluckt, ist es eben nicht mehr. Die Benzinversionen des X6 kommen wohl ohnehin nur für Führungskräfte der Mineralölwirtschaft infrage.

Eingebauter Zweitwagen. Der Kofferraum liegt derart hoch, dass sich schwere Gegenstände nur sehr mühsam einladen lassen. Außerdem wird dabei auch die Kleidung schmutzig.
Eingebauter Zweitwagen. Der Kofferraum liegt derart hoch, dass sich schwere Gegenstände nur sehr mühsam einladen lassen. Außerdem...Foto: Stefan Jacobs

Spätestens jetzt wird mir klar, dass ich das Auto gern wieder zurückgebe, bevor der Tank leer ist: Obwohl insgesamt hochklassig und in Details brillant, kämpft es mit seinen konstruktionsbedingten Nachteilen. Wäre die Karosserie nicht so unübersichtlich, könnte man sich die insgesamt fünf Kameras (zwei schauen seitlich aus der vorderen Stoßstange, was an Grundstücksausfahrten hilft ist) sparen, zumal eigentlich sechs nötig wären: Ein Kind, das vor dem Kühlergrill steht oder radelt, ist schlicht nicht zu sehen und damit in Lebensgefahr. Der riesige Motor würde einen Kleinwagen auseinanderreißen, aber in dem 2,2-Tonner möchte man kaum mit weniger auskommen müssen. Das Gewicht bedeutet außerdem besondere Verantwortung, weil die meisten anderen Autos nur halb so schwer sind und ein Unfall für deren Passagiere entsprechend verheerend wäre. Im Verhältnis zu den Außenmaßen ist auch das Platzangebot nicht riesig. Und wenn der X6 dreckig ist, ist es nach dem Aussteigen bzw. Herunterklettern garantiert auch die Hose. Dasselbe gilt fürs Beladen des Kofferraums, in den sich beispielsweise ein schwerer Kinderwagen nur mit einem angedeuteten Kopfsprung oder Verbeugung über die hintere Stoßstange werfen lässt. Und Kleinkram direkt hinter der Rückbank ist für kleine Leute kaum mehr erreichbar.

Tolle Zutaten - fragwürdig gemixt

So bleibt nach drei Tagen das Fazit, das BMW tolle Autos bauen kann, aber in diesem Fall nicht will: Nähme man die Zutaten des X6, specke ihn ab und mache daraus einen großen, edlen Familienvan mit Platz für sechs Menschen und reichlich Gepäck oder drei Fahrräder, wäre er ein Traumauto.

Für meine Tochter ist er das auch so. „Der Papa fährt schnell!“, rief sie entzückt, als ich das Gaspedal durchtrat und einen Raketenstart simulierte. Und dann immer wieder: „Noch mal schnell fahren!“ Sie hat in ihrem Sitz nicht mitbekommen, wie ich mich mit dem Einladen ihres Kinderwagens geplagt habe. Nach der Ankunft verließ sie den X6 nur unter Protest. Mir wird ein wenig bang beim Gedanken daran, was für ein Typ sie eines Tages zum Rendezvous abholen mag.

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