US-Markt : Smart: Alle haben mal klein angefangen

Nächste Woche bekommen die ersten Amerikaner ihren Smart - und besonders in Kalifornien sieht es aus, als könne der Fortwo groß rauskommen.

Eric Metzler
Smart
Really, a Mercedes? Der Smart interessiert die US-Amerikaner. -Foto: promo

Alle beide waren unterwegs in das große Land, in dem es die meisten Psychiater der Welt gab. Wir sagen immer „die meisten Psychiater der Welt“, aber ebensogut könnten wir sagen, die meisten Swimmingpools der Welt, die meisten Nobelpreisträger, die meisten strategischen Bomber, die meisten Computer, die meisten Naturparks, die meisten Bibliotheken, die meisten Serienmörder, die meisten Zeitungen, die meisten Waschbären und die meisten Exemplare von noch einer Menge anderer Sachen, denn es war einfach das Meist-Land, und das seit langer Zeit. (aus „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“)

Weil Hector ein schlauer Mann ist, wird Smart die Expedition nach Amerika nicht reuen. Wo die meisten Swimmingpools sind, sind die meisten Selbstdarsteller und wo die sind, fahren die meisten Karren in der Größe von Monstern. Klischees sind eben unschlagbar, wenn sie stimmen: Nirgendwo sonst auf der Welt stehen Spritverbrauch und Alltagsnutzen in einem so krassen Missverhältnis. Nirgendwo sonst aber auch schlagen steigende Ölpreise so ins Kontor. Das ist nur ein Grund, warum die Japaner ihre ersten Werke in Amerika bauen und Ford und Dodge und Chrysler längst nicht die letzten schließen. Der andere: Mit XXL ist man nicht mehr der Größte, man geht unter in der Masse. Am schnellsten haben das die Stars in Hollywood kapiert: Wer ohne Prius zum Roten Teppich rollt, ist von Gestern. Mitlächeln ist da erlaubt, abtun sollte man den Trend nicht – spätestens mit dem Nobelpreis für Al Gore wird aus der Umwelt-Bewegung in den Staaten eine „mission possible“.

Viele feixen frech, als Smart 2006 damit herausrückt, die Neue Welt erobern zu wollen: Wie soll man den in der Wüste Arizonas finden, wenn er liegen bleibt? Mercedes bleibt kalm und wird seinerseits frech – mit einer Tournee zum Anfassen, die für Aufruhr sorgt wie einst die Landung ET’s. Sattelschlepper fahren den Smart, das unbekannte Wesen, durchs Land, einer rollenden Ausstellung gleich, unübersehbar, von Küste zu Küste, wochenlang. In mehr als 50 Städten macht der Tross Station und überall bilden sich Pulks um die Dutzende Smarts. Nehmen wir Las Vegas: Bei 40 Grad Hitze stehen sich Hunderte die Füsse platt, um mit dem Zweisitzer Proberunden durch das abgesperrte Parkhaus der Fashion Show Mall zu drehen – und die meisten stellen sich gleich noch einmal in die Schlange. Doch Vorsicht – wieder lauert ein Klischee. Typisch, die Amerikaner, oberflächlich, leicht zu begeistern; das sagt noch gar nichts. Oder doch? In L.A. und in den Straßen von San Franzisco ist der Smart mehr als ein Hingucker für den Moment. Die Leute staunen. Messen ab. Legen Hand an – und fragen und fragen und fragen: What car is it? Really, a Mercedes? What’s the mileage? How much is ist?

Die Begeisterung riesig, das Interesse echt – könnte also was werden mit dem Kleinen. Erste Zahlen sprechen dafür: Mehr als 30 000 Amerikaner haben eine Anzahlung von 99 Dollar ins Körbchen gelegt, ohne je eine Meile mit dem Auto gefahren zu sein. Derzeit werden aus den Reservierungen Lieferverträge erfragt, die Umwandlungsquote geht gegen 80 Prozent. Mit so einem Erfolg – ohne jede Werbung in Print und TV – hat niemand gerechnet, nicht die Skeptiker außen und nicht die Optimisten im Hause. Es gibt schlechtere Nachrichten als die, man habe die deutschen Produktionskapazitäten für den amerikanischen Markt wohl zu knapp kalkuliert.

Auch in der Heimat scheint es, als habe Smart nach Jahren verlustreicher Schmach endlich, endlich Rückenwind. Der Absatz aller Typen in Deutschland siecht. Smart aber verzeichnet Plus und das nicht zu knapp. Allein die Verkäufe im letzten November lagen 68,5 Prozent über denen des Vorjahres. Eine Marke, die verrät, was Klimadebatte und Ölpreis hierzulande bewirken und auswärts noch bewirken könnten. Aber es liegt nicht allein am gesellschaftlichen Rahmen: Vorstandschef Zetsche tat wohl daran, Roadster und Viersitzer aus dem Markt zu kegeln und sich ganz auf den Fortwo und das Cabrio zu konzentrieren. Von beiden gibt es seit Sommer die zweite Generation; noch immer nicht Jedermanns Sache, aber unbestritten sparsam und „viel erwachsener“, wie Kritiker unisono schreiben.

Am schwersten tut sich in einem Smart, wer das erste Mal damit fährt. Aber – und dies für alle, die drüben unbesehen bestellt haben und nach Auslieferung Gewissensbisse bekommen – das Unwohle, das Ungeübte schwindet mit jeder Stunde Fahrzeit. Wie von selbst; ohne Zutun stellt man sich auf die Halbautomatik ein, lupft instinktiv den Fuß auf dem Gaspedal, bevor man spürt, der nächste Schaltvorgang und die gefürchtete Schaltpause nahen. Spätestens nach einer halben Stunde freut man sich über die wirklich guten Sitze, nach einer weiteren über die 20 Zentimeter mehr Länge gegenüber dem Vorgänger: Jetzt passt auch der Kasten Budweiser rein.

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