Auto : Von vorne bis hinten ein Gernegroß

Toyota nimmt nächste Woche mit dem Verso S wieder einen Minivan ins Programm – und der hinterlässt bei der Probierfahrt einen zwiespältigen Eindruck

Rainer Friedrich

Es regnet, und das ist nicht gut für den Neuen von Toyota. Denn jetzt rächt sich die schicke Form des Minivans: Wegen der fehlenden Regenrinne tropft beim Öffnen der Tür Wasser auf die Polster – genauso wie beim VW Golf IV. Als unbefriedigend erweist sich beim Toyota zudem der Arbeitsbereich der Scheibenwischer: Der vordere riesige Einarmwischer lässt auf der Beifahrerseite eine große Fläche ungesäubert. Und der Kollege am Heck reinigt nur ein winziges Guckloch. Zum Glück regnet es nicht jeden Tag.

Das Erfreuliche: Dieser schicke Minivan ist mit seinen nur 3,99 Metern Länge zwar der Kleinste dieser begehrten Spezies, aber innen einer der Größten, ein Raumwunder. Er baut nicht mehr, wie der Vorgänger (siehe Kasten), auf dem Kleinwagen Yaris auf, sondern auf dem 2009 bei uns gestarteten SUV Urban Cruiser. Der Innenraum des für fünf zugelassenen Verso S bietet vier Erwachsenen entspannten Freiraum; der Kofferraum (429 bis 1388 Liter) reicht für mehr als nur den Einkauf ums Eck. Im Fond bietet er ein schlaues Sitzsystem, das es in dieser Klasse so noch nicht gab: Per Hebel vom Kofferraum lässt sich die Rücksitzanlage kinderleicht umklappen. Und die Ladefläche ist eben. Ebenso erfreulich die niedrige Ladekante von nur 62 Zentimetern sowie die große Öffnung. Doch was nutzt das, wenn die Zuladung nur klägliche 325 Kilogramm beträgt?

Licht und Schatten finden sich auch im Cockpit: Bequemer Zustieg dank hoch montierter Sitze, die überdies groß, gut geformt und straff gepolstert sind. Bei ihnen stört jedoch die ungenaue Verstellung der Rücksitzlehne mittels nicht mehr zeitgemäßer Ratsche. Insgesamt 19 nützliche Staufächer und Haltevorrichtungen schlucken Kleinkram aller Art. Freie Sicht nach vorn, aber unübersichtlich nach hinten. Parkpiepser für 290 Euro extra sind also Pflicht.

Das Armaturenbrett macht auf den ersten Blick einen ordentlichen Eindruck; auf den zweiten stören die insgesamt sieben Schwarztöne der nicht immer sorgfältig verbauten Plastikteile und Kunststoffe, die außerdem unterschiedlich gemasert sind. Da war Toyota schon mal besser! Dafür bietet der neue Verso S (das S steht für small, also klein) in jeder Ausstattungsversion serienmäßig ein komplettes Sicherheitspaket: ESP und sieben Airbags, inklusive ist einer fürs Fahrerknie.

Weniger schön sieht es bei der Komfortausstattung aus: Der Einsteiger-Verso mit 99-PS-Benziner für immerhin 14 990 ist nackt – weder Klimaanlage noch CD-Radio. Es gibt außerdem kein längs verstellbares Lenkrad, und der praktische höhenverstellbare Ladeboden fehlt auch. Bestimmte Extras sind nicht lieferbar. Allgemein übliche wie auch reizvolle Ausstattungen offeriert Toyota wie die meisten anderen Hersteller auch erst in den teureren Versionen. Wer also wegen seiner Körpergröße ein höhen- und längs verstellbares Lenkrad benötigt, muss 1250 Euro mehr ausgeben – für die Version Cool (ab 16 200 Euro). Dann sind aber auch Klimaanlage und CD-Radio mit drin. Wer es noch ein bisschen schöner und zudem multimedial haben möchte, kommt um die nochmals 750 Euro teurere Ausstattung Life nicht herum. Dann liegt der Preis schon bei 16 950 Euro. Zum Vergleich: Der VW Golf mit 86 munteren Turbo-PS startet bei 16 825 Euro. Dafür hat der Japaner das in der kleinen Klasse nicht alltägliche Multimedia-System „Toyota Touch“ von Haus aus an Bord. Es vereint CD-Radio mit nun sechs Lautsprechern, Bluetooth-Anschluss für Mobiltelefone, Bordcomputer, USB-Anschluss für iPod und Co. Bedient wird alles über einen 6,1 Zoll großen Touchscreen, der zugleich das Bild der serienmäßigen Rückfahrkamera anzeigt. Ab Sommer wird ein 550 Euro teures Navi mit vielen Zusatzfunktionen verfügbar sei. Und für 450 Euro liefert Toyota das größte Glasdach dieser Spezies – eine nette Sache mit Wohlfühleffekt.

Modern gibt sich der 3,99-Meter-Minivan auch beim Fahren. Die leichtgängige Lenkung agiert ausreichend zielgenau, die Federung erfüllt ihre Aufgaben manierlich, solange nicht böse Straßenflicken die Harmonie stören.

Zum Marktstart bietet Toyota zwei Motorisierungen an: einen 1,33-Liter-Benziner mit 99 PS sowie einen 1,4-Liter-Diesel mit 90 PS. Der Benziner soll nur 5,5 Liter Super verbrauchen. Doch weil es dem Vierzylinder an Durchsetzungskraft mangelt, wirkt er lustlos. Merkwürdig: Nur für diesen Benziner gibt es eine Start-Stopp-Automatik, für die Toyota heftige 470 Euro fordert. Gar nur 5,0 Liter Super soll die Sparversion mit stufenloser Automatik und Start-Stopp (ab 18 225 Euro) verbrauchen. In dieser Klasse ein Top-Wert. Theoretisch. Wir kamen auf realistische 6,4 Liter. Diese Automatik passt in die Stadt, weniger auf die Autobahn. Bei Überlandfahrten erweist sich der durchzugsstarke, aber akustisch stets präsente Diesel, der mit 4,3 Litern auskommen soll, als deutlich angenehmerer Partner.

Nur kostet dieser freudvoll agierende Selbstzünder heftige 2350 Euro mehr als der schwachbrüstige Benziner. Also mindestens 18 550 Euro. Für 300 Euro weniger gibt es bei den Japanern aber schon den größeren und komfortableren Kompaktwagen Auris mit dem gleichen Diesel.

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