Vorstellung Audi A4 : Liebe auf den zweiten Blick

Audi steckt in der Designfalle, eigentlich. Doch der neue Audi A4 zeigt, wohin die Reise optisch gehen könnte. Bei Technik und Komfort schießen die Ingolstädter fast schon übers Ziel hinaus. Ist das noch Mittelklasse?

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Überzeugt durch innere Werte: Der neue Audi A4 ist keine Designrevolution, besticht aber durch viel neue Technik und exklusiven Fahrkomfort.
Überzeugt durch innere Werte: Der neue Audi A4 ist keine Designrevolution, besticht aber durch viel neue Technik und exklusiven...Foto: Hersteller

Das ist Ihnen sicher auch schon mal passiert: Sie haben ein Date, freuen sich drauf, und sind dann enttäuscht: Das habe ich mir ja ganz anders vorgestellt. Doch irgendwie kommt man doch ins Gespräch, lernt sich besser kennen, schätzen – und lieben. Viele ereilt die Liebe erst auf den zweiten Blick. Auch mit Dingen kann es einem so ergehen. Vor allem bei Autos wie dem A4. Der ist für Audi das wichtigste Modell. Weltweit wurden bislang über 12 Millionen Stück verkauft. Deshalb muss der Neue wieder besser sein als der Alte, um die Erfolgsgeschichte fortzusetzen. Zumal die härtesten Konkurrenten aus München und Stuttgart inzwischen die Messlatte ein Stück höher gehängt haben und Neulinge wie der smarte Jaguar XE hinzugekommen sind.

Der Audi A4 als neue Businessklasse

Und nun das Auto-Date. Man schaut auf den „neuen“ A4 und fragt sich etwas ratlos, wo denn nun das Neue sein könnte. Zumindest beim Design findet man es nicht sofort. Audi hat ja schon seit einiger Zeit ein Design-Problem. Ein A1 sieht von weitem aus wie ein A8. Und nachdem jüngst schon der technisch absolut überzeugende Q7 kein überzeugend neues Design präsentierte, hat das Führungsteam unter dem Chef Rupert Stadler und dem Chef-Entwickler Ulrich Hackenberg bei der internen Abnahme des neuen A4 die Notbremse gezogen. Der bisherige Chefdesigner Wolfgang Egger, der von Alfa Romeo gekommen war, ist zu Italdesign weggelobt worden.

Nachfolger wurde Marc Lichte, welcher bisher VW-Chefdesigner war und unter anderem die Gölfe gezeichnet hat. Beim A4 konnte er nur noch Nuancen ändern, denn die Werkzeuge waren bereits fertig. So sieht der neue A4 eben fast wieder aus wie der alte, nur schärfer, kantiger und optisch in die Breite gezogen. Doch bekanntlich ist Schönheit nicht alles, schließlich kommt es auch auf die inneren Werte an – nicht nur bei Menschen.
Und da kann der neue A4 wirklich überzeugen. Wer ihn erst einmal ausgiebig gefahren hat, bekommt glänzende Augen. Das Auto ist um drei Zentimeter in der Länge auf 4,73 Meter gewachsen und damit elf Zentimeter länger als ein BMW Dreier. Damit gehört endlich ein kleines Manko im A4 der Vergangenheit an: Die Kniefreiheit wuchs um 2,3 Zentimeter, und nun reist man auch in Audis Mittelklassewagen in zweiten Reihe in der Businessklasse, wenn man nicht gerade über 1,90 Meter groß ist.

Auch von hinten gleicht der A4 seinem Vorgänger, auch wenn er etwas schärfer, kantiger und optisch in die Breite gezogen wurde.
Auch von hinten gleicht der A4 seinem Vorgänger, auch wenn er etwas schärfer, kantiger und optisch in die Breite gezogen wurde.Foto: Hersteller

Unter dem Blech hat sich noch viel mehr getan. Auch der neue A4 musste zur Abspeckkur – mit Erfolg: Limousine und Avant sind jeweils um 110 bis 120 Kilogramm leichter geworden. Das zahlt sich aus – sowohl beim Verbrauch als auch bei der Handlichkeit. Hinzu kommen vorn und hinten komplett neu entwickelte Fünflenkerachsen, womit der A4 nun sogar den Spagat schafft, bessere Fahrdynamik mit höherem Komfort nahezu optimal zu verbinden. Der neue A4 besitzt überdies eine verbreiterte Spur á la A5, mit der er satt auf der Straße steht. Und die neue elektromechanische Lenkung, welche 3,5 Kilogramm leichter geworden ist, offenbart nicht mehr diese zu ausgeprägte Leichtgängigkeit der Lenkung des Vorgängers. Sie arbeitet nun mit der nötigen Straffheit und der richtigen Portion Rückmeldung. Ein großer Fortschritt.

Neu beim Audi A4: Die sparsamen Ultra-Motoren

Außerdem registriert man, dass die Techniker dem neuen A4 seine früher immer mal wieder spürbare Kopflastigkeit ausgetrieben haben, welche vor allem dem Fronttriebler in schnellen Kurven einiges von der Agilität raubte. Der neue A4 fährt sich unglaublich harmonisch und dennoch sportlich. Alternativ zum Standartfahrwerk mit sensibel ansprechenden Einrohr-Dämpfern gibt es nun erstmals zwei Fahrwerke mit elektronischer Dämpferregelung – ein komfortabel und ein sportlich abgestimmtes.
Fehlen nur noch die passenden Motoren, um großen Spaß bei kleinem Durst zu haben. Und die bieten die Ingolstädter in großem Umfang. Das überarbeitete Motorenangebot dürfte im 70 Kilometer weiter südlich gelegenen München für Extra-Diskussionsrunden unter den Entwicklern sorgen. Zum Marktstart im November (bestellt werden kann allerdings schon jetzt) bieten die Ingolstädter sieben Motoren an, welche nach gleichem Prinzip funktionieren: weniger Verbrauch bei höherer Leistung. Im Vergleich zum Vorgänger sind sie um bis zu 21 Prozent sparsamer geworden, und die Leistung konnte dabei um bis zu 25 Prozent gesteigert werden. Von ihnen gibt es unterschiedliche Modifikationen, so auch besonders sparsame Ultra-Versionen. Der sparsamste Benziner hat einen Normverbrauch von nur 4,8 Liter, der sparsamste Diesel (ab 37.100 Euro) kommt auf 3,8 Liter. Damit sind die Audis auf dem Papier sparsamer als die Konkurrenz bei BMW.

Im Innenraum hat sich der Audi A4 richtig gemausert: Das Virtual Cockpit mit ist allerdings nur in einem umfangreichen Paket ab 2950 Euro zu haben. Das Bang-und Olufsen-Sound-System mit 3D-Klang kostet noch einmal 1140 Euro extra.
Im Innenraum hat sich der Audi A4 richtig gemausert: Das Virtual Cockpit mit ist allerdings nur in einem umfangreichen Paket ab...Foto: Hersteller

Je nach Motorisierung gibt es bei den kleinen Dieselmotoren eine Sechsgang-Handschaltung, für viele Benziner serienmäßig das Doppelkupplungsgetriebe S-Tronic, und der Sechszylinder-Diesel ist mit einer fein schaltenden Achtstufenautomatik ausgerüstet. Für die jeweils stärksten Versionen kann der Quattro-Allradantrieb geordert werden. Besonders interessant für Dienst- und solvente Vielfahrer dürfte der Audi A4 3.0 TDI quattro S-Tronic sein (ab 43.100 Euro) mit 218 PS und 400 Newtonmeter Drehmoment. Und das bei einem Normverbrauch von nur 4,6 Litern pro 100 Kilometer. BMW hat diesem Sechszylinder-Diesel nur einen Vierzylinder mit ebenfalls 218 PS entgegenzustellen, der mit Achtgangautomatik 0,4 Liter mehr verbraucht und 150 Euro teurer ist.

Arbeitet wie ein englischer Butler: beflissen, aber unauffällig

Bei einer ersten Testfahrt zeigt sich der Sechszylinder-Selbstzünder im A4 in Bestform: seidenweicher Lauf, kräftiger Durchzug, unmerkliche Gangwechsel und laut Bordcomputer ein Realverbrauch von nur 5,8 Litern in teils bergigem Terrain. Doch das Highlight ist zweifellos der komplett neuer Turbobenziner im A4 2.0 TFSI ultra mit 190 PS (ab 37.350 Euro), welcher nach dem so genannten Miller-Verfahren arbeitet und der mit 11,7:1 vergleichsweise hoch verdichtet ist. Dabei handelt es sich um eine von Audi entwickelte spezielle Steuerung des Ventiltriebs, bei dem das Einlassventil im Vergleich zum normalen Otto früher schließt. Dadurch wird die Luftlademenge verkleinert und das Expansionsverhältnis größer. Dies erhöht den Wirkungsgrad und senkt den Verbrauch.
Wir sind dieses Sahnestück gefahren und restlos davon überzeugt, dass Audi hier seinem Slogan "Vorsprung durch Technik" gerecht geworden ist. Der Vierzylinder klingt zwar etwas rau, zieht aber so kräftig durch wie ein Diesel. Kein Wunder, liegt doch das Drehmoment von immerhin 320 Newtonmetern zwischen 1450 und 4200 Touren konstant an. Mit diesem breiten Leistungsband kommt selbst manch moderner Selbstzünder nicht mit. Die Doppelkupplungsautomatik verrichtet ihre Arbeit wie ein guter englischer Butler: immer beflissen, aber nie auffällig. Das beste Lob. Und beim Normverbrauch nähert sich dieser Otto dem Diesel an: Lediglich 4,8 Liter auf 100 Kilometer gibt Audi an. Dieser Spar-Audi schafft Tempo 210 und sprintet in nur 7,3 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100.

Digitale Revolution: Das Virtual Cockpit im neuen Audi A4 bietet modernste Technik im Oberklasse-Niveau: Das Navigationssystem MMI plus, einen freistehenden 8,3-Zoll-Monitor mit gestochen scharfer Darstellung, ein Hardware-Modul "Audi connect" mit superschnellem LTE-Netz inklusive Hotspot, mit dem alle Passagiere unabhängig mit ihren Smartphones nutzen können.
Digitale Revolution: Das Virtual Cockpit im neuen Audi A4 bietet modernste Technik im Oberklasse-Niveau: Das Navigationssystem MMI...Foto: Hersteller

Großer Spaß bei kleinem Durst? Mit diesem Benziner hat Audi die Pole-Position im Motorenbau erobert. Allerdings geriet der Aufpreis gegenüber dem „Basistriebwerk“ mit 150 PS, im A4 leider ohne die Sprit sparende Zylinderabschaltung, und Sechsgang-Handschaltung (ab 30.650 Euro) mit 6700 Euro ziemlich heftig. Er verringert sich auf 4400 Euro, wenn Audi ab Jahresende dann auch die Handschalt-Version des 190-PS-Ultra-Benziners anbietet, die 35.050 Euro kosten wird.

Der A4 bietet Hightech vom feinsten

Im Innenraum hat sich für die meisten Interessenten das Meiste verändert, und das sieht man auf den ersten Blick. Die digitale Revolution hat nach dem TT und den Q7 nun auch den A4 erreicht. Das tolle Virtual Cockpit mit gestochen scharfer Darstellung ist allerdings nur in einem umfangreichen Paket erst ab 2950 Euro zu habe, inklusive Navigationssystem MMI plus inklusive frei stehendem 8,3-Zoll-Monitor. Vorteil: Mit MMI Navigation plus bekommt der Kunde automatisch das Hardware-Modul Audi connect, das den A4 per superschnellem LTE-Netz mit dem Internet verbindet. Die Mitfahrer können mit ihren Smartphones im fahrenden Hotspot surfen und mailen, der Fahrer die Dienste von Audi connect nutzen. Wetten dass dieses teure Extra-Paket sehr viele A4-Kunden ankreuzen werden? Wer sonst in der Mittelklasse hat so etwas zu bieten?
Und der Audi A4 lässt sich mit nahezu allen Fahrassistenzsystemen aufrüsten, welche schon dem neuen Q7 zu einem Vorsprung durch Technik verholfen haben. Hier der Kurzüberblick: Serienmäßig sind Notbremsassistent, City-Notbremssystem mit Fußgänger-Erkennung, das Pre-Sense-System, welches das Auto auf einen drohenden Aufprall vorbereitet, dazu kommen die Kollisionsfolge-Bremse und der Müdigkeitsassistent. Gegen Aufpreis gibt es den adaptiven Tempomaten, welcher als automatisch den Abstand zum Vordermann hält, bei Bedarf bremst, wieder anfährt und auch automatisch lenkt. Das funktioniert tatsächlich, faszinierend. Allerdings muss man, so fordert es derzeit der Gesetzgeber, nach spätestens zehn Sekunden wieder die Hand ans Lenkrad nehmen, sonst warnt das System und schalet sich dann ab.

Weiterhin gibt es einen Kreuzungsassistenten, welcher Kollisionen beim Abbiegen vermeiden kann, einen Abbiegeassistenten, Verkehrszeichen-Erkennung, einen Spurwechsel-Assistent, einen Querverkehrassistent, einen Parkassistent, der automatisch einparkt und längs auch wieder automatisch ausparkt, eine Umgebungskamera und eine Navigation, welche Daten für das Sensorbündel im Assistenzpaket Tour liefert, so dass eine vorgewählte Geschwindigkeit an die jeweiligen Tempolimits auf der Strecke angepasst wird. Auch das haben wir ausprobiert: Es funktioniert!

Den neuen Audi A4 gibt es auch als Kombi, der traditionell wieder Avant heißt. Doch zum Markstart gibt es den A4 Avant zunächst nur in der 190-PS-Version, weshalb stolze 6250 Euro Aufpreis fällig sind.
Den neuen Audi A4 gibt es auch als Kombi, der traditionell wieder Avant heißt. Doch zum Markstart gibt es den A4 Avant zunächst...Foto: Hersteller

Und im Rahmen des so genannten Prädiktiven Effizienz-Assistent kann der A4 mit Doppelkupplungsautomatik an Bord auch „segeln“. Nimmt man Gas weg, geht der Antrieb in den Leerlauf. Das soll noch einmal rund zehn Prozent Kraftstoff sparen. Und für gestresste Fahrer können sich auf die Ausstiegwarnung verlassen. Eine solche Zahl optionaler Fahrerassistenzsystem hat derzeit kein anderes Modell in der Mittelklasse zu bieten. Allerdings sind bis zu 7560 Euro fällig, wenn alle Fahrerassistenzsysteme in der Aufpreisliste angekreuzt werden.
Auch mit diesem Infotainment-Baustein ist der A4 ganz weit vorn. Das Bang-und Olufsen-Sound-System mit 3D-Klang bringt für 1140 Euro extra phänomenalen Konzertklang ins Auto, welcher die gesamte Fülle des Klangspektrums hochpräzise wiedergibt. Dafür sorgen 755 Watt und 19 Lautsprecher.

Der A4 setzt neue Maßstäbe im Segment

Zeitgleich erscheint dieses Mal auch die Kombiversion des A4, die traditionell wieder Avant heißt. Der Kofferraum fasst gut 505 statt früher 490 Liter. Der Aufpreis beträgt beim Benziner derzeit unglaubliche 6250 Euro, weil es die Kombiversion hier nicht mit 150, sondern erst mit 190 PS gibt.

Und bei den Selbstzündern? Da sind es nur 1850 Euro, weil beide Versionen mit dem gleichen 150-PS-Diesel an Bord starten. Das verstehe, wer will. Immer an Bord ist nun eine elektrisch öffnende und schließende Laderaumabdeckung. Dafür müssen für ein nützliches Schienesystem beim Avant 205 Euro extra gezahlt werden, und die sensorgesteuerte elektrische Heckklappe kostet 570 Euro. Da erscheint es dann schon vermessen, bei der Limousine für eine umklappbare Rücksitzlehne immer 380 Euro Aufpreis zu verlangen.

Der neue A4 setzt als Limousine und als Avant in vielem neue Maßstäbe, leider auch beim Preis: Die 50.000er Marke ist rasch erreicht und sogar schnell überschritten. Doch es faszinieren die vielen teils kleineren, teils größeren Neuerungen und Verbesserungen, welche in der Summe aus dem bekannten A4 ein noch feineres Auto machen, das sich beschwingter fahren lässt als fast jedes andere Modell in der Mittelklasse. Und es ist diese ungewohnte Stille, dieses dank vieler technischer Kniffe bewusste Aussperren der Fahr- und Motorgeräusche, welches schon in eine höhere Klasse gehört.

Willkommen in der neuen, leisen Audi-Welt mit den vielen neuen Möglichkeiten! Darin verliebt man sich unweigerlich. Und Liebe auf den zweiten Blick hat immer etwas Gutes: Sie ist zumeist inniger, und vor allem hält sie länger. Vielleicht doch kein schlechter Schachzug, aus der Not eine Tugend zu machen, und den „neuen“ A4 gar nicht so neu aussehen zu lassen. Dann kann man sich länger am alten, neuen A4 erfreuen, weil der langsamer altert.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


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