Auto : Von langer Hand gereift

Mazda hat den Sechser überarbeitet – und bietet ein solides Familienauto zum Gernhaben an

von

Niemand wird behaupten, der große Mazda wecke Emotionen. Der grundbiedere 626 der neunziger Jahre schien sogar die gehäkelte Klorolle vom Opel Rekord geerbt zu haben, Grund genug für den Hersteller, ihn 2002 von der Erdoberfläche zu tilgen und mit dem rätselhaften „Zoom zoom“ den Typ 6 als Nachfolger zu präsentieren. Den gibt es seit 2008 in zweiter Version – und seit einigen Tagen als eher unauffällig modellgepflegte Novität. Ein paar vom Designteam vorwitzig eingesetzte Ecken und Kanten wirken erst auf den zweiten Blick, vor allem von vorn wurde das schon von den Typen 2 und 3 bekannte Markengesicht – ein Grinsen zwischen Witz und Häme – betont, und in den neuen Rückleuchten manifestiert sich der neobarocke Techno-Zeitgeist.

Das wäre draußen. Mazda aber betont, man habe insgesamt 400 Neuerungen eingebaut, und die machen aus dem modellgepflegten Fahrzeug eins, das sich so gut wie neu fährt. Die vermeintliche Familienkutsche glänzt mit ausgereiften, praktischen Details, problemloser Bedienbarkeit, großem Laderaum – und lässt in der stärksten Dieselversion sogar echten Fahrspaß aufkommen.

In der Mittelklasse sind Billigmaterialien und Klapperkram längst kein Thema mehr, das weiß auch Mazda. Der 6er in der aktuellen Version muss sich vor der deutschen Konkurrenz nicht verstecken, alles wirkt edel, sauber verarbeitet und ist mit ein paar modischen Details – Alu, Klavierlack – dezent geschmückt. Das Interieur schweigt auch dann hochwertig, wenn rabiate Bremsschwellen wie auf den katalanischen Teststrecken den Wagen erst vorn, dann hinten hochreißen; die zwischen Komfort und Dynamik gut vermittelnde Federung lässt die Insassen derlei Folter ebenfalls gut ertragen. Hier haben die zahlreichen Modifikationen des Fahrwerks fühlbar Früchte getragen.

Niemand wird nun gleich behaupten, der Wagen giere nach Kurven und nach lebensrettenden Eingriffen des ESP, aber derlei Fahrdynamik-Fetischimus dürfte der potenziellen Kundschaft auch ganz egal sein. Die erfreut sich eher an der Geräuschdämmung à la Oberklasse, die das optionale Bose-Soundsystem hübsch zur Geltung kommen lässt. Die Benziner zumal sind im Leerlauf kaum zu hören, und auch die Diesel bestechen durch bestens gedämpfte Rauigkeit auch in höheren Regionen.

Den neuen 6er gibt es in sechs Motorvarianten: Drei Benziner, zwei aus der Dreier-Reihe schon bekannte mit 88 kW/120 PS und 125kW/170 PS sowie ein neu entwickelter Zweiliter mit 114 kW/155 PS, der in der Kombination von Leistung und Verbrauch (6,9 l kombiniert) das Optimum darstellen dürfte und das 1,4-Tonnen-Gefährt unauffällig, aber zuverlässig antreibt. Die drei Diesel, sämtlich mit 2,2 Litern Hubraum, leisten 95 kW/129 PS, 120 kW/163 PS und 132 kW/180 PS. Während der kleine eher die Basismotorisierung für City-Handwerker und geruhsame Ausflüge darstellt und der mittlere zwar soliden, aber keineswegs spektakulären Vortrieb bietet, macht der größte, der auf dem Papier kaum nennenswerte Vorteile bietet, aus dem Sechser ein anderes Auto: Bärig zieht es über Autobahnsteigungen, wuselt leichtfüßig durch steile Serpentinen und überholt auch aus dem Drehzahlkeller mit selbstbewusster Attitüde. Der Verbrauch liegt dann zwar weit vom Katalogwert (5,4 l) entfernt, bleibt aber gezügelt, ein Zeichen guter Detailarbeit beim Facelift.

Die Nur-Überarbeitung ist auch der Grund dafür, dass manches wünschenswerte Detail dem späteren Nachfolger vorbehalten bleibt: Eine Start-Stop-Automatik ist nicht zu haben, und auch High-Tech-Spielereien wie beispielsweise Head-up-Displays stehen nicht in der Liste. Immerhin warnt der empfehlenswerte Spurassistent (RVM) vor Andrang im toten Winkel rechts und links, und der Berganfahrassistent nimmt Anfängern die Schrecken dieser Übung. Schade, dass das DVD-Navigationssystem mit Touch-Screen der höchsten Ausstattungsvariante „Sports Line“ vorbehalten bleibt und auch dort noch satte 2500 Euro Aufpreis kostet – da sind andere Hersteller inzwischen mehrere Schritte weiter. Der Endpreis, der mit 22 690 Euro für den kleinsten Benziner-Viertürer beginnt, strebt dann nämlich längst ungemütlich schnell auf die 35 000 Euro zu.

Mazda hat in dieser Wagenklasse insgesamt 26 Mitbewerber gezählt und reklamiert für den Sechser dauerhaft den sechsten Platz in der deutschen Zulassungsstatistik. 60 000 Wagen waren es 2009, im laufenden Jahr sollen 52 000 erreicht werden, das dürfte erreichbar sein. Denn das Unternehmen hat sich zwischen dem gefallenen Engel Toyota und dem etwas abseitig kreativen Konkurrenten Nissan als Insel der japanischen Solidität etabliert. Die Klopapierrolle ist trotzdem nur noch Geschichte.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar