Auto : Verschrotten? Kommt gar nicht in Frage

Tagesspiegel-Kollegen über ihre Auto-Pläne (II)

Lutz Haverkamp (Politik) fährt einen roten Opel Astra, Baujahr 1997



Mein Auto fährt. Selten, aber immerhin. Und wenn nicht, dann liegt es zuletzt an Batterie, Tankfüllung oder Vergaser. Wenn mein zwölfjähriges Schätzchen steht, steht es mit Absicht allein zu Haus oder ohne Absicht im Berliner Stau. Autofahren und Berlin vertragen sich einfach nicht. Meine persönliche CO2-Bilanz ist vorbildlich: Ich gebe für Sonntagsbrötchen, Sixpacks und Tabak mehr Geld an Tankstellen aus als für Treibstoff. Nächste Woche allerdings fahre ich Auto – zum Tüv. Und es gibt Grund zu der Annahme, dass das schon lange währende Leben meines bewegungsfaulen Autos nochmal verlängert wird. Dann kann es weitere zwei Jahre irgendwo in Berlin rumstehen. 1000 Euro hat die Möhre vor zwei Jahren gekostet. Wenn der Tüv jetzt mitspielt, macht das durchschnittlich 250 Euro für ein Jahr Auto. Abwrackprämie und Neuwagenkauf können da nicht konkurrieren. Und selbst die 250 Euro sind schon fast zu viel für einen Gegenstand, der sich mit dieser Stadt nicht verträgt.

Andreas Conrad (Berlin-Redaktion) fährt einen silbernen Golf II, Baujahr 1984

Genaugenommen habe ich für meinen alten Golf schon mal eine Art Abwrackprämie kassiert. Vor Jahren fuhr hinten einer drauf, nichts Ernstes, aber der Zeitwert von 1500 Mark lag über den Reparaturkosten, versicherungstechnischer Totalschaden also. Mit etwas Farbe und einer Stoßstange vom Schrottplatz sah der Wagen aus wie neu. Und seit vor einem Jahr für 1000 Euro ein gebrauchter Motor samt Abgasreinigung eingebaut wurde – der alte war bei Tachostand 250 000 hin –, darf ich auch in die grüne Zone und spare Steuern, rund 300 Euro pro Jahr. Noch aus anderen Gründen kommt Verschrotten nicht in Frage. Es hängen zu viele Erinnerungen daran. Auch die altmodische Technik sagt mir mehr zu als die der mikrochipgesteuerten Stromlinienmodelle von heute. Allenfalls ist denkbar – es gab schon diese Idee –, den Wagen tatsächlich zu verschrotten und den neuen gleich weiterzuverkaufen. Ein Golf III als Ersatz, nur 14 Jahre alt, also gleichfalls ziemlich oldfashioned, wäre schon in Sicht. Nicht sehr cool, aber dafür gibt es noch als Zweitwagen einen richtigen Oldtimer, MG B, 30 Jahre alt. Und der wird garantiert nicht verschrottet.

Andrea Dernbach (Politik) fährt einen blauen Fiat Lancia Y 10, Baujahr 1992

Unser Auto ist 16 Jahre alt, so alt wie unsere Beziehung, und ich kann mir keine Abwrackprämie vorstellen, die uns zur Trennung – also vom Auto – bewegen könnte. Außerdem rostet die tapfere kleine Sardinenbüchse nicht, obwohl sie Italienerin ist und all die Jahre ohne schützende Garage in Schnee, Regen, Hagel gestanden hat. Das gehört doch mit Loyalität belohnt, oder?

Doris Klaas-Spiekermann (Fotoredaktion) fährt einen grauen Citroen ZX, Baujahr 1993

Zur Zeit fahre ich einen kleinen Franzosen aus den frühen Neunzigern. Ein gutes Auto, na ja, sagen wir mal, ein fahrtüchtiges. Hin und wieder muss das Auto zur Reparatur, so hundertprozentig zuverlässig ist er nicht. TÜV hat er bis in den kommenden Sommer, das genaue Datum müsste ich nachsehen. Vor einiger Zeit hat mir ein anderer Wagen die Vorfahrt genommen. Jetzt hat die Fahrertür eine große Delle. Ich weiß aber seither, dass der Wagen keine 100 Euro mehr wert ist – das sagte zumindest der Sachverständige. Alles in allem viele Gründe für ein neues oder ein neueres Auto. Ich brauche den Wagen beruflich und nicht nur, um mal ins Grüne zu fahren. Da sind 2500 Euro schon ein guter Anfang.

PS: Mir fehlt noch der ganze Rest.

Michael Rosentritt (Sport) fährt einen schwarzen Jeep Cherokee, Baujahr 1990

Ich fahre ein 18 Jahre altes Auto und werde den berühmten Teufel tun, es für ein Neues wegzugeben, nur weil es jetzt eine noch berühmtere Abwrackprämie gibt. Ich kann kein einziges Argument erkennen, warum ich meinen Wagen verschrotten lassen sollte. In gewisser Weise spart das alte Auto mir jährlich Geld: Ich habe schon lange keinen Wertverlust mehr. Selbst bei einem neuen Kleinwagen liegt der in den ersten drei Jahren in etwa der Höhe einer Abwrackprämie. Ich habe mein Auto vor vier Jahren auf die Abgasnorm Euro drei umrüsten lassen. Mit dem Ergebnis, dass das Fahrzeug nicht nur sehr viel sauberer geworden ist, sondern auch in der Steuer billiger wurde. Generell zielt die Abwrackprämie völlig am eigentlichen Sinn vorbei. Mal unabhängig davon, ob man die Automobilindustrie überhaupt mit Maßnahmen unterstützen sollte oder nicht. Für wen macht eine solche Prämie eigentlich Sinn? Meiner Meinung nach eigentlich nur für jene, die sich ohnehin alle vier, fünf Jahre einen Neuwagen zulegen. Diese aber haben von der Prämie nichts, weil ihr altes Auto gar nicht so alt ist. Jene, die sich noch nie ein neues Auto zugelegt haben, sondern für gewöhnlich gute gebrauchte Fahrzeuge kaufen, die haben für ihre bisherige Praxis wohl gute Gründe.

Markus Horeld (Online) fährt einen blauen Ford Scorpio, Baujahr 1997

Hässlich. Das ist das erste Wort, das den meisten Menschen einfällt, wenn sie ein Exemplar der zweiten Scorpio-Generation zu Gesicht bekommen. Vorn große Glubschaugen, dazwischen ein dämlich grinsender Kühlergrill. Hinten ein monströser Kofferraum, abgeschlossen von einer protzigen Lichtleiste. Seine inneren Werte? Wurzelholz-Ambiente in Plastik, vollendete Unübersichtlichkeit nach vorn und hinten, unverschämt hoher Verbrauch. Und trotzdem: Niemals werde ich meinen Ford für eine Abwrackprämie auf den Schrottplatz fahren. Dabei würde ich sogar 300 Euro mehr bekommen als ich seinerzeit für ihn bezahlt habe. Nein, der Wagen ist ein Wunder, in vielerlei Hinsicht: Er geht nie kaputt, er hat unerhört viel Platz und ist nach meiner Wohnzimmercouch die bequemste Sitzgelegenheit, die ich kenne (Rückenschmerzen? Nie!). Das größte Wunder aber ist dieses: Je länger man ihn besitzt, desto schöner wird er.

Sabine Beikler fährt mehrere Autos, die unter die Abwrackregelung fallen

Ich bin Halterin von mehreren Fahrzeugen: ein Ford Mondeo Kombi Diesel, Baujahr 1998, ein VW Golf (1995), zwei Motorräder. Den Ford und ein Motorrad fahren Familienmitglieder. Schon immer bin ich auto- und motorradbegeistert gewesen und will auf Fahrzeuge nicht verzichten. Und die Abwrackprämie greift aus meiner Sicht zu kurz: Sie stützt sich vor allem auf das Alter des Autos und vernachlässigt die ökologischen Komponenten. Dass sich Autobauer in Zeiten der Klimakatastrophe sträuben, ressourcensparende Autos zu vernünftigen Preisen auf den Markt zu bringen, ist eine Frechheit. Deshalb muss noch mehr ökonomischer Druck auf die Industrie erzeugt werden. Das können nur die Käufer. Warum zum Beispiel hat Ford keine Nachrüstlösung für den Mondeo entwickelt? Die Politik ist viel zu untätig. Außerdem: Die Prämie gilt für Pkw ab Euro 4 und die wird auch von sämtlichen neu gebauten Spritfressern erfüllt. So wird die Autoindustrie mit der Prämie auch noch für ihre verfehlte Politik belohnt. Ohne mich.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


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