Auto : Versuch macht klug

Mit dem Elektro-Volvo und anderen Helfern will Familie Lindell ihren CO2--Ausstoß drastisch reduzieren

Nein, eine Big-Brother-Familie sind wir nicht“, sagt der Schwede Nils Lindell. Trotzdem: Ein bisschen etwas von einer Reality-Show hat es schon, was der 52-jährige Organisationsberater in den nächsten sechs Monaten vorhat – gemeinsam mit seiner Frau Alicja und den Teenagern Hannah und Jonathan.

Sie wollen ihren jährlichen CO2-Ausstoß drastisch senken: von sieben Tonnen auf eine Tonne pro Person und Jahr. Und jeder, den interessiert, wie das gehen soll, kann im Internet verfolgen, wie sich die Stockholmer Familie so macht bei der klimafreundlichen Alltagsgestaltung. Auf Youtube und Facebook und unter www.onetonnelife.com.

Die Familie wurde im Rahmen einer Auslosung für das Projekt ausgewählt. „Wir führen ein modernes Großstadtleben. Wir sind gespannt, ob uns das Experiment gelingt“, sagt Nils Lindell. „Und vielleicht sind wir auch ein bisschen Inspiration für andere“, ergänzt Alicja.

Mit sechs bis sieben Tonnen jährlicher Kohlendioxid-Emission fördert der Durchschnittseuropäer den Treibhauseffekt; in Deutschland sollen es nach Expertenmeinung sogar neun bis elf Tonnen sein. Gegen den Klimawandel hilft nur eine drastische Verhaltensänderung – und neue Technologien. Darüber sind sich Wissenschaftler und die meisten Politiker inzwischen einig.

Die Lindells wollen probieren, was geht. Dafür krempeln sie ihr Leben ziemlich um. Sie werden umziehen, ein neues Auto fahren und ihren Speiseplan ändern – nichts wird in dem „One Tonne Life“-Projekt dem Zufall überlassen.

Das neue Familienfahrzeug klemmt schon an der Steckdose. Der Volvo C30 DRIVe Electric fährt mit regenerativem Strom völlig kohlendioxidfrei. In acht Stunden ist die Lithium-Ionen-Batterie voll aufgeladen. Die soll dann für maximal 150 Kilometer reichen – je nach Fahrstil. Die Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h setzt allerdings ohnehin allzu sportlichem Fahrstil Grenzen.

Volvo ist einer der Partner des Umweltprojektes „One Tonne Life“, neben a-hus, einem Hersteller von Energiesparhäusern, und Versorger Vattenfall, der den Ökostrom für die Lindells liefert. Zudem werden neueste energiesparende Haushaltsgeräte von Siemens eingesetzt. Und die schwedische Lebensmittelkette ICA berät die Familie bei der umweltbewussten Produktauswahl fürs tägliche Leben. Im Team wollen die Unternehmen zeigen, dass ein ganzheitlich nachhaltiger Lebensstil keine Abstriche an Lebensqualität und Komfort bedeuten muss. Damit die Familie den aktuellen Energieverbrauch immer auf dem Schirm hat, stattet Vattenfall das Passivhaus mit Smart-Metern (Energy Watch) aus, die den aktuellen Verbrauch in Echtzeit widerspiegeln.

Der Umzugstag der Lindells in ihr energieeffizientes Holzhaus am Rande Stockholms ist also nicht nur wegen der vielen Journalisten aufregend. Wird das funktionieren mit der Solartechnik im kalten Schweden? Wird das Niedrigenergiehaus wirklich kuschlig warm? Und wenn alle nacheinander duschen wollen, steht der Letzte dann im kalten Regen? Wird das gut klappen, nur mit nachhaltig produzierten Lebensmitteln zu kochen? Immerhin ist das ein Hobby der 16-jährigen Hannah. Den 13-jährigen Jonathan interessiert besonders, ob der Strom denn auch immer für seinen Computer reichen wird.

Die Familie rechnet mit jeder Menge Besuch in den nächsten Wochen und Monaten. Nicht nur von Journalisten. „Unsere Freunde sind neugierig, ob wir das schaffen mit der klimafreundlichen Lebensweise“, erzählt Nils Lindell. Das weiße Holzhaus, federführend unter den Fittichen von a-hus-Architekt Gert Wingard, bietet einige Finessen. „Die Hülle des Hauses funktioniert mit ihrer Dreifach-Isolierung wie eine Thermosflasche“, sagt der Architekt. Hervorstehende Fensterrahmen bieten Sonnenschutz und sollen gleichzeitig Energieverlust verhindern. Die Solarzellen sind nach Süden ausgerichtet. Sie sollen zusammen mit dem schwarzen Dach das Design des Hauses abrunden und Strom und Warmwasser sichern. Eine Luftaustauschanlage saugt automatisch in Bad, Küche und Waschküche verbrauchte Luft ab und gibt frische Luft in die Wohn- und Schlafbereiche ab. Die in der verbrauchten Luft enthaltene Wärme wird wiedergewonnen, um die Frischluft zu beheizen. Selbst im schwedischen Winter soll die Belüftung genügen, zusammen mit der Abwärme von Bewohnern und Haushaltsgeräten. Forscher der Technischen Universität Chalmers und das Umweltamt der Stadt Stockholm begleiten das Projekt und behalten die CO2-Bilanz der Familie im Auge. Die beteiligten Unternehmen erwarten von dem Umweltexperiment zudem neue Ideen für die eigene Produktpalette.

„Wir gewinnen durch das Projekt wertvolle Erkenntnisse für unsere Entwickler im Bereich der Elektromobilität“, sagt Paul Gustavson, Manager der Elektrifizierungsstrategie der Volvo Car Corporation. Der schwedische Autobauer will herausfinden, was Verbraucher von einem batteriebetriebenen Fahrzeug erwarten, damit sie Fahrkomfort und Kosten attraktiv genug für einen Wechsel finden.

Wie im Beitrag oben auf dieser Seite berichtet, wird der Volvo C30 schon in diesem Jahr in geringen Stückzahlen produziert und in Testflotten weltweit eingesetzt. Die Göteborger Stadtwerke gehen mit gutem Beispiel voran. Sie haben die ersten zehn Fahrzeuge gekauft. heid

www.onetonnelife.com

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