Urbane Mobilität der Zukunft : Der Raum, das kritische Gut von morgen

Der Raum in Großstädten wird immer knapper. Das Auto steht dabei im Zentrum der Kritik. Doch ohne Auto ist Mobilität in urbanen Räumen ebenso kaum denkbar. Der Berliner Entwurf für den Audi Urban Future Award zeigt, wie ein Zusammenspiel verschiedener Verkehrsträger aussehen könnte.

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Ein Berliner Straßenzug ohne Autos. Die Frage, wie der Raum in der Stadt künftig sinnvoll aufgeteilt werden kann, steht im Zentrum künftiger Mobilität.
Ein Berliner Straßenzug ohne Autos. Die Frage, wie der Raum in der Stadt künftig sinnvoll aufgeteilt werden kann, steht im Zentrum...Foto: promo

Links und rechts stehen aufgereiht Autos am Straßenrand. Zwei, drei Fahrzeuge parken in zweiter Reihe, Radfahrer schlängeln sich zwischen den Falschparkern und der Blechkolonne auf der Straße hindurch. Eine Mutter mit Kinderwagen quetscht sich durch parkende Autos auf den Fußgängerüberweg. Eine typische Szene auf Berliner Straßen.

Auf den Straßen der Großstädte dieser Welt tobt ein Kampf um Raum. Im Zentrum der Kritik steht dabei vor allem das Auto. Das verwundert kaum, denn in unseren Städte haben Automobile fast immer Vorrang. Im dichter werdenden Großstadt-Dschungel drängen aber neue Verkehrsteilnehmer auf die Straßen. Öffentliche Verkehrswege werden gebaut, Radfahrer beanspruchen ebenfalls ihren Platz im Verkehr. Die Konkurrenz und damit der Druck auf der Straße steigt.

Mobilitätskette ohne Wartezeiten

Eine knifflige Aufgabe für Stadtplaner, denn das Auto wird sich aus dem urbanen Raum kaum verdrängen lassen. Dafür haben zu viele Menschen ihre persönliche Mobilität mit dem Auto verknüpft, andere fahren aus Bequemlichkeit oder einfach aus Spaß. Wie aber kann künftig Mobilität in einer Stadt wie Berlin funktionieren? Wie lässt sich Lebensqualität und Mobilität zukunftsträchtig miteinander vereinen? Im Rahmen des Audi Urban Future Award haben sich vier Teams aus unterschiedlichen Städten Gedanken zum Verkehrssystem der Zukunft gemacht.

Im Innern des Fly-Wheels: Die Bewohner der auf dem Gelände des Flughafen Tegels geplanten Urban Tech Republic sollen über eine eigene Trasse angebunden.
Im Innern des Fly-Wheels: Die Bewohner der auf dem Gelände des Flughafen Tegels geplanten Urban Tech Republic sollen über eine...Foto: promo

Für Berlin hat ein Dreier-Team mit ganz unterschiedlichen Hintergründen eine Vision dazu entwickelt. Architekt Max Schwitalla, der Neurobiologe Arndt Pechstein und Transit Manager Paul Friedli haben ein ineinandergreifendes Transportsystem ohne Wartezeiten entwickelt. Besonders Paul Friedli aber, der ansonsten für den Aufzughersteller Schindler Transportsysteme für Wolkenkratzer entwickelt, kamen wichtige Impulse. "Das Wichtigste ist: Lass nie einen Passagier in ein Transportmittel, ohne sein Ziel zu kennen", sagt Friedli. "Der Verkehr heute ist ein sich selbst organisierendes Chaos." Das Konzept dieses interdisziplinären Teams ist visionär und bodenständig zugleich. Rückgrat der Idee ist der öffentliche Nahverkehr oder autonom fahrende Autos. Lange Strecken werden mit der Bahn oder im Auto zurückgelegt. Hat das Auto das Ziel erreicht, dann entlässt es die Passagiere auf die sogenannte letzte Meile und sucht sich einen Parkplatz. Ähnlich schlau wie Lucky Lukes Pferd Jolly Jumper.

Beispiel Stoffwechsel im menschlichen Körper

An dieser Stelle kommt ein neuartiges Gefährt namens "Fly-Wheel" ins Spiel. Diese runden, einsitzigen Fahrzeuge holen Passagiere beispielsweise an der Bahn ab und bringen sie direkt zum Zielort. Und zwar über spezielle Trassen oder durch die Schächte der U-Bahn. Neurobiologe Pechstein konnte dabei seine Kenntnisse vom Stoffwechsel des menschlichen Körpers einfließen lassen. Stau lässt sich vermeiden, wenn sich die bewegten Elemente aneinanderkoppeln. Das machen zum Beispiel Nährstoffe, die verpackt in winzige Bläschen durch unseren Körper reisen. Im menschlichen Körper haben Staus fatale Folgen.

Mit dem Auto-Pilot nach Tegel: Als Anbindung des dann ehemaligen Flughafengeländes soll eine alte S-Bahn-Trasse von Siemens aus den zwanziger Jahren reaktiviert werden.
Mit dem Auto-Pilot nach Tegel: Als Anbindung des dann ehemaligen Flughafengeländes soll eine alte S-Bahn-Trasse von Siemens aus...Foto: promo

Wichtig für eine Transportkette ohne Wartezeiten ist es, das Ziel der Verkehrsteilnehmer zu kennen. Das ist wiederum Paul Friedlis Metier. Zielrufsteuerung nennt sich das bei Aufzügen. Der Passagier gibt an, wohin er möchte, und das System weist ihm den richtigen Aufzug zu, in dem nur andere Gäste mit ähnlichem Ziel mitfahren. So hält der Aufzug nur an wenigen Stockwerken, was Zeit und Energie spart. Im Berliner Konzept würden sich Fly-Wheels mit gemeinsamer Route verbinden. In der Zielregion angekommen entkoppeln sich die Transportmittel wieder und fahren weiter bis zur Endstation.

So visionär das klingen mag, das Team hat in Berlin bereits ein konkretes Projekt ins Auge gefasst. Die auf dem Gelände des Flughafen Tegel geplante Urban Tech Republic soll über eine alte, derzeit nicht benutzte Bahntrasse von Siemens aus den 20er Jahren angebunden werden. Anknüpfung an das bestehende U- und S-Bahn-Netz wäre der Bahnhof Jungfernheide. Hier könnten die Fly-Wheels ihre Passagiere zu dem geplanten Technologiepark bringen. Für das Jahr 2017 könnte sich das Team die Realisierung eines solchen Testprojekts vorstellen. Neben der Frage der generellen Realisierbarkeit, und ob es dann solche Fly-Wheels geben wird, ist dabei noch ein ganz anderer Punkt offen: Möglicherweise findet sich in Tegel immer noch ein Flughafenstatt eines Technologiezentrums. Aber das ist eine andere Geschichte. Interessant und verlockend ist die Idee allemal.

Das Gespräch mit Audi-Chef Rupert Stadler zum Audi Urban Future Award und den Zukunftsplänen des Autobauers können Sie hier nachlesen.

Datensammler, Geschäftsleute und Technologie-Fans: Die anderen Teams des Audi Urban Future Awards

Zum dritten Mal wurde in diesem Jahr der Audi Urban Future Award veranstaltet. Das Projekt begann 2010 recht abstrakt mit einem Wettbewerb von Architekten, die eine Vision zur urbanen Mobilität im Jahr 2030 entwickeln sollten. Damals gewann der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. Vor zwei Jahren wurde der Preis auf fünf Städte konkretisiert. 2012 war ein Entwurf von Höweler+Yoon aus der Region Boston-Washington siegreich. Sie entwarfen eine multimodale Autobahn mit Verkehrs-Hubs zwischen den beiden Metropolen im Osten der USA.

Alle bisherigen Gewinner des Audi Urban Future Award: Links der Berliner Architekt Jürgen Mayer H., dann Meejin Yoon und Eric Höweler von Höweler+Yoon. Und schließlich die Gewinner des diesjährigen Wettbewerbs, das Team Mexiko mit Jose Castillo, Gabriella Gomez-Mont und Carlos Gershenson.
Alle bisherigen Gewinner des Audi Urban Future Award: Links der Berliner Architekt Jürgen Mayer H., dann Meejin Yoon und Eric...Foto: promo

In diesem Jahr sind insgesamt vier Teams angetreten. Siegreich war das Team aus Mexiko City, das am Montag in Berlin beim Finale den mit 100 000 Euro dotierten Preis entgegennehmen durfte. Bei dem Projekt ging es um eine Datensammlung, bei der Verkehrsteilnehmer über eine neue App ihre Bewegungsdaten zur Verfügung stellen, damit Staus umgehen können und gleichzeitig Stadtplanern helfen Engpässe zu beseitigen. So soll ein Betriebssystem für urbane Mobilität entstehen, dass in Echtzeit über Schwachstellen informiert und zeitnahe Lösungen ermöglicht.

Das Team aus Boston hat sich mit seinem Entwurf auf den prosperierenden Vorort Somerville konzentriert. Dort sollen durch einen "Multi-Modal-Mobility Marketplace" intelligente Mobilitätslösungen und neue Geschäftsmodelle entwickelt werden. Die komplexe Software "Urban Dashboard" simuliert den Einsatz von Zukunftstechnologien und deren Auswirkung auf die Stadtstruktur.

Einen ganz anderen Ansatz wählte das Team aus der koreanischen Hauptstadt Seoul. Dort soll das Auto eine Schnittstelle zu Stadt werden. Auf digitalen Projektionsflächen soll von außen an Automobilen erkennbar werden, wer sich im Verkehr vorbildlich und umweltbewusst verhält. Aus dem Statussymbol wird so ein gesellschaftliches Leitmedium.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
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