Verkehr : Reizüberflutung als Unfallursache

Zwei Drittel aller Crashs mit Personenschaden passieren im Stadtverkehr. Auch deshalb, weil Verkehrsplaner die menschliche Psyche vernachlässigen.

Heiko Haupt (dpa)

Schwere Unfälle geschehen auf Autobahnen oder Landstraßen. Da geht es schnell voran und damit ist auch das Risiko hoch – so denken viele Autofahrer. Tatsächlich findet sich einer der ganz großen Unfallschwerpunkte dort, wo nicht mit Kraft aufs Gaspedal getreten wird:   Etwa 67 Prozent der Unfälle mit Personenschaden geschehen auf Straßen innerhalb von Ortschaften, beziffert der Deutsche Verkehrssicherheitsrat. Etwa 27 Prozent der Verkehrstoten sterben innerorts.    

Eine Begründung für die hohen Zahlen ist so naheliegend, dass sie meist vergessen wird: Auf dem vorhandenen Straßenraum in den Städten treffen sich alle Verkehrsteilnehmer gleichzeitig. Während es ein Autofahrer auf Fernstraßen nur mit anderen Fahrzeugen und dem Folgen der Spur zu tun hat, muss er in der Stadt auf Fußgänger achten, bekommt es mit Mofas, Fahrrädern und deutlich mehr Querverkehr zu tun. „In Städten haben es die Verkehrsteilnehmer mit einer ungleich höheren Ballung an Informationen zu tun, die es zu verarbeiten gilt“, erläutert Bastian Roet, Verkehrssoziologe des Automobilclubs von Deutschland (AvD). Ob Reklametafel, Straßenkreuzung, Radfahrer auf dem Radweg oder die ballspielende Gruppe Kinder auf dem Gehweg – alles wird zunächst einmal wahrgenommen. Das Gehirn hat die Fülle der Eindrücke erst einmal zu verarbeiten – und dann auch noch zu entscheiden, was wichtig ist und von wo Gefahr droht.

   Das allerdings ist nur eines von mehreren grundlegenden Problemen, die den Stadtverkehr zur gefährlichen Angelegenheit machen – vor allem für jene Menschen, die sich nicht in einem Auto bewegen. „Unser Verkehrssystem ist optimiert für die Effektivität des Straßenverkehrs“, sagt Herbert Gstalter vom Institut für Angewandte Psychologie „mensch-verkehr-umwelt“ (mvu) . Der Fußgänger werde dabei eher als ein „bewegliches Hindernis“ eingestuft. Das wiederum hat Handlungen zur Folge, die unfallträchtig sind. So werden Fußgänger laut Herbert Gstalter im Stadtverkehr vor allem „kanalisiert“: Sie laufen auf ihren Fußwegen, die Überquerung von Straßen wird ihnen an Punkten erlaubt, wo es auch für den bevorzugten Autoverkehr noch halbwegs erträglich ist. Weil der Mensch – in diesem Fall der Fußgänger – aber auch einen eigenen Willen hat, wird er nicht jeden Umweg in Kauf nehmen, den ihm die Straßenplaner vorschreiben, und die Straße im Zweifelsfall dort überqueren, wo er es eigentlich gar nicht darf. Unfälle sind dann fast zwangsläufig programmiert.

   Dieses Problem wird sich nach Ansicht von Herbert Gstalter in Zukunft noch verschärfen – Grund dafür ist der sogenannte demografische Wandel, also die steigende Zahl der Älteren in der Bevölkerung. Denn je nach Alter und körperlicher Verfassung kann ein entfernter Überweg ein kaum erreichbares Ziel darstellen – die Straße wird dann doch lieber in nächster Nähe überquert, einfach, weil es anders zu beschwerlich wäre.

   Die Frage, wie sich Unfälle in der Stadt vermeiden lassen, ist nach Meinung der Experten nicht mit einer Handvoll Tipps zu beantworten. Die Verkehrsplaner könnten einiges tun, um die Sicherheit zu verbessern. Das gleiche gelte für Autokonstrukteure, die neben der Sicherheit der Insassen auch Warnsysteme im Blick haben müssten. Weil jedoch vieles davon noch Jahre oder Jahrzehnte auf sich warten lassen dürfte, ist es einmal mehr vor allem der Mensch, der gefordert ist. Und dabei vor allem der Autofahrer. Der nämlich ist bei den niedrigen Geschwindigkeiten in der Stadt am besten geschützt, kann aber bei Fußgängern und Radfahrern für schlimme Verletzungen sorgen. Die Experten weisen in diesem Zusammenhang vor allem auf die Faktoren Zeit und Stress hin: Ist der Zeitplan für die Fahrt durch die Stadt zu eng, kann schon ein kleiner Stau beim Fahrer für Stress sorgen. Und Stress erhöht immer auch die Unfallgefahr – nicht zuletzt in der Stadt. Heiko Haupt (dpa)

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