Versicherungsbetrug : Bumsen für das Portemonnaie

Betrügerische Crashs verursachen hohe Schäden. Oft merken Opfer nicht, dass sie hereingelegt wurden.

Norbert Michulsky

Einmal kurz nicht aufgepasst – und im letzten Moment kommt aus der schlecht einsehbaren Vorfahrtstraße doch noch ein Wagen. Keine Chance zu bremsen, Schuldfrage klar.

Pro Minute ereignen sich in Deutschland 4,4 Verkehrsunfälle. Die meisten davon laufen relativ glimpflich und ohne Personenschaden ab. Aber etwa 12,5 Milliarden Euro sind 2007 laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für die Regulierung von Haftpflichtschäden aufgewendet worden. Und: Nicht jeder Crash ist so wie er scheint. Auf 1,5 Milliarden Euro schätzen die Versicherer den Schaden, der ihnen durch absichtlich herbeigeführte Unfälle entsteht. Neben komplett inszenierten Schäden, bei denen alle Unfallparteien am Betrug beteiligt sind, spielen dabei auch provozierte Verkehrsunfälle eine Rolle. Dabei handelt es sich meist um eine Unfallsituation mit, siehe oben, scheinbar eindeutiger Schuldfrage. In Wahrheit wurde die Kollision jedoch vom vermeintlichen Opfer provoziert (Szenejargon: Auto-Bumser). Für den Betrüger hat diese Vorgehensweise den Charme, dass sein Unfallgegner oft gar nicht realisiert, dass beim Crash nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Drei Methoden kommen bei provozierten Unfällen besonders häufig zum Einsatz. Mal nutzen die Täter ihnen bekannte Besonderheiten der Verkehrsführung aus, beispielsweise eine Fahrbahnverengung oder einen unübersichtlichen Kreisel, und erzwingen beim Spurwechsel einen Streifschaden. Ebenfalls beliebt ist der provozierte Auffahrunfall, bei dem an einer Ampel, die von Gelb auf Rot schaltet, in letzter Sekunde abrupt abgebremst wird – idealerweise wenn der Hintermann dicht dran ist. Die dritte Nummer: Die Täter warten an einer Kreuzung mit Rechts-vor-links-Regelung auf einen Wagen, um dann im letzten Moment noch zu fahren. Das ausgewählte Fahrzeug kann nicht mehr ausweichen. Es kommt zum Unfall.

Ziel der Täter, die häufig als organisierte Banden auftreten, ist es, sich über den abgerechneten Blechschaden möglichst viel Geld von der Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallopfers zu erschwindeln. Rechtlich gesehen handelt es sich bei einem vorsätzlich herbeigeführten Unfall um einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr – erst recht dann, wenn sogar Verletzungen der Unfallbeteiligten in Kauf genommen werden. Das wird mit Geldstrafen oder sogar einer Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren geahndet.

Allerdings ist das Theorie. In der Praxis lassen sich provozierte Unfälle schwer erkennen. Keimt der Verdacht, dass ein Unfall vorsätzlich herbeigeführt wurde, sollte man deshalb unbedingt die Polizei rufen und die eigene Versicherung informieren. Wichtig sind Angaben dazu, ob der Unfallgegner hätte bremsen oder ausweichen können, oder ob er sogar sein Fahrzeug beschleunigt hat. Entsprechenden Hinweisen kann die Polizei dann schon bei der Unfallaufnahme nachgehen. Außerdem kann sie prüfen, ob die Fahrzeugschäden tatsächlich zum geschilderten Unfallhergang passen. Auch Fotos sind wichtig: von den Unfallspuren, den Endlagen und von allen Seiten der beteiligten Fahrzeuge. Erschwert wird die Arbeit von Polizei und Versicherern dadurch, dass Verkehrsunfälle nicht zentral erfasst werden. Deshalb lässt sich nur schwer prüfen, ob ein Wagen oder ein Fahrer schon häufiger in einen Unfall verwickelt war.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben