Volkswagen : Schnell geschaltet

VW baut ein Doppelkupplungsgetriebe mit sieben Gängen – und will jetzt die Polo-Klasse für Automatik begeistern.

Kai Kolwitz

Die Frage „Automatik oder Handschaltung?“ ist nicht zuletzt eine der Fahrzeugkategorie: Ab Mittelklasse darf das Getriebe die Gangwechsel auch ohne Hilfe des Fahrers erledigen, ohne dass Imageschäden drohen. Dagegen haftet den Helfern bei Kompakten und Kleinwagen immer noch ein schlechter Geruch an: Oma-Auto, Hausfrauenporsche, Fahrzeug für Unbegabte. Und überhaupt: langsam, träge und versoffen. Natürlich stimmt das schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Aber Vorurteile halten sich hartnäckig. Doch nun will VW mit seinem neuen Sieben-Gang-DSG automatische Gangwechsel auch in kleinen Fahrzeugen endgültig etablieren.

Wir erinnern uns: 2002 hatte der Hersteller im Golf R32 das Direktschaltgetriebe DSG präsentiert. Revolutionär daran war, dass es zwar automatisch seine sechs Gänge wechseln konnte, sich vom Prinzip aber sehr nah an der Handschaltung befand: kein Drehmomentwandler, dafür aber gleich zwei kleine Getriebe – eins für die geraden und eins für die ungeraden Gänge. Der Vorteil daran ist, dass der nächste Gang bereits eingelegt werden kann, während im vorherigen noch gefahren wird. Hinzu kommen gleich zwei Kupplungen: Während die eine Kraftschluss zwischen Kurbelwelle und Getriebe herstellt, ist die andere geöffnet, beim Gangwechsel werden die Rollen blitzschnell getauscht, der nächste Gang flutscht rein.

Das Ergebnis sind Schaltzeiten von im Idealfall wenigen Hundertstelsekunden – weit schneller als bei konventionellen Automatikgetrieben und auch schneller als per Handschaltung. Die Entscheidung, welcher Gang schon einmal vorbereitet wird, trifft dabei eine Elektronik. Vereinfacht: Steht der Fahrer auf dem Gas, so ist wohl die nächsthöhere Fahrstufe die beste, gibt er wenig Gas oder bremst gar, dann kommt die nächstkleinere Übersetzung an die Reihe.

Da das Steuergerät den optimalen Schaltzeitpunkt weit genauer bestimmen kann als ein normal begabter Autofahrer, ergab sich durch das DSG zum ersten Mal die Situation, dass eine Automatik nicht für Mehrverbrauch sorgte, sondern im Gegenteil den Vortrieb sparsamer machen konnte. Dazu sorgten die kurzen Schaltzeiten dafür, dass der Kraftschluss nie merkbar unterbrochen wurde – und all dies blieb auch den Kunden nicht verborgen. Für VW entwickelte sich das Konzept zum vollen Erfolg: Beim Golf verdoppelte sich der Automatikanteil, bei Touran und Passat vervierfachte er sich.

Grund genug, das Konzept weiterzuentwickeln. Das Ergebnis der Mühen ist das neue Sieben-Gang-DSG, das seit kurzem für den Golf mit 122-PS-Benziner und mit 105-PS-Diesel im Angebot ist – und im Test einen ausgezeichneten Eindruck hinterließ. Kombiniert mit dem aufgeladenen Benziner ergab sich schnell das Gefühl: Mehr Auto braucht man eigentlich nicht. Präzise, schnelle Gangwechsel, genug Kraft am Berg, kräftiger Antritt aus dem Keller. Man könnte zwar via Paddel auch per Hand eingreifen, aber warum? Im Sportmodus schaltet das neue DSG sogar vor Kurven verblüffend präzise in den niedrigeren Gang. Das hätte man selber nicht besser hinbekommen. Woher weiß das Getriebe das nur?

Den Unterschied zwischen Sechs- und Siebengang merkt man beim Fahren nicht unbedingt. Allenfalls beim Verbrauch, der noch etwas niedriger ausfallen sollte, da der Motor noch näher an der optimalen Drehzahl gehalten werden kann. Im Test waren es über Land trotz Berganteil 6,3 Liter im Durchschnitt, auf der Autobahn bei Tempo 130 sogar nur 4,4 – 5,9 Liter gibt VW an, 0,4 weniger als mit Handschaltung.

Für die großen Motoren im Golf ist das neue DSG allerdings nicht erhältlich – und das wird wohl auch so bleiben. Denn die beiden Getriebe sollen nicht konkurrieren, das neue soll das Spektrum nach unten ausbauen: Da es kleiner und leichter ausgefallen ist, passt es auch in den kommenden Polo. Dafür verträgt es aber auch weniger Drehmoment: Bei 250 Newtonmeter ist Schluss, während der große Bruder bis 350 Nm durchhält.

So erfolgreich ist das Konzept, dass auch die anderen langsam nachziehen: Volvo und Ford wollen im Frühjahr mit einer Automatik nach gleichem Muster auf den Markt kommen, auch BMW plant ein Doppelkupplungsgetriebe für das M3-Cabrio. Bei VW ist man trotzdem nicht bange. Und man darf gespannt sein, ob das Sieben-Gang-DSG auch in der Polo-Klasse das schlechte Image der automatischen Gangwechsel beenden wird.

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